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Der Arndt-Komplex 
 
I Die Ausfaelle
 
Erster Ausfall
 
 
 
Arndt konnte seit zehn Uhr mor-
gens keinen körperlichen Schmerz mehr empfinden. Er registrierte dies, als er sich den Arm an der Tischkante stieß.
   Es war ein heller Sonntagvormittag, das Licht stand in weißlichen Bahnen hinter den Gardinen. Arndt nahm seinen Blick von der vor ihm liegenden Zeitung und besah sich seinen Ellenbogen. Er spannte die Muskulatur und hieb den abwärts gerichteten Winkel erneut gegen die Platte. Doch auch nun stellte sich der zu erwartende sensible Reflex nicht ein. Einzig das Geräusch tat weh. Dies jedoch schien Arndt ein eher ästhetisches denn physisches Phänomen zu sein. Da er allein wohnte, denn weitestgehend vermied er Anstrengungen, sprach er nicht drüber. Es verlangte ihn auch nicht danach, war allenfalls ein wenig irritiert, wandte seine Aufmerksamkeit bereits wieder der Zeitung zu. ...
 
 
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  Zweiter Ausfall  
 
 
Auch und vornehmlich an reg-
nerischen Sonntagen ging Arndt spazieren. Oft griff er weit aus, nicht weil ihm schien, es sei den Gedanken körperliche Bewegung nötig - er hielt eine solche eher für störend, weil die ständige Sukzession von Farbe und Geräusch das Kalkül des logischen Schließgangs zerhackte -, doch eben unter der vorsichtigen Kühlung von Wind und Geniesel gelang es Arndt, seine Gedanken ins Kalkül zu schließen und auszupolstern darin. Das drückte auf die Affekte, und es erlaubte insofern eine vorsichtige, distanzierte Überprüfung jeglichen Stranges. Intuitiven Eingebungen mißtraute Arndt und war entsprechend bemüht, seine Erwägungen in nachvollziehbaren Bahnen vor analogen Schlüssen zu schützen. Tiefenscharf, Glied um Glied konturiert, versuchte Arndt, sie auszuformen. ...
 
 
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  Dritter Ausfall  
 
 
Arndt, dessen Denken niemals
anderes tat, als zu urteilen, urteilte nie. Schon lange vergälle ihm, dachte er, dieser Widerspruch alle methodische Reinheit. Ja. Fast bereitete es Schmerzen, auch hierüber nachdenken zu müssen: gedachte Schmerzen nämlich, die ihn darum zwiefach schmerzten (ganz wie eine Elektronik Schmerzen denken muß, der offenbar geworden ist, sich logisch geirrt zu haben). Und gerade das hinderte ihn daran, eine Haltung zu finden, die Handlungen hätte nach sich ziehen können. ...
 
 
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  Vierter Ausfall  
 
 
Arndt begab sich recht spät
nach Hause. Nicht einen einzigen Gedanken befand er für wert, konserviert zu werden, der nicht ohnehin im Gedächtnis haften bleibe. Es schien ihm - vorausgesetzt freilich, es werde ein gewisser psychischer Mechanismus durchschaut und ihm entsprechend entgegnet - einzig solch ein Erinnerungsfilter geeignet zu sein, Nebensächliches zu trennen von dem, was bewahrt und weiterhin untersucht zu werden verdiene. ...
 
 
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  Fünfter Ausfall  
 
 
So sind auch die Schwierig-
keiten zu verstehen, die Arndt mit emotionalen Bindungen hatte. Gedenkend jedoch der westlich allgemeinen, jedenfalls kulturell stigmatisierten Sehnsüchte nach dem oder der Anderen und einer qua Paarbildung zu gewinnenden paradoxen Identität, konnte selbst Arndt die Sonderstellung nicht leugnen, die Das Gefühl auch in seinem Erleben okkupierte. Nämlich hing er Verdrängungstendenzen sonntags wenn nicht nicht, so doch kaum an. Ihrer erwehrte sich die am Wochenende so wache Kritik, indessen sie Arndt für alle übrigen Tage auf jene einschwor (während derer er sich der an den Sonntagen so bezeichneten "tierischen Reproduktionsnotwendigkeit" unterwarf). Wie anders doch, dachte er und sah in ein hübsches Frauengesicht, das ihm bekannt vorkam, aber er wußte nicht woher, wie anders stünden vorgeblich einfache Völker zu diesem Problem. Freilich mußten die - und er setzte seine Tasse eine Spur zu hart auf den Unterteller, welch ein unangenehmes Geräusch von Porzellanen - gleichsam im Gegenzug der Natur ihren Vorsprung durch intellektuellen Nachhang büßen. ...
 
 
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  Sechster Ausfall  
 
 
Nach einer ausgesprochen
betriebsamen Woche, aus der sich freizudenken Arndt beinah den gesamten Samstag brauchte, war ihm gegen Abend das Gefühl gekommen, er könne sich endlich dem Sonntag auf gewohnte Weise widmen, -- als ihn, schon auf dem Heimweg, etwas bannte. Dieses Etwas zwang Arndt auf so nachdrückliche Weise in seine Imaginationen, daß ihm, selbst hätte ihn jemand vorgewarnt, keinerlei Chancen geblieben wären, sich zu entziehen. Gleichzeitig jedoch weigerte sich sein mentaler Wahrnehmungsapparat, dies auch so zu konstatieren. Deshalb begriff Arndt nicht sofort, was da einen solchen Besitz von seinem Inneren ergriff. Und die Vorstellung war ihm überaus zuwider, es könne sein intellektueller Ionisi­rungsgürtel noch nicht undurchlässig genug sein, um die angestrebte gedankliche Freiheit und ergo die Grundlagen der Wahrheitserkenntnis zu gewährleisten. Vielleicht erleide er bloß, hoffte er, einen Rückfall, da nun sogar am Wochenende, das er doch so unnachsichtig von jeder Reproduktionsnotwendigkeit und also Fremdbestimmung freihielt, etwas von außen in ihn hereinbrach. Kaum hatte er die Fahrbahn der Alten Zeil betreten, stolperte er nämlich. Er fing sich, wollte weitergehen. Da fror es ihn unvermittelt fest. Er hielt zwar nicht mitten im Schritt, aber doch Schreitvorgang inne. Die Probleme, die die Gravitation nun abermals seinem Gleichgewichtssinn stellte, registrierte er nicht. Sonst wäre er nun umgefallen. ...
 
 
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  Siebter Ausfall  
 
 
Wenn auch seinem Bewußtsein
schien, als wäre es (und damit er) erwacht, so fand sich Arndt dennoch nicht imstande, sein Bett zu verlassen. Ihm ging - und offenbar schon zu Zeiten eines intensiven Träumens - der Satz Laotses nach, dem zufolge es, um die Welt zu erkennen, völlig unnötig sei, das Dorf zu verlassen. Hierin fand Arndt mehr Wahrheit, als ihm eigentlich lieb war, und auch wieder nicht: Welch eine Handlungsfreiheit bedeute doch, dachte er, dieses universale Verständnis von Projektion. Darüber hinaus war ihm ja bewußt, daß, was der allgemeine Verstand ein wenig selbstdenunziativ mit "Weltentwurf" meine, daß eben dies nicht nur Sache gar der Sinnesphysiologie, sondern eben auch dessen sei, worauf wiederum der Volksmund mit seinem metaphorischen Idiom einer rosa Brille anspiele, und zwar, so träumte Arndt, nicht nur in sentimentaler, sondern eben auch in konkreter Hinsicht. Wenn mithin er, Arndt, sich beispielsweise einbilde, zu erstarrt zu sein, um sich rühren zu können, und also einem Marmorblock gleich unter der Decke liege, dann werde es ihm - sei nur die Einbildung stark genug - völlig unmöglich sein, auch nur ein Fingerglied zu rühren; er könne sich anstrengen, wie er nun wolle. Ob freilich jemand mit genügend mentaler Kraft sich ausgestattet finde, diese Vorstellung bis hinein in die gewissermaßen Exosphäre aller Imaginationen hochzutreiben, wo sich die Ein- und Ausflüsse des physiologischen und ergo natürlichen Willens zumindest bezweifeln ließen, das nun sei wiederum in persönlichen Konstituenten begründet und entziehe sich - eine düstere Dialektik - dem Kalkül des Bewußtseins. Freilich war das auch einigermaßen gleichgültig, wenn nur die natürlich/physiologischen Zwänge individuell umzuinterpretieren wären. ...
 
 
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  Achter Ausfall  
 
 
Erst im Anschluß an eine Überle-
gung, die sich über Wochen, wenn auch, ganz gegen Arndts Vorstellung von intellektueller Integrität, unbewußt in ihm vollzogen hatte, war er neuerlich, und zwar nun mit besonderem Nachdruck, aufs Fernsehen verfallen. Zuvor hatte er nicht gewußt, was er, um die tägliche Arbeitserschöpfung zu mildern oder gar niederzuhalten, des abends eigentlich tat und also meist versäumte. Da sich nunmehr eine gewisse logische Position gleichsam automatisch bestätigte, so daß Gegenargumenten, die gestochen hätten, kein Bewußtsein blieb, öffnete Arndt nun sogar freiwillig seine Sonntage einer zuvor als rein-passiv übelgesprochenen Rezeption. Zunehmend übrigens zeitfüllender, doch nie rauschhaft, schon weil das seinem wie dem Naturell des bezeichneten Mediums widersprochen hätte. Er tat dies mit um so besserem Gewissen, als ihm ein Vorfall, der sich gleichsam nahtlos in Arndts Denken schmiegte, die neue Perspektive adelte. ...
 
 
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  Neunter Ausfall  
 
 
Innerhalb eines dreiviertel Jah-
res, nämlich im Verlauf sehr genauer Beobachtung der Ausfallsphänomene, mit denen er sich bisweilen geschlagen wußte, hatte es Arndt verstanden, sich ihnen in einer Weise zu stellen, voll Neugier, ja fast ein bißchen gierig, die ihn schließlich sehr befriedigte. Samstag nachmittags, im Anschluß an den Wochenendeinkauf, der ihn stets demütigte, weil er so notwendig und nicht eigentlich aus freiem Willen motiviert war, setzte er sich nun sehr oft in den Sessel vorm Fenster. Freilich bekam er selten etwas anderes zu sehen als einen grauen, diesigen Himmel, durch den nur zuweilen ungehindert Sonnenlicht brach, oder es war mitunter ein wie erträumtes Flugzeug, das übers Firmament strich. Wenn jedoch helles Sonnenlicht auf die Scheiben prallte, ließ Arndt nun jedesmal die Rollos herab, weil ihn der Himmelsüberschwang belästigte. Denn die Helligkeit stammte ja nicht von innen, sondern wurde ihm von draußen aufgezwungen und war demzufolge nicht echt. ...
 
 
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  Zehnter Ausfall  
 
 
Sicherlich waren die Ausfälle,
die sich meist bereits Stunden vor Ausbruch mit einem dumpfen Körpergefühl ankündigten - gleichsam schob sich das von den Waden her aufwärts -, nicht gar so häufig, wie Arndt den Eindruck gewann oder vielleicht sogar gewinnen wollte. Und durchaus war er nicht im reinen mit sich, ob er diese Zustände (wie er sie ironisch für sich nannte) begrüßen oder bedauern solle. Im Verlauf des zurückliegenden Jahres jedoch stellte sich das Problem allmählich auch praktisch, insofern die sonntägliche Intellektualität in die Wochentage schwemmte, was seine Arbeit behinderte. Sie bedurfte einer Routine, der es außerordentlich hinderlich war, wenn er zugleich selbstpsychische Details überdachte. Das geriet sehr schnell in die Alltagsmechanik und hemmte den reibungslosen Produktionsverlauf. Ohnedies hatte Arndt von allem Anfang an gewußt, daß der vorgetriebene, perfektionierte Geist etwas sei, das sich der täglichen Reproduktionsbemühung sperrte und nicht selten sogar im Stande war, sie abzuschnüren. Deshalb war ja so sehr auf der Trennung bestanden worden. ...
 
 
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  Elfter Ausfall  
 
 
Sehr wider seinen Willen war es
doch ein Leiden, das ihn befallen hatte, und zwar, dachte er, eben weil es in keinerlei Weise zuzulassen und auch nicht zugelassen worden war; er hatte ja durchaus verstanden, seine physische Empfindsamkeit aufs Minimum zu reduzieren. Die gereizten Sinne hinterschlichen aber nun die Rigidität, indem Effekte - und Affekte, dachte er - sich zwar nicht mehr körperlich, also psychisch, ausdrücken konnten, jedoch als Phänomene wie Fehlprogramme sich in ihm duplizierten und schließlich den Rezeptionsapparat, dessen Funktionen sein Denken blockierte, ihrerseits im Wege der Hirnphysiologie attackierten. Es war ihm über die letzten Tage hinweg durchaus nicht mehr entscheidbar, was nun Augenschein sei und was nicht. Dieser Zustand strahlte selbst in den Alltag aus, weil die Arndts in ihm sich damit ja gewissermaßen wieder vereinigten, eben weil ihm jedes Datum fehlte, die strenge Trennung zwischen Wochentags- und Sonntagsich nicht nur zu halten, sondern überhaupt zu kontrollieren, welche Erscheinung dem einen und welche dem anderen zugehöre. Die Physik begann, die von Arndt permanent hochgedachten Mauern zwischen Empfindung und Logos zu schleifen. ...
 
 
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  Einige nachträgliche Bemerkungen  
 
  Arndt ist nicht, wie viele andere unter meinem Namen in die Welt gesetzte Figuren, eine erfundene Person, sondern diese Aufzeichnungen gehen auf die Erlebnisse und Denkwelt eines Menschen zurück, mit dem mein Auftraggeber Hans Deters mich 1983 bekannt gemacht und der mich verwirrt hat. Allerdings habe ich erst 1985, ein halbes Jahr, nachdem er Europa bereits verlassen hatte, damit begonnen - nach einigem Zögern zumal -, Arndts Krankheits- oder Geistesgeschichte niederzuschreiben. Deters selbst war es, der mich dazu ermunterte, die Protokolle zu literarisieren, die ich von meinen Gesprächen mit Arndt aufgezeichnet hatte. Er wäre ggbf. gerne bereit, das Ergebnis durchzusehen, und entbinde mich insoweit von unserem Vertrag. ...  
 
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  Alban Nikolai Herbst
Der Arndt-Komplex
Novellen
Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1997
Lektorat Delf Schmidt
ISBN 3 498 02941 X
 
 
 
 
   
 
  Selzer ist ein nicht sehr hochgewachsener, vorgeblich schüchterner Mann mit eingefallener Bauchdecke. Das steht ihm recht gut. Als mir ein Geschäftsfreund erzählte, Selzer befinde sich in ständigen Liebesnöten, dachte ich noch nicht daran, diesem Mißstand abzuhelfen. Dessen kann ich Sie versichern. Ich verfüge nämlich, ohne mir schmeicheln zu wollen, über Geschmack. Und er ist auf ersten Blick fast ein Repräsentant des in der Ministerialbürokratie beschäftigten Beamten. Ich traf ihn dann aus Anlaß einer Museumseröffnung, bei welcher der bekannte Kulturreferent H* sprach, von dem ich ursprünglich hatte kosten wollen. Bis mich, unter vielerlei literarbetrieblichen Devotionen, der Fernsehmoderator und neuerliche Emporkömmling Sch* mit Selzer bekanntmachte...  
 
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  Alban Nikolai Herbst
Selzers Singen
Erschienen im FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSBLATT, 8. Mai 1994.
 
 
 
 
   
 
  Da kriegst du als Stadtmensch ein Stipendium am Land. Zwar schlecht dotiert; aber wenig, so denkst du, sei besser als nix. Zumal nicht Gläubiger noch das Finanzamt es antatschen dürfen. Und stellst Dir schon vor, Briefe zu schreiben, auf deren Absender Schloß besonders fett ausgedruckt ist. Solln sie dich auf deinem Herrensitz doch mal besuchen kommen... An einen simulierten Freizeit-Park denkst du, an Eisköniginnen und Butzenscheiben aus Plastik. Und natürlich stellst du dir vor, mit lauter echten Künstlern zusammenzukommen. Mit solchen wie dir. Also Leuten, die ihre Feinde in der Mode- und Kosmetikbranche bis auf die Epidermis trietzen...  
 
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  Alban Nikolai Herbst
Die Wiepersdorfer Ankunft
Erschienen in „Von Büchern und Menschen“, Jahrbuch des Verlages Schöffling & Co., Franfurt am Main 1997.
 
 
 
 
   
 
  Meine Damen und Herren: Wegsprengen!
Ich sage »wegsprengen«, meine Damen und Herren, weil sich in Deutschland die Sprengung als absolutes Säuberungsmittel erwiesen hat, als schnell, als gründlich und als effektiv. Der Sprengmeister ist der Zahnarzt der Städte, man kann Häuser nicht ziehen wie Zähne mit verfaulten Wurzeln, nein, das stimmt... aber sie einreißen? Um Herrgotts willen! Meine Damen und Herren, würden Sie Ihrem Zahnarzt gestatten, den Zahn, anstelle ihn zu ziehen, vor der Entfernung mit einem Hämmerchen erst in Splitter zu schlagen? Na bitte, also! Es ist, um schmerzlos zu verfahren, in jedem Lebensbereich eine gewisse Brutalität vonnöten, ein krankenschwesterlicher Hang zum Durchgreifen, etwas, möcht ich sagen, resolut Humanistisches...
 
 
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  Alban Nikolai Herbst
Ein Sprengmeister
Erschienen in: „Bahnhof Berlin“, Hrsg. von Katja Lange-Müller, München 1997.
 
 
 
 
   
 
  „Ach je“, sagte Gortzheimer. „Ach je. Alles soll immer so schnell sein.“ Über der Theke lief grün und weiß ein Fußballspiel mit schwarzen Punkten. Gortzheimer war ein leicht untersetzter Mann in den frühen Fünfzigern, der sich seit ein paar Monaten nur noch alle sechs Tage rasierte: Das halte frisch, behauptete er. Tatsächlich schien er von Woche zu Woche jünger zu werden, offenbar im selben Maß, in dem er sich weigerte, weiterhin Fahrpläne, Öffnungszeiten, ja sogar Vorstellungsdaten zu akzeptieren. „Ich mag mich nicht mehr einspannen lassen“, erklärte er mir beim Bier, „ich gehe ins Kino, wann es mir paßt.“ So stand er nun nicht selten vor geschlossenen Türen und mußte nach einiger Zeit unverrichteter Vergnügungsdinge wieder abziehen. „Lieber das“, sagte er, „als in der Schlange zu stehen und meine Zeit von anderen vergeuden zu lassen.“ Ob er nicht so sehr viel mehr Zeit verliere? Ich leckte mir Schaum von der Oberlippe. Man könne keine Zeit verlieren, erwiderte er ruhig, man könne sie nur gestohlen bekommen... Er lachte. Aber ich sah ihm an, wie unglücklich er im Tiefsten seines Herzens war...  
 
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  Alban Nikolai Herbst
Bornholmer Hütte
Berlin 2003.
 
 
 
 
   
 
  Wir hatten, als wir sie kommen hörten, nicht mit der Unheil, mit gar nichts dergleichen gerechnet. Wir wußten ja nicht einmal, daß es sie gab. Doch ahnten wir etwas, die Unheil kündigt sich durch Stimmungen an. Nur daß das nicht anders ist, als wenn Ihr an der Küste merkt, das Wetter kippt: Hinter der See balle sich heraufziehend Schwarz. Aber Berlin liegt nicht am Meer. Deshalb nannten wir das entschieden „irrational“. Mit Recht. Man muß arbeitsfähig bleiben. Wir lachten. (Die Verwendung des Wortes „wir“ ist seit Ankunft der Unheil nicht mehr problematisch. Vielleicht war es das auch schon vorher nicht, und sie hat uns das zurück in die Körper gebracht. Insofern wirkt, wenn auch zu spät, die Unheil klärend. – Nicht länger problematisch ist ebenfalls das Wort „uns“.)...  
 
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  Alban Nikolai Herbst
Die Unheil
Juni/Oktober 2004
 
 
 
 
   
 
  Es ist Charlotte nichts zugestoßen. Glauben Sie mir. Jedenfalls nichts, was sie nicht schon kannte. Woran sie sowieso gewöhnt war. Ich habe bloß einen Fehler gemacht, das ist alles. Und doch wieder nicht. Nur hat jetzt alles eine andere Ordnung. Ich habe verloren und gewonnen und so ein esoterisches Gefühl. Aber bitte. Sie sind wegen dieser dummen Anzeige hier und haben Ihre Fragen zu stellen. Das verstehe ich. Auch wenn es absurd ist....  
 
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  Alban Nikolai Herbst
Auf ein Bild von John Collier
Feb./März 2004
Erschienen in: Tierische Liebe.
Geschichten von gefährlichen Liebschaften.
Hrsg. von Bettina Hesse. Eichborn Berlin 2005.
 
 
 
 
   
 
  Sehr geehrte Damen und Herren,
ich halte es Ihrem Widerstreben zum Trotz für notwendig, Ihnen diesen Arbeitsbericht vor- und darin meine speziellen Erlebnisse darzulegen, die zu meiner von Ihnen bis jetzt bestrittenen Straftat geführt haben. Bevor ich dieses Geständnis - oder sehen Sie es als Beichte, die ihren Ablaß will – nicht niedergeschrieben habe, werde ich keine Ruhe finden. Obwohl ich zugestehe, unterdessen nicht mehr ganz sicher zu sein, wie und ob ich meine Tat überhaupt bewerten oder nicht besser dem Gewahrsam meines Unbewußten überantworten sollte. Doch will ich es wenigstens versuchen, mich Ihnen verständlich zu machen und werde mich, das verspreche ich, rein an die Tatsachen halten...
 
 
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  Alban Nikolai Herbst
Bericht an eine Lesestiftung
Geschrieben im Mai 2003 nach einer Aktion zum Welttag des Buches, die "das schnellste Buch der Welt" hieß.
 
 
 
 
   
 
  Karina nahm meine Hand. „Kommen Sie jetzt mit“, sagte sie, „ich habe ein Geschenk für Sie.“
Das war merkwürdig, ich hatte sie ja gerade erst kennengelernt. Und auch das ist schon zuviel gesagt. Sie war eine von zwei offenbar Freundinnen, die an der Theke gesessen hatten, als ich – ziemlich erleichtert darüber, daß die Lützowbar an diesem Heiligen Abend geöffnet hatte – hereingekommen war. Ich war eher trüber Stimmung, man flieht ja vor solchen Festen, wenn man getrennt ist, aber noch liebt.
 
 
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  Alban Nikolai Herbst
Kristalle
(für den SWR)
Dezember 2004
 
 
 
 
   
 
  Alles begann in den Zeiten, in denen Architektur noch bedeutsam war. “Bedeutsam” meint: in einem guten Sinn. Wir hielten sie für die Krone der Künste und ahnten die Fußschlinge nicht. Sondern warfen aus den Körben unserer Köpfe Blüten aus Glas und Beton in die Städte. Wir vergaßen, daß ein Sommer so endet. Nur daß die fantastischen Gebilde, die aus den Straßen schossen, vielleicht zwar den Duft ihres Frühlings verloren, nicht aber welkten: Häuser stehen noch nach Jahrhunderten da, auch wenn sie längst gestorben sind und ihre Erbauer an ihnen, wie nun wir, zugrundegingen...  
 
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  Alban Nikolai Herbst
Lappenschleuse Fußgängerzone
Am 29. Mai 2005 vom SWR gekürzt ausgestrahlt.
Vollständige Fassung. Berlin, April 2005
 
 
 
 
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