Alban Nikolai Herbst

Das war Berlin

Ein Stücke-Fragment

 

Berlin hat sich verändert. Schauen Sie nur nach rechts, nach links: Sehen Sie? Der ständige Wechsel von Straßennamen, die zahllosen Um- und Neubauten - ganze Viertel sind niederplaniert worden in den vergangenen Jahren - haben aus unserer einst in ihr Selbstmitleid hineingeschmorten Stadt die modernste, weil flüchtigste Metropole Europas gemacht: Wir nennen unser Zentrum nicht City oder centro storico oder Altstadt, sondern schlicht und zugleich stolz BANNMEILE, meine Damen und Herren. Trotzdem sind wir fast so synthetisch wie Frankfurt am Main.
Sauber ist unser Zentrum sowieso. Sie können, wenn Sie wollen, vom Asphalt essen vorm Reichstag. Nur... bitte... tun Sie das nicht! Sie machten bloß den Wachschutz nervös. Das wäre nicht gut. Im Zentrum wohnen nur Regierungsbeamte und Diplomatische Chöre & Stäbe. Außerdem Touristen, die sich das leisten können. Die haben schließlich Angst um ihr Geld. - Wie bitte? Nein, seit die Staatsoper zur Radrennhalle umgebaut worden ist und das Gorki-Theater Pop-Konzerten dient... Komische Oper? Sie meinen das Disney-Kino? Was wollen Sie?! Wie sind seit je, und mit Freuden, der 51. Unsichtbare Stern auf Washington's Paxroll... Jedenfalls trägt unser Kulturetat keine Leiden mehr. Bewahre! Die Bühnentransformation in zuschauerfähige Kunst hat zahllose Kleinbürgerwähler gebracht. Sagen Sie bloß nicht, wir verstünden nix von Demokratie.
Ganz richtig: Die Bannmeile reicht ostwestlich von Sevilla über die Champs Elysées bis Wellington's Monument und weiter in Unter den Linden, im Norden noch über Venedig hinaus. Auch die Oranienburger Straße hat man endlich gesäubert und den sozialen Abhub nach Osten deportiert. Ich kann Ihnen sagen: Das ist ein Volksfest gewesen! Seit der letzten Love Parade hat man nicht solches Gaudi erlebt. Hunderte begeisterter Bürger! Vor Warschau sind die asozialen Klumpen vom Kipper gerutscht. ntv hat das Ereignis exklusiv übertragen, vorm Roten Rathaus wurde es auf eine Leinwand projiziert. An Stelle des alten Tacheles steht nun... richtig: da drüben!: das Moskauer GUM. Wie Sie wissen ist es vor ein paar Monaten von HERTIE, HARROD's & CO. übernommen worden. Da strömt seitdem halb New York ein und aus und diskutiert den vorletzten Golfkrieg. Hoffentlich sind auch wir Deutschen nächstes Mal dabei. A propros: dort, bitte, die Synagoge. Mann bei Mann Polizei. Ach wir lieben unsere Exekutive! Wie bitte? Ja, das weiß ich auch nicht. Nein nein, das kann Ihnen niemand sagen, ob die drohen oder hüten. Wenn das nicht stimmenfreundlich ist!
Südlich reicht die Bannmeile bis etwa Neapel. - Würden Sie bitte..? Ja, danke, danke sehr. Also das alte, einst so gefährliche Gelände von Sarajewo ist mittlerweile in festem städtischen Zugriff. Da müssen Sie keine Angst haben, da können wir ungefährdet durch. Dort, sehen Sie den Autodrom? Den hat man um den zugeschütteten Führerbunker herumgebaut. Endlich steht ja auch das Mahnmal. Hätten Sie zu seiner Einweihung dabeisein können! Heino hat eigens eine Enthüllungs-Kantate geschrieben und Justus Franz die Uraufführung dirigiert. Die letzten Kräne, ihrerseits unter Denkmalschutz, tanzten dazu. Im übrigen ist das Gebiet zur Teststrecke erklärt worden und als Kettenfahrzeugs-Übungsplatz ausgebaut. Das erkennen Sie unschwer an den Spuren. Sonntag nachmittags allerdings werden hier Autorennen gefahren, und die Deutsche Schlagerparade gibt bisweilen international beachtete Freiluftkonzerte. Man hat Sarajewo in Ascot Heath umbenannt. - Bitte? Ja, das ist richtig. Ende Juni erscheint immer der Kanzler auf der Ehrentribüne und schaut mit Tausenden Jublern den kleinen Benzen beim Mahnmal-Flitzen zu. - Wenden wir uns nun bannmeilenauswärts.
Sie müssen nicht erschrecken. Die Panzerchen da sind zu unserem Schutz. Richtig. Um die Neubauten zu hüten. Hier also beginnen die bürgerlichen Viertel, ja, im Kreis um das Zentrum herum: Tourville, Kensington, Oberstrass, Salamanca, Schwabing, Trieste. Im Süden Lichterfelde und Chelsea. Da sieht man übrigens keine Panzer mehr, die würden die Arbeitgeber stören. Das wolln wir ja auch nicht, nicht wahr? Berlin braucht solche Leute, die Arbeit geben. Die werden außen geschützt, ringförmig stehen Wasserwerfer und zielen aufs mieseste Elend. Wer nicht arbeiten will, soll nicht essen, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Bei uns können Sie nachts über die Avinguda de Gaudí schlendern, ohne sich vor anderen als bloß Polizisten und dem privatem Wachschutz fürchten zu müssen. Die sind wir hier in Berlin gewöhnt. Wir haben die richtig liebgewonnen. Nein, ich bitte Sie! Die Leidenschaft des Berliners sei die Mißgunst, und Zurechtweisung sein Blut? Das ist wirklich übelste Nachrede! Passen Sie nur auf, daß ich Sie nicht melde für solche Sprüche! - Also... faßt man das?! - Wie bitte? Türken? Türken sind die besseren Deutschen, das kann ich Ihnen sagen. Seit sie Angst vor der Ausweisung ihrer Babies haben, kommen sie sogar ihrer Meldepflicht nach.
Wir haben es weit gebracht, meine Damen und Herren. Nein, das ist kein Witz: Selbst die Stadtstreicher üben heimlich Strammstehn bei uns... Auf Vagabundismus, trotzdem, steht Zwangsarbeit. Das muß man verstehen. Ich versichere Ihnen: Die Stadtstreicher verstehen das auch! Selbst unsere Stadtstreicher sind gute Staatsbürger.
Slums? - Na ja, vor den Toren Berlins. Voller Asiaten. Und sonstigen Ausländern. Auch Neger, pfui! Polen vor allem, richtig, die können nicht mal Kartoffeln anbaun, so dumm sind die. Die machen immer alles falsch. Da kann man wirklich nicht erwarten, daß wir das für sie ausbaden sollen. Warum soll unser hartarbeitender Bürger solche durchfüttern wie die? Nun? Na also! - Da, wir sind jetzt auf dem Prenzlauer Berg. Die Bronx von Berlin, sagen Sie? Nee, das ist lange vorbei. Der Kiez ist schon vor fünfzehn Jahren freigeprügelt worden. Ein Staat muß sich für Macht oder Wohlstand entscheiden, das haben wir beherzigt. Soziale Schnorrer kennen wir nicht. Überhaupt sind hier nur wenige Müßiggänger leben geblieben.
Das da? Ja, das macht uns zu schaffen. Wir kriegen die Leute nicht raus, ohne die Anrainer zu gefährden. Aber irgendwann müssen die ja mal Hunger haben. Auch protestierender Pöbel lebt nicht von Luft und Widerstand allein. Einstweilen, tja, leider, klafft dieses Mietshaus noch wie ein Relikt zwischen den herrlichsten Steuermodellen.
Der Berliner an sich? Was meinen Sie damit? Nein, Sie, das ist anders. Richtig, Androiden... nicht völlig synthetisch, nein, nur das Gehirn. Man hat sich in dieser Stadt freiwillig um Androismus beworben. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele das Anpassungs-Zertifikat haben wollten... es ist halt teuer, tut mir leid, aber allein die Laborkosten..! Doch wer sich das leistet, dem ist garantiert - ga-ran-tiert, meine Damen und Herren! -, daß man auch versehentlich keine Vorschriften mehr übertritt. Deshalb merkt in Berlin auch niemand den Eingriff. Das sollte man sich schon etwas kosten lassen. So muß auch die Verwaltung keine Steuergelder mehr für unnötig rabiate... Alleine, was die Wasserwerfer kosten, da draußen vor Southwalk! Von Ledine, Rakovica und Ottocalli will ich erst gar nicht sprechen... Diebstähle? Ja, das war ein Problem. Aber wir sind nun endlich so weit, sie angemessen bestrafen zu können... Auf Immobilienbetrug stehen zwanzig Jahre Haft, für Totschlag gibt es vier. Das ist mal vernünftig. Das hat, sag ich Ihnen, die Eigentumsdelikte fast aussterben lassen. Unser Deutsche Bundestag hat ein- für allemal klargestellt, worauf es ankommt in Europa. Besonders die USA haben applaudiert und uns viele Grußadressen geschickt. Ich kann mit Stolz sagen, daß wir Berliner Prüfstein waren, und an uns, meine Damen und Herren, wurde die Gesetzes-Novelle für tauglich befunden... Die Wahl unserer Stadt als Regierungssitz hat sich amortisiert. Schon längst! Amortisiert, sag ich Ihnen! Amortisiert!
Hans Deters, der der Reisegruppe eine Zeit lang über die sich drehende Bühne gefolgt ist, kann nicht mehr an sich halten... fängt zu würgen an, spuckt in den Orchestergraben... Aber als Wachschutz-Legionäre der Berliner Verkehrs AG verkleidete Schauspieler springen hinterm Vorhang vor und ziehen ihn mit sich. Wobei sie bellen. Und das Publikum klatscht. Auf den hinteren Prospekt wird groß die Freiheitsstatue projiziert. Dann läuft über die Bühne der Bärenmarke-Bär. Das ist Frank Castorf. Verkleidet.

(c) by ANH, Rom 1998