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Berlin hat sich verändert. Schauen Sie nur nach rechts,
nach links: Sehen Sie? Der ständige Wechsel von Straßennamen,
die zahllosen Um- und Neubauten - ganze Viertel sind niederplaniert worden
in den vergangenen Jahren - haben aus unserer einst in ihr Selbstmitleid
hineingeschmorten Stadt die modernste, weil flüchtigste Metropole
Europas gemacht: Wir nennen unser Zentrum nicht City oder centro storico
oder Altstadt, sondern schlicht und zugleich stolz BANNMEILE, meine Damen
und Herren. Trotzdem sind wir fast so synthetisch wie Frankfurt am Main.
Sauber ist unser Zentrum sowieso. Sie können, wenn Sie wollen, vom
Asphalt essen vorm Reichstag. Nur... bitte... tun Sie das nicht! Sie machten
bloß den Wachschutz nervös. Das wäre nicht gut. Im Zentrum
wohnen nur Regierungsbeamte und Diplomatische Chöre & Stäbe.
Außerdem Touristen, die sich das leisten können. Die haben
schließlich Angst um ihr Geld. - Wie bitte? Nein, seit die Staatsoper
zur Radrennhalle umgebaut worden ist und das Gorki-Theater Pop-Konzerten
dient... Komische Oper? Sie meinen das Disney-Kino? Was wollen Sie?! Wie
sind seit je, und mit Freuden, der 51. Unsichtbare Stern auf Washington's
Paxroll... Jedenfalls trägt unser Kulturetat keine Leiden mehr. Bewahre!
Die Bühnentransformation in zuschauerfähige Kunst hat zahllose
Kleinbürgerwähler gebracht. Sagen Sie bloß nicht, wir
verstünden nix von Demokratie.
Ganz richtig: Die Bannmeile reicht ostwestlich von Sevilla über die
Champs Elysées bis Wellington's Monument und weiter in Unter den
Linden, im Norden noch über Venedig hinaus. Auch die Oranienburger
Straße hat man endlich gesäubert und den sozialen Abhub nach
Osten deportiert. Ich kann Ihnen sagen: Das ist ein Volksfest gewesen!
Seit der letzten Love Parade hat man nicht solches Gaudi erlebt. Hunderte
begeisterter Bürger! Vor Warschau sind die asozialen Klumpen vom
Kipper gerutscht. ntv hat das Ereignis exklusiv übertragen, vorm
Roten Rathaus wurde es auf eine Leinwand projiziert. An Stelle des alten
Tacheles steht nun... richtig: da drüben!: das Moskauer GUM. Wie
Sie wissen ist es vor ein paar Monaten von HERTIE, HARROD's & CO.
übernommen worden. Da strömt seitdem halb New York ein und aus
und diskutiert den vorletzten Golfkrieg. Hoffentlich sind auch wir Deutschen
nächstes Mal dabei. A propros: dort, bitte, die Synagoge. Mann bei
Mann Polizei. Ach wir lieben unsere Exekutive! Wie bitte? Ja, das weiß
ich auch nicht. Nein nein, das kann Ihnen niemand sagen, ob die drohen
oder hüten. Wenn das nicht stimmenfreundlich ist!
Südlich reicht die Bannmeile bis etwa Neapel. - Würden Sie bitte..?
Ja, danke, danke sehr. Also das alte, einst so gefährliche Gelände
von Sarajewo ist mittlerweile in festem städtischen Zugriff. Da müssen
Sie keine Angst haben, da können wir ungefährdet durch. Dort,
sehen Sie den Autodrom? Den hat man um den zugeschütteten Führerbunker
herumgebaut. Endlich steht ja auch das Mahnmal. Hätten Sie zu seiner
Einweihung dabeisein können! Heino hat eigens eine Enthüllungs-Kantate
geschrieben und Justus Franz die Uraufführung dirigiert. Die letzten
Kräne, ihrerseits unter Denkmalschutz, tanzten dazu. Im übrigen
ist das Gebiet zur Teststrecke erklärt worden und als Kettenfahrzeugs-Übungsplatz
ausgebaut. Das erkennen Sie unschwer an den Spuren. Sonntag nachmittags
allerdings werden hier Autorennen gefahren, und die Deutsche Schlagerparade
gibt bisweilen international beachtete Freiluftkonzerte. Man hat Sarajewo
in Ascot Heath umbenannt. - Bitte? Ja, das ist richtig. Ende Juni erscheint
immer der Kanzler auf der Ehrentribüne und schaut mit Tausenden Jublern
den kleinen Benzen beim Mahnmal-Flitzen zu. - Wenden wir uns nun bannmeilenauswärts.
Sie müssen nicht erschrecken. Die Panzerchen da sind zu unserem Schutz.
Richtig. Um die Neubauten zu hüten. Hier also beginnen die bürgerlichen
Viertel, ja, im Kreis um das Zentrum herum: Tourville, Kensington, Oberstrass,
Salamanca, Schwabing, Trieste. Im Süden Lichterfelde und Chelsea.
Da sieht man übrigens keine Panzer mehr, die würden die Arbeitgeber
stören. Das wolln wir ja auch nicht, nicht wahr? Berlin braucht solche
Leute, die Arbeit geben. Die werden außen geschützt, ringförmig
stehen Wasserwerfer und zielen aufs mieseste Elend. Wer nicht arbeiten
will, soll nicht essen, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Bei uns können
Sie nachts über die Avinguda de Gaudí schlendern, ohne sich
vor anderen als bloß Polizisten und dem privatem Wachschutz fürchten
zu müssen. Die sind wir hier in Berlin gewöhnt. Wir haben die
richtig liebgewonnen. Nein, ich bitte Sie! Die Leidenschaft des Berliners
sei die Mißgunst, und Zurechtweisung sein Blut? Das ist wirklich
übelste Nachrede! Passen Sie nur auf, daß ich Sie nicht melde
für solche Sprüche! - Also... faßt man das?! - Wie bitte?
Türken? Türken sind die besseren Deutschen, das kann ich Ihnen
sagen. Seit sie Angst vor der Ausweisung ihrer Babies haben, kommen sie
sogar ihrer Meldepflicht nach.
Wir haben es weit gebracht, meine Damen und Herren. Nein, das ist kein
Witz: Selbst die Stadtstreicher üben heimlich Strammstehn bei uns...
Auf Vagabundismus, trotzdem, steht Zwangsarbeit. Das muß man verstehen.
Ich versichere Ihnen: Die Stadtstreicher verstehen das auch! Selbst unsere
Stadtstreicher sind gute Staatsbürger.
Slums? - Na ja, vor den Toren Berlins. Voller Asiaten. Und sonstigen Ausländern.
Auch Neger, pfui! Polen vor allem, richtig, die können nicht mal
Kartoffeln anbaun, so dumm sind die. Die machen immer alles falsch. Da
kann man wirklich nicht erwarten, daß wir das für sie ausbaden
sollen. Warum soll unser hartarbeitender Bürger solche durchfüttern
wie die? Nun? Na also! - Da, wir sind jetzt auf dem Prenzlauer Berg. Die
Bronx von Berlin, sagen Sie? Nee, das ist lange vorbei. Der Kiez ist schon
vor fünfzehn Jahren freigeprügelt worden. Ein Staat muß
sich für Macht oder Wohlstand entscheiden, das haben wir beherzigt.
Soziale Schnorrer kennen wir nicht. Überhaupt sind hier nur wenige
Müßiggänger leben geblieben.
Das da? Ja, das macht uns zu schaffen. Wir kriegen die Leute nicht raus,
ohne die Anrainer zu gefährden. Aber irgendwann müssen die ja
mal Hunger haben. Auch protestierender Pöbel lebt nicht von Luft
und Widerstand allein. Einstweilen, tja, leider, klafft dieses Mietshaus
noch wie ein Relikt zwischen den herrlichsten Steuermodellen.
Der Berliner an sich? Was meinen Sie damit? Nein, Sie, das ist anders.
Richtig, Androiden... nicht völlig synthetisch, nein, nur das Gehirn.
Man hat sich in dieser Stadt freiwillig um Androismus beworben. Sie können
sich gar nicht vorstellen, wie viele das Anpassungs-Zertifikat haben wollten...
es ist halt teuer, tut mir leid, aber allein die Laborkosten..! Doch wer
sich das leistet, dem ist garantiert - ga-ran-tiert, meine Damen und Herren!
-, daß man auch versehentlich keine Vorschriften mehr übertritt.
Deshalb merkt in Berlin auch niemand den Eingriff. Das sollte man sich
schon etwas kosten lassen. So muß auch die Verwaltung keine Steuergelder
mehr für unnötig rabiate... Alleine, was die Wasserwerfer kosten,
da draußen vor Southwalk! Von Ledine, Rakovica und Ottocalli will
ich erst gar nicht sprechen... Diebstähle? Ja, das war ein Problem.
Aber wir sind nun endlich so weit, sie angemessen bestrafen zu können...
Auf Immobilienbetrug stehen zwanzig Jahre Haft, für Totschlag gibt
es vier. Das ist mal vernünftig. Das hat, sag ich Ihnen, die Eigentumsdelikte
fast aussterben lassen. Unser Deutsche Bundestag hat ein- für allemal
klargestellt, worauf es ankommt in Europa. Besonders die USA haben applaudiert
und uns viele Grußadressen geschickt. Ich kann mit Stolz sagen,
daß wir Berliner Prüfstein waren, und an uns, meine Damen und
Herren, wurde die Gesetzes-Novelle für tauglich befunden... Die Wahl
unserer Stadt als Regierungssitz hat sich amortisiert. Schon längst!
Amortisiert, sag ich Ihnen! Amortisiert!
Hans Deters, der der Reisegruppe eine Zeit lang über die sich drehende
Bühne gefolgt ist, kann nicht mehr an sich halten... fängt zu
würgen an, spuckt in den Orchestergraben... Aber als Wachschutz-Legionäre
der Berliner Verkehrs AG verkleidete Schauspieler springen hinterm Vorhang
vor und ziehen ihn mit sich. Wobei sie bellen. Und das Publikum klatscht.
Auf den hinteren Prospekt wird groß die Freiheitsstatue projiziert.
Dann läuft über die Bühne der Bärenmarke-Bär.
Das ist Frank Castorf. Verkleidet.
(c) by ANH, Rom 1998
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