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Die Sonne scheint in Berlin, das Asphalt schmilzt ganz ungenötigt
zwischen einer Siegessäule, die sich besinnlich für den Präsidenten
sonnt, und vom Eise befreit sind Strom und Bäche und von den grillenden
Menschen die Raine des Tierparks. Selten wurden die Vögel zu froh.
Selbst Rehe lassen sich im Hellichten sehen und fürchten sich nicht
vor den Schützen, weil die auf sie nicht im Anstand liegen. Sich
statt dessen furchtbar langweilen müssen. Drei Kilometer nördlich
futtern GSG-9ler ihre Frühstücksbrötchen. Der Besuch des
US-amerikanischen Präsidenten hat über die deutsche Hauptstadt
einen Frieden gebracht, nach dem wir uns seit 89 wahnsinnig sehnten. Man
hat den Eindruck innigster Verbrüderung. Paar Demonstranten kloppen
mit Grenzschützern Skat. Diese verlieren dauernd, aber sie werden
mit Brezeln getröstet. Allüberall Brezeln, das wird dem Präsidenten
wundersam sein, wenn er das sieht. Sogar die Straßenzeitungen "Motz"
und "Stütze" haben in Konfirmationsanzüge gesteckte
Solidaritätsdelegationen geschickt. Die Penner ganz unwahrscheinlich
rasiert. Und weil es vorm sowjetischen Ehrenmal derart feiertägig
zugeht, hat Mr. Gerhard Schroeder für Mr. George Busch dort einige
der sinnigsten deutschen Autoren aufgestellt, ganz vorne Mr. Durs Grünbein,
lächelnd und ohne Heiner Müllers Zigarre, weil der sensible
Präsident einen solchen gesundheitspolitisch inkorrekten Anblick
nicht ertragen hätte. Müller soff ja schlimmer Bernstein. Von
solchem Schmutz ist Berlin in diesen Tagen frei. Auch Mr. Hans Christoph
Buch steht dabei, gerade kam er von unsren Jungs in Somalia zurück
und hat noch den Nato-Helm auf: zur Tarnung, wie er Mr. Michael Rutschky
zuraunt, der neben ihm strammsteht. Mr. Gustav Seibt muß sogar weinen,
als der mächtige Texaner dem Trüppchen Dichtung zuwinkt. Es
ist allein Mr. Ingo Schulze, der sich zurückzuwinken traut, schließlich
kennen sich die beiden über Mr. Philip Roth. Selbstverständlich
steht, das Pülkchen zu betreuen, auch die Agentin Mrs. Karin Graf
dabei. Sie hat für den Freitag Abend mit der Präsidentengattin
eine Gaudi am Wannsee geplant, auf welcher sich die Au-toren mit US-amerikanischen
Wimpeln bewerfen: die einen sollen die Bösen sein, die anderen die
Guten. Es hat, soweit ich vernahm, über die Zuordnung nur im Vor-feld
Streitigkeiten gegeben. Von denen merkt nun niemand mehr was. Soviel zur
Li-teratur.
Ich hörte, bei den bilateralen Gesprächen seien Themen vermieden
worden. Das ist kein Grund zur Kritik, sondern gut so. Die Todesstrafe
zerstört nur die Stimmung. Und einen Internationalen Gerichtshof
braucht der Frieden nicht. Das zeigt Berlin seit Mittwoch abend überdeutlich:
Konflikte werden wir fortan in allerchristlichster Liebe behandeln und
Schulter an Schulter die Welt von ihrer Schuld erlösen. Die Anarchos
haben, den Besuch zu ehren, die schwarzen Klamotten gegen Jeans und T-Shirts
in Weiß ausgetauscht. Selbst die radikalsten Demonstranten sahen
davon ab, sich als Waffengegner zu gerieren; sie wissen unterdessen: Alle
sitzen wir im selben Boot. Und pullen, was das Zeug hält. Und mäßigen
unsern Protest.
Zu einer völlig unerwarteten Szene kam es Donnerstag abend. Da löste
sich der mu-tige Präsident von seiner Begleitung, als er ein an einer
Laterne angekettetes Fahrrad sah, das von Vandalen zuammengetreten worden
worden war. "Terrorism", murmelte er und fiel dem Fahrrad um
den Hals. Womit er sich als intimer Kenner der deutschen Literatur- und
Philosophiegeschichte auswies und jeden Rest Mißtrauen, er könne
trotz allem und sozusagen in Wahrheit doch nichts als ein ziehbereiter
John Wayne sein, ein- für allemal zu zerstreuen wußte. Ja,
und dann sagte Mr. Bush jenen historisch werdenden Satz. Es hatte sich
nämlich in das abendliche Festbankett, bei welchem Mr. Joschka Fischer
der Goldene Disney verliehen werden sollte, ein unverbesserlicher Pazifist
eingeschlichen, der die selige, sich nunmehr an Adlon's Ku-linarien sättigende
Stimmung bald schon mit immer neuen, so halblauten wie halbstarken Bemerkungen
sauer machte. Mr. Schröder, wie die Geladenen eine hawaiinesische
Blumenkette um den Hals, winkte den ebenfalls so geschmückten Einsatzkommandos,
es kam zu einem kleinen Wirbel. Schon zückten die Reporter ihre Kameras:
Endlich der ersehnte Skandal, der einem die Titelseite brachte. Die Redaktionen
hatten bereits leise gejammert. Aber Mr. Bush rief "Stop it!"
in den Saal. Ver-wundert, fast erschreckt drehte sich alles ihm zu. Er
hatte mit allergrößter Autorität gerufen, dabei wie zum
Segnen die rechte, kleine Hand erhoben, die den Menschen Ruhe und Frieden
gebot. Völlig Stativ ein jeder Soldat. Doch der Personenschutz die
Hand an der Mauser. Der Präsident lächelte seltsam, fast verklärt.
Und bat mit leiser, liturgischer Stimme seinen Nachbarn, nämlich
Mr. Fischer, den Sitz freizugeben. Ohne auch nur den Gedanken an einen
Widerspruch erhob der sich und schlich zum Ende der Tafel. Dann winkte
Mr. Bush die Geheimpolizisten mit dem jetzt wieder strampelnden Kriminellen
heran. Sie schleppten den Randalierer auch her, einer hielt ihm den vorlauten
Mund zu. Mr. Bush jedoch nahm die grausame Hand des Polizis-ten hinweg
und gab dem uneinsichtigen Mann seine Redefreiheit wieder. Der schrie
nicht etwa jetzt los, sagte nicht einmal mehr was. So baff war er. Zumal
als Mr. Bush ihn höflich bat, für den restlichen Abend neben
ihm Platz zu nehmen. Was der Pazifist auch tat. Die beiden führten
ein stundenlanges, abendmahlhaftes Gespräch. Zuvor jedoch schlug
der Präsident mit seiner Gabel an das Glas, neuerlich wurde alles
mucksmäuschenstill, und dann sagte er diesen ergreifenden, die Geschichtsbücher
von heute an prägenden Satz: "Meine Damen und Herren, unsere
Demokratie hält auch Kriegsgegner aus." Der ganze Saal erhob
sich. Plötzlich war es wieder Pfingsten. Und der Präsident hob
sein Glas. Auch ich hob das meine, auch in mich ergoß sich der demokratische
Geist und wurde im perligen Klingeln von tausend aneinan-derklingenden
Gläsern restlos beschwipst. Wie keiner vor ihm hat Mr. Bush uns Deutsche
endgültig wiedervereinigt und mit uns, das fühlten wir alle,
die Welt.
(c) by ANH, Berlin, Mai 2002
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