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Hiermit gestehe ich, nicht der Autor meiner Texte zu sein.
Zwar habe ich das bereits 1987 mitgeteilt, und zwar in der seinerzeit
bei Athenäum erschienenen Repräsentationswulst “Literatur
in Frankfurt. Und 1991, in Keller/Rutschkys “Alltag”, ging
ich nochmals darauf ein. Doch war die Aufmerksamkeit für beide Foren
zu beschränkt. Nun wiederhole ich an dieser hervorgehobenen Stelle:
Hans Erich Deters
ist der Urheber meiner Bücher.
Er hatte weder damals, noch hat er jetzt etwas dagegen, sein Pseudnoym,
also mich, sich lüften zu lassen. Denn er meint, es glaube mir ohnedies
niemand. Und hat recht behalten bis heute damit. Ermessen Sie also mein
Problem. Schließlich ist es beileibe kein Glück, für Deters’
literarische Ausstoßungen ständig den Kopf vorstrecken zu müssen.
Da bin ich jetzt sehr froh, mich der WELT sozusagen berlinrepublikanisch
bekennen zu dürfen. Denn was ich zu meinen Texten beigetragen habe,
ist lediglich mein Name. Dafür hat Hans Deters
mich bezahlt und bezahlt er mich noch. Doch schon, daß der Autor
zwei seiner Romane meiner langjährigen Lebensgefährtin widmete,
ist infam. Daß er obendrein mich selbst zum Gegenstand seiner literarischen
Umtriebe machte, blieb ein völlig unentdeckter Skandal: Denn in seiner
“Sizilischen Reise” trete ich persönlich auf, als nicht
nur Kunst-, nein Spott-Figur. Nur deshalb aber konnte er für sein
neuestes Machwerk, den Pseudo-Fantastischen Roman “Thetis. Anderswelt”,
getrost sich selbst dar-, ohne doch sich bloßzustellen: Peinlich
und prekär sind seine Deppertnisse rein für mich.
Nun kann ich mich, aufgrund unseres Vertrages, dessen nicht erwehren.
Wohl aber will ich hörbar protestieren und dafür eine Aura nutzen,
die mir zwar nicht zukommt, aber zugesprochen wird - und mir die Reißzwecke
aus der Haut ziehen, die mich auf die Seiten der Feuilletons pinnt.
Ich lernte Deters 1981 kennen, im Juni. Depressiv (weil im Wahn, von Studienräten
verfolgt zu sein) war ich von Bremen nach Frankfurt emigriert. Ich schrieb
mich an der Goethe-Universität ein, besuchte zweidrei Seminare und
wurde mit Iris Radisch näher bekannt. Wie jeder gehemmte junge Mensch
hatte auch ich paar Gedicht- und Geschichtchen geschrieben. Ich zeigte
sie ihr. Sie zeigte sie dem Jahrhundertdichter Roon, ihrem Lebensgefährtin.
Er bestellte mich zu ihnen ein. Um machte mich fertig. Freilich hatte
er völlig recht. Ich besaß allerdings nicht die nötige
Distanz, das zu erkennen. Dennoch, ich heulte erbärmlich und mußte
dem Zürnenden schwören, nie wieder eine Zeile Dichtung zu Papier
zu bringen. - Der Roon und sein Radieschen entließen mich Jammernden
im klaren Bewußtsein, die deutsche Literargeschichte gerettet zu
haben, in die naßklamme Nacht.
Ich schleppte mich ins Bahnhofsviertel. Im Mosel-Eck sprach mich ein hagerer,
eleganter Herr an: Was mir denn fehle? Ich schüttete mich aus. Er
bestellte mehrere Biere und versprach, mir zu helfen. Nämlich habe
er ein wegen dessen Andersartigkeit ganz ähnliches Problem... - Ach!
Wäre ich nicht betrunken gewesen, kaum hätte ich mich auf seinen
abstrusen Vorschlag eingelassen. Er stellte sich als Hans Erich Deters
vor. Seit seiner Kindheit habe er, erzählte er, das Gehirn voller
Geschichten. Er leide unter Kompensationszwang. Außerdem habe er,
als Pubertierender, den Fehler begangen, Conan Doyle und Freud mit Fix
& Foxi simultanzulesen. Er müsse sich von solchen Prägungen
lösen und schreibe sie sich aus dem Kopf. In seiner inneren Freiheit
und also denkerisch beeinflußt zu sein, könne er sich seriöserweise
nicht erlauben. Doch quäle ihn nun all das Zeugs in Gestalt müllbergähnlicher
Papierstöße. Die einzige Möglichkeit, ihrer Herr zu werden,
sei, den Auswurf zu veröffentlichen. Verantwortung für solche
Bücher möge er indessen nicht übernehmen. Er wolle aus
dem Leid, das ihm in seiner Kindheit widerfahren, auf keinen Fall Kapital
schlagen: verzichte also auf Tantiemen, Ehrungen, all dies. Außerdem
entstamme er einer historisch belasteten Familie; das sei ihm zwar an
der bundesdeutschen Börse vonnutzen, in der Literatur indessen ekle
ihn larmoyant-inverses Reüssieren. Wenn sich nun jemand bereitfände,
die Konsequenzen seiner Vertracktheit auf sich zu nehmen, werde er nicht
kleinlich sein. Zwar hätte ich geschworen, niemals wieder schreiben
zu wollen - “das dürfen Sie, sollten wir handelseinig werden,
auch nicht mehr tun!” -, ein Grund hingegen, nicht zu veröffentlichen,
sei das wohl kaum. “Haben Sie nicht davon geträumt, berühmt
zu werden?” Wovon ich denn lebte? Ich erzählte etwas von BAFÖG.
Er lachte mokant und nannte eine Zahl, die mich restlos besoff. “Jährlich?!”
fragte ich. “Pro Monat”, sagte er. Ich schlug ein in die mir
zugestreckte Hand.
Bereits zwei Tage später trafen wir uns abermals. Er hatte drei Vertragsexemplare
dabei, je eines für uns und eines für den Notar. 18 Paragrafen,
peinlichst genau formuliert. Der Vertrag läuft über 24 Jahre.
Auf mein Nachfragen erklärte Deters süffisant: “Ich werde
im Oktober dieses Jahres mein literarisches Werk beginnen und im Oktober
2005 abgeschlossen haben. Es steht Ihnen danach dann frei, ob Sie Ihren
Roonschwur halten oder nicht doch, wenn auch an meiner Stelle, weiterschreiben
wollen.” Ich hatte das unabweisbare Gefühl, der Mann sei verrückt.
Doch mich lockte die Apanage.
Tatsächlich hub mein pekuniäres Wohlsein an, aber auch, so weiß
ich nun, psychisch mein Verhängnis. Bereits vier Monate später
erschien unter meinem Namen Deters’ erstes Büchlein. Das brachte
mir anfangs einigen Spaß. Ich durfte zu meinen Monatsschecks einen
kleinen Literaturpreis einstecken, wurde viel fotografiert usf. Damals
trafen Deters und ich ziemlich häufig zusammen; das waren jedesmal
märchenhafte Mittagessen. Als 1982 der List-Verlag einen Roman bei
mir bestellte und ich Deters informierte, ließ er mir - “aus
dem Fundus”, behauptete er - ein Typoskript schicken. 1983 erschien
das Ding und wurde furchtbar verrissen: Man solle mir Geld dafür
zahlen, daß ich aufhörte zu schreiben, ließ in der FAZ
Herr Ayren verlauten. Wie konnte er wissen, daß ich tatsächlich
Geld dafür bekam, daß ich nicht schrieb? Das hatte Witz. Doch
verfolgten mich meine Nachbarn wochenlang mit höhnischen Blicken.
So ging das Elend los. Noch ertrug ich es zukunftsfroh. Mußte allerdings
das Buch jetzt lesen, weil ich zu Vorträgen eingeladen war. Zu denen
konnte ja schlecht Deters erscheinen.
Die Lektüre war schrecklich. Deters hatte Erlebnisse recycelt, die
ich ihm während unserer Treffen aus meinem Leben erzählt hatte,
und sie mit gänzlich irrsinnigen Konnotationen versehen, ja nicht
einmal Halt davor gemacht, meine sexuellen Bänglichkeiten auf das
hemmungsloseste zu affichieren. Außerdem ist nicht wahr, daß
Ulf Laupeyßers Vater Apotheker war (so nennt Deters seine Hauptfigur
in “Die Verwirrung des Gemüts”). Er meint in Wahrheit
meinen Onkel. Auch lebte Laupeyßer (Deters?) bis 1981 mitnichten
in Bremen; jedenfalls ist mir sowas nicht bekannt. Ich selbst aber tat
es. Schon 1982 also der Versuch, seinem Publikum die eigene mit meiner
Autobiografie zu verstellen. Die junge Frau namens Agnes, die in dem Roman
eine so große Rolle spielt, ist nicht Laupeyßers, sondern
meine Freundin gewesen; Deters beschreibt sie überdies falsch: meine
Agnes war brünett, “seine” ist blond. Mehr noch situiert
Deters die Wohnung seines Helden an meine alte Adresse (Admiralstraße
118), kennt sich aber in den Räumlichkeiten nicht aus. Ich versichere
Ihnen, niemals einen Kohleofen in Bremen gehabt zu haben. Hinwiederum
sind die Angestellten des vorgeblichen Autohauses Schmidt in Wahrheit
diejenigen der Anwaltskanzlei, in der ich vor dem Abendgymnasium meine
Lehre gemacht habe.
Ich rief Deters an, er lachte nur und verwies auf den Vertrag.
So geht das nun über die Jahre hin. Freilich habe ich versucht, etwas
über ihn herauszubringen. Aber auch sein Name ist falsch. Jedenfalls
ist ein Hans Deters in keinem Frankfurter Brokerhaus bekannt. Ich habe
ihn verschiedene Male beschattet, einmal sogar eine Detektei eingeschaltet;
die Leute drucksen jetzt nur noch so rum. Wahrscheinlich hat er sie geschmiert.
Ich treffe ihn dreiviermal monatlich, er gibt mir Papierstößchen
und fordert mich auf, sie herumzuschicken. Ein Ende meiner Leiden ist,
für die noch folgenden sechs Jahre jedenfalls, nicht abzusehen.
Lange habe ich darüber nachgedacht, und bisweilen tu ich das noch
immer, was den Menschen bewogen haben mag, mir ein solches Geschäft
vorzuschlagen. Doch kann ich lediglich spekulieren. Wie etwa läßt
sich die Figur des Alexander Bertrecht im Roman “Wolpertinger oder
Das Blau” interpretieren? Auch der ist ja ein Dichter, den es quält,
daß er dichtet. Gleich epileptischen Anfällen erbrechen sich
Stanzen aus ihm heraus. Wie sich dieser Mann, der zur RAF gehörte,
bewußt ist, etwas so gänzlich Unsinniges wie der Arbeiterklasse
Abträgliches zu tun, wenn er schreibt, - so mag wiederum Deters meinen,
der Vormachtstellung des Kapitals und also seiner Bösenkunden qua
Literatur zu schaden. Vielleicht versucht er, sich dem durch Benutzung
nicht nur meines Namens, nein: meiner Existenz zu entheben. Sozusagen
bin ich Hans
Deters’ leibhaftiges Abtestat. Und außerdem: Hätte
nicht scheinbar ein Autor namens “Herbst” sowohl den “Wolpertinger”
als auch nunmehr “Thetis. Anderswelt” geschrieben, - müßten
die Bücher dann nicht als autobiografische Romane gelesen werden?
Heißt nicht die Hauptperson in beiden Fällen “Deters”?
Nun also. Nur meinetwegen ist niemals ein Interpret auf den Gedanken verfallen,
“Wolpertinger” und “Thetis. Anderswelt” seien
mehr als literarisches Spiel. Ich hingegen darf Ihnen versichern: Die
Bücher sind in gewissem Sinne Lebensabschnittsmemoiren. Und alles,
was man über Deters wird herausfinden wollen, wird sich darin finden
lassen. Über mich hingegen nichts.
(c) by ANH, 1995/ 1999
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