Alban Nikolai Herbst

Die Brezeln der Demokratie

Literarisches Streiflicht

 

Die Sonne scheint in Berlin, das Asphalt schmilzt ganz ungenötigt zwischen einer Siegessäule, die sich besinnlich für den Präsidenten sonnt, und vom Eise befreit sind Strom und Bäche und von den grillenden Menschen die Raine des Tierparks. Selten wurden die Vögel zu froh. Selbst Rehe lassen sich im Hellichten sehen und fürchten sich nicht vor den Schützen, weil die auf sie nicht im Anstand liegen. Sich statt dessen furchtbar langweilen müssen. Drei Kilometer nördlich futtern GSG-9ler ihre Frühstücksbrötchen. Der Besuch des US-amerikanischen Präsidenten hat über die deutsche Hauptstadt einen Frieden gebracht, nach dem wir uns seit 89 wahnsinnig sehnten. Man hat den Eindruck innigster Verbrüderung. Paar Demonstranten kloppen mit Grenzschützern Skat. Diese verlieren dauernd, aber sie werden mit Brezeln getröstet. Allüberall Brezeln, das wird dem Präsidenten wundersam sein, wenn er das sieht. Sogar die Straßenzeitungen "Motz" und "Stütze" haben in Konfirmationsanzüge gesteckte Solidaritätsdelegationen geschickt. Die Penner ganz unwahrscheinlich rasiert. Und weil es vorm sowjetischen Ehrenmal derart feiertägig zugeht, hat Mr. Gerhard Schroeder für Mr. George Busch dort einige der sinnigsten deutschen Autoren aufgestellt, ganz vorne Mr. Durs Grünbein, lächelnd und ohne Heiner Müllers Zigarre, weil der sensible Präsident einen solchen gesundheitspolitisch inkorrekten Anblick nicht ertragen hätte. Müller soff ja schlimmer Bernstein. Von solchem Schmutz ist Berlin in diesen Tagen frei. Auch Mr. Hans Christoph Buch steht dabei, gerade kam er von unsren Jungs in Somalia zurück und hat noch den Nato-Helm auf: zur Tarnung, wie er Mr. Michael Rutschky zuraunt, der neben ihm strammsteht. Mr. Gustav Seibt muß sogar weinen, als der mächtige Texaner dem Trüppchen Dichtung zuwinkt. Es ist allein Mr. Ingo Schulze, der sich zurückzuwinken traut, schließlich kennen sich die beiden über Mr. Philip Roth. Selbstverständlich steht, das Pülkchen zu betreuen, auch die Agentin Mrs. Karin Graf dabei. Sie hat für den Freitag Abend mit der Präsidentengattin eine Gaudi am Wannsee geplant, auf welcher sich die Au-toren mit US-amerikanischen Wimpeln bewerfen: die einen sollen die Bösen sein, die anderen die Guten. Es hat, soweit ich vernahm, über die Zuordnung nur im Vor-feld Streitigkeiten gegeben. Von denen merkt nun niemand mehr was. Soviel zur Li-teratur.
Ich hörte, bei den bilateralen Gesprächen seien Themen vermieden worden. Das ist kein Grund zur Kritik, sondern gut so. Die Todesstrafe zerstört nur die Stimmung. Und einen Internationalen Gerichtshof braucht der Frieden nicht. Das zeigt Berlin seit Mittwoch abend überdeutlich: Konflikte werden wir fortan in allerchristlichster Liebe behandeln und Schulter an Schulter die Welt von ihrer Schuld erlösen. Die Anarchos haben, den Besuch zu ehren, die schwarzen Klamotten gegen Jeans und T-Shirts in Weiß ausgetauscht. Selbst die radikalsten Demonstranten sahen davon ab, sich als Waffengegner zu gerieren; sie wissen unterdessen: Alle sitzen wir im selben Boot. Und pullen, was das Zeug hält. Und mäßigen unsern Protest.
Zu einer völlig unerwarteten Szene kam es Donnerstag abend. Da löste sich der mu-tige Präsident von seiner Begleitung, als er ein an einer Laterne angekettetes Fahrrad sah, das von Vandalen zuammengetreten worden worden war. "Terrorism", murmelte er und fiel dem Fahrrad um den Hals. Womit er sich als intimer Kenner der deutschen Literatur- und Philosophiegeschichte auswies und jeden Rest Mißtrauen, er könne trotz allem und sozusagen in Wahrheit doch nichts als ein ziehbereiter John Wayne sein, ein- für allemal zu zerstreuen wußte. Ja, und dann sagte Mr. Bush jenen historisch werdenden Satz. Es hatte sich nämlich in das abendliche Festbankett, bei welchem Mr. Joschka Fischer der Goldene Disney verliehen werden sollte, ein unverbesserlicher Pazifist eingeschlichen, der die selige, sich nunmehr an Adlon's Ku-linarien sättigende Stimmung bald schon mit immer neuen, so halblauten wie halbstarken Bemerkungen sauer machte. Mr. Schröder, wie die Geladenen eine hawaiinesische Blumenkette um den Hals, winkte den ebenfalls so geschmückten Einsatzkommandos, es kam zu einem kleinen Wirbel. Schon zückten die Reporter ihre Kameras: Endlich der ersehnte Skandal, der einem die Titelseite brachte. Die Redaktionen hatten bereits leise gejammert. Aber Mr. Bush rief "Stop it!" in den Saal. Ver-wundert, fast erschreckt drehte sich alles ihm zu. Er hatte mit allergrößter Autorität gerufen, dabei wie zum Segnen die rechte, kleine Hand erhoben, die den Menschen Ruhe und Frieden gebot. Völlig Stativ ein jeder Soldat. Doch der Personenschutz die Hand an der Mauser. Der Präsident lächelte seltsam, fast verklärt. Und bat mit leiser, liturgischer Stimme seinen Nachbarn, nämlich Mr. Fischer, den Sitz freizugeben. Ohne auch nur den Gedanken an einen Widerspruch erhob der sich und schlich zum Ende der Tafel. Dann winkte Mr. Bush die Geheimpolizisten mit dem jetzt wieder strampelnden Kriminellen heran. Sie schleppten den Randalierer auch her, einer hielt ihm den vorlauten Mund zu. Mr. Bush jedoch nahm die grausame Hand des Polizis-ten hinweg und gab dem uneinsichtigen Mann seine Redefreiheit wieder. Der schrie nicht etwa jetzt los, sagte nicht einmal mehr was. So baff war er. Zumal als Mr. Bush ihn höflich bat, für den restlichen Abend neben ihm Platz zu nehmen. Was der Pazifist auch tat. Die beiden führten ein stundenlanges, abendmahlhaftes Gespräch. Zuvor jedoch schlug der Präsident mit seiner Gabel an das Glas, neuerlich wurde alles mucksmäuschenstill, und dann sagte er diesen ergreifenden, die Geschichtsbücher von heute an prägenden Satz: "Meine Damen und Herren, unsere Demokratie hält auch Kriegsgegner aus." Der ganze Saal erhob sich. Plötzlich war es wieder Pfingsten. Und der Präsident hob sein Glas. Auch ich hob das meine, auch in mich ergoß sich der demokratische Geist und wurde im perligen Klingeln von tausend aneinan-derklingenden Gläsern restlos beschwipst. Wie keiner vor ihm hat Mr. Bush uns Deutsche endgültig wiedervereinigt und mit uns, das fühlten wir alle, die Welt.

(c) by ANH, Berlin, Mai 2002