Kleine Poetiken
Texte
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  Es gibt Texte, die spülen einen wie von weit zurück an, auch wenn das, wovon sie erzählen, kaum 71 Jahre her sein mag und sie selbst keine 24 Jahre alt sind.
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  Ach sie kam und wollte ihn sehen, nur wieder sehen, ihre späte Liebe vielleicht, vielleicht ihre Jugendliebe, oh die Gärten, in denen sie saßen!.
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  Die vielleicht böseste, zynischste, zugleich liebe- und machtvollste Absage an Theodor W. Adornos Verdikt, man könne nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben, hat kein Theoretiker, hat ihr keineswegs Hans Magnus Enzensberger mit seiner berühmten Replik, aber wahrscheinlich auch nicht Celan erteilt, sondern der jüngst verstorbene österreichische Dichter Hans Carl Artmann.
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  Manchmal ist ein Gedicht Vorgänger, und es muß nicht einmal gut sein, um eine Wirkung zu haben, die es zu einer Art Begleiter macht, Lebensbegleiter sogar; ist es aber gut, scheint es von weitertragender Bedeutung zu sein als seine Leserin oder sein Leser: Man wird dann ganz stumm.
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  ... Ich stelle dieses Prosagedicht hier – und auch sowieso nur auszugsweise - vor, um die Kultursministerkonferenz, die sich um den Lehrstoff unseres Nachwuchses kümmert, nachdrücklich aufzufordern, sogenannte Kunstwerke wie dieses ein für alle Mal aus dem Unterricht zu verdammen. Und wenn man sie nicht wegschweigen kann, müssen sie umformuliert werden ...
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  Unter den Dichtern seiner Generation – Paulus Böhmer wurde 1939 geboren – ist er der Saurier, der junggebliebene Weise, ein Rocker der Sublimation und Schöpfer großer lyrischer Wortmaschinen.
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  Manchmal kommen einem Gedichte unter von einer restlos unheimlichen, weil so höchst grausamen Naivität.
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  Die Harzreise ist eines der längeren Gedichte Goethes, ich lese es hier gekürzt, was unstatthaft ist, - statthaft aber wiederum doch, als dies, mit Man Ray gesprochen, die Schale nicht größer sein läßt als die Banane, kurz: Ich habe Ehrfurcht vor dieser Lyrik.
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  "Nur das Schwierige ist anregend", schreibt der Kubanische Dichter Lezama Lima in seiner so klassisch gewordenen wie für die deutsche Literatur unmaßgeblich gebliebenen Essay-Samlung "Die amerikanische Ausdruckswelt": Nur das Schwierige sei anregend, denn nur der uns herausfordernde Widerstand könne unser Erkenntnisvermögen "geschmeidig krümmen und in Gang halten".
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  Die Zeit der Liedermacher ist vorbei, zusammengebrochen mit den politischen und sozialen Hoffnungen, von welcher die Bewegung immer getragen wurde – und zwar auch in denen, die sich tatsächlich oder scheinbar separierten, schließlich aber doch, etwa durch die heute endgültig vergessene Friedensbewegung, von ihnen ergriffen wurden.
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  Ich lernte Ravenna zweimal kennen, einmal im Nebel, davor aber über ein Lied, das wie ein altes aber nicht alt ist, weshalb ich seinen Text für Kitsch hielt wie vieles von diesem Dichter.
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  Laden... nein: "Hektor furchtbar hinein", wie das Grauen der Nacht, schreibt Homer und fügt in Johann Heinrich Vossens Übersetzung vierundzwanzig Versfüße später hinzu, es hätte schwerlich ein Begegnender "jetzt ihn gehemmet". Die gesamte Szene am Ende des Zwölften Ilias-Gesanges strotzt nur so von Gewalt und Brutalität, wie ja überhaupt die Brückenpfeiler unseres Humanismus fast alle in einen aus blutiger Erde verrührten Morast hineingestoßen worden sind, heißen sie nun Ilias und Odyssee oder gar Altes Testament...
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  Manchmal jagt eine unvermutete Böe durch den Garten, es ist Herbst, eben schien noch die Sonne: Jetzt räumen wir den Tisch ab, als müßten wir fliehen.
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  Wie lange ist es her, daß sie ging? Oder ging ich?
Wir sitzen am Küchentisch, das haben wir uns angewöhnt, hier zu sitzen, seit wir wieder alleine sind, eigentlich nur noch hier, vom ersten Schluck Kaffee an, morgens aus dem Becher geschlürft, den Du immer "Kump" genannt hast....

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  Bis die Romantik begann, ging der ästhetische Blick zum Himmel hoch: Von ihm wurde Erlösung erwartet aus dem irdischen Jammertal. Ästhetisch war die Erde immer noch flach, immer noch wölbte sich über sie eine Kuppel, auf die Spitzen von Kirchen gestützt, immer noch fiel, wer auch nur zur Seite schaute, in den Okeanos des Ungestalten, in die scheinbar die Fäden nicht langten, an denen Gott seine Marionetten führte oder sie von seinen Stellvertretern auf Erden führen ließ....
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  Ach wie gut tut Spott mitunter! – einem jedem jedenfalls, der sich dauernd mit Gedichten beschäftigen muß. So ernst umgerührt, so überaus wichtig daherstolzierend kommen einem manche Metaphern vor, und immer – auch dort, wo sie, wie bei Celan, eine wirkliche Verletzung, im Wortsinn, bedeuten – behalten sie doch, wenn man nur mal den Kopf ins Licht dreht, etwas lächerlich Verschraubtes. Freilich ist, daß sich Lyrik dieser Gefahr und Gefährdung aussetzt, auch ein Teil ihrer Güte: Es ist ja nicht der geringsten Risikos das, sich verlachen zu lassen.
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  Kommt der unterdrückte verbotene Dichter aus dem Osten in den Westen... ach schön die Freie Welt, kaum Kontrollen am Schlagbaum, bloß ein paar Fragen, und wie die Sonne scheint! Selbst die Schatten sind so sympathisch geworfen, und so drücken sich einem sogar die Grenzer ans Herz: Was immer er sagen mag, dieser Dichter, so soll er’s doch sagen – hierzuland bei uns kümmert sich eh keiner drum.
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