| Alban Nikolai
Herbst über |
|
| André Heller: Esther |
|
|
|
|
| Die Zeit der Liedermacher ist vorbei, zusammengebrochen
mit den politischen und sozialen Hoffnungen, von welcher die Bewegung
immer getragen wurde – und zwar auch in denen, die sich tatsächlich
oder scheinbar separierten, schließlich aber doch, etwa durch die
heute endgültig vergessene Friedensbewegung, von ihnen ergriffen
wurden. Dadurch, daß die einstigen außerparlamentarischen
Oppositionen und überhaupt jeder bürgerrechtliche Widerstand
sich teils in den Parlamentarismus integrierte und nicht nur, wie die
Grünen, partei- und kompromißfähig, wenn nicht aus Machtkalkül
kompromißlüstern wurde, sondern sich in allerlei mehr oder
minder abstrusen, bisweilen äußerst gewaltbereiten Außenseitergruppierungen
zersplitterte, wurde der Weg frei für eine rundweg – wie man
das damals nannte – progressives Denken belächelnde allgemeine
Anerkenntnis des Kapitalismus. Die Texte der alten Liedermacher, hört
man sie heute noch einmal durch, haben aus moderner Sicht inso-fern nicht
nur etwas verstaubt Naives, oft auch hemmungslos Kitschiges, sie sind
meist auch viel zu einfach gebaut und erzeugen unmittelbar das Gefühl
einer wohli-gen, kindheitsähnlichen Nostalgie. Aber nicht immer.
Ausgerechnet diejenigen Sän-ger, denen man gern Unmoral nachsagte
– bisweilen tat man’s, etwa im Fall Konstantin Weckers, durchaus
zu Recht –, haben Texte... ja, man muß sagen: hinterlas-sen,
die auch heute noch nichts von ihrer sperrigen Schönheit verloren
haben. So kehren sich die Wertigkeiten um: Was einmal beinah als reaktionär
oder bedingungs-los selbstbezogen galt, zumindest als weltfremd, hat sich
eine ganz besonders welt-haltige Widerstandskraft bewahrt, die fast überzeitlich
wirkt und heute deshalb viel-leicht sogar mehr ergreift, als sie es damals
hätte können. Zu diesen Liedermachern gehörte der vielgeschmähte
André Heller, der, ganz wie der francoisvillonsche Wecker, recht
eigentlich mehr Poet als Barde gewesen ist, umfassend literarisch gebildet
dazu, mit einem bisweilen nicht recht erträglichen Hang zum Kitsch,
aber auch mit der Fähigkeit, diesen Kitsch gleichsam zu schärfen,
ihn ungeheuer zu machen, wie wir das von Tangoliedern her kennen. Konsequenterweise
hat Heller für seine Arrangements die Nähe Astor Piazzollas
gesucht und auch gefunden – wie sich über-haupt die Namen der
Musiker, mit denen er zusammenarbeitete, wie ein Who’s Who der neueren
Musikgeschichte lesen, das vor allem insofern zeitgenössisch ist,
als es keinen Unterschied macht zwischen U und E; das einzig wirkliche
Kriterium ist Güte, und eben nicht munter, sondern hintergründig
wird Toni Strickers Schrammelorchester mit René Clemencic und dem
Arnold-Schönberg-Chor gemischt: ein überaus wirksamer ästhetischer
Synkretismus, der ein direktes Ergebnis der hellerschen Poesie ist und
seinerzeit, nämlich 1976, zumindest im deutschsprachigen Raum höchst
ungewöhnlich war. Der trauernden Bosheit etwa, die den eingangs zitierten
Text trägt, wird die Folie eines fast unmerklich gebrochenen Schönklangs
unterlegt: Er sagt einem, wie das Gedicht – das auf ersten Hinblick
nicht anders als eine Prosastu-dio wirkt – zu lesen sei: zwar melancholisch
und also innengerichtet, aber dennoch – nämlich deshalb –
höchst aggressiv. Der Liebe, die hier offenbar ihren Abschied nimmt,
ist die Verletzung immer schon eigen gewesen... nämlich der Liebe
überhaupt: Das Brennesselhaar, die Störung des Schlafes, die
ständige Angst vor Ver-lust... aber dann – es ist geradezu
eine klassische Abwehrbewegung – dreht sich die Unsicherheit in
einen Vernichtungsschlag, der im gleichen Maß pathetisch aufgewertet
werden muß – „ich beginne zu beten“ -, wie sich
die Verlustangst in den Schlaf des Liebenden hineingedreht hat. „Wohler
war mir allein“, sagt das lyrische Ich und weist die ihm per se
fremde Freundin – es gibt kein lyrisches Wir - auf eine Weise ab,
die das lyrische Ich, geradezu paradox intervenierend, ganz besonders
erhöht. Klarer, verräterischer und zugleich doch nachfühlender
kann die Psychodynamik eines Melancholikers kaum dargestellt werden: Ich
werde, wovor ich mich fürchte, schon herzustellen wissen. Erst der
realisierte Verlust hat die Angst gebannt und läßt es zu, daß
der Liebende mit allerbestem Gewissen trauert und seine Lust nunmehr aus
einer Trauer saugt, die niemand ihm mehr wegnehmen kann. Dabei ist diese
Liebe nicht etwa verlogen, im Gegenteil so groß, daß sie den
Melancholiker tatsächlich gefährdet. Deshalb die verniedlichende
Wortwahl: das durchsichtige, ephemer wir-kende Wasserzeichen, das Papierdampferchen
als Herz, das Übersetzen von Küste zu Küste. Interessanterweise
wird genau dies durch die Musik Ingfried Hoffmanns fast unerträglich
aufgemotzt, was ganz genau dieselbe Bewegung wiederholt, die der Me-lancholiker
– also das lyrische Ich - in seinem Text vorvollzogen hat. Melancholie
ist immer ein Kennzeichen des lyrischen Ichs und Trauerlust die Substanz,
die es, genauso immer, nährt. Der Kitsch, mit denen der Poet seine
Zeilen zu ölen scheint, ist kalt wie das Seziermesser, das die besungene
Liebe zerschneidet. Und die Musik, die den Seziervorgang begleitet, deckt
sich als so aufgeplustertes Plumeau darüber, daß der Hörer
den Schnitt erst spürt, wenn die Aorta schon klafft. Nun bleibt ihm,
wie dem Melancholiker, nichts andres mehr übrig, als seinen Blutverlust
– zu genießen.
|
|
|
(c) by
ANH, Berlin, Januar 2002 |