Alban Nikolai Herbst & Deters - Fiktionäre
Es ist ein bittres Flanat der Erotik
 

Was waren das noch für Zeiten! Du schlendertest über die Jungfernstiege, Ku'dämme, Kös, bummeltest an Straßencafés vorbei, deine Augenlider, an denen Sonnenschleier hingen, halb gesenkt, und überall saßen sie und träumten und wipp-ten mit dem einen schlanken Bein. Dann eine junge Dame, leicht vorgebeugt, schimmernden Modetand im Roßkastanienhaar, den linken Rand eines aufgeschlage-nen Taschenbuches streifen mehr, als daß sie es halten, matt lackierte Fingernägel. Und manchmal huscht ein Lächeln über ihre Lippen. Sie schlägt eine Seite um. Du bleibst stehen. Ein neuerliches Lächeln. Da kannst du und willst auch nicht anders, nun steigst du ironisch über deine Scheu, trittst näher, schaust die junge Dame an. Sie sieht hoch, erstaunt. Und eh sie sich belästigt fühlt - immer sollst du dezent sein, doch sei trotzdem direkt! -, eh sie auch nur eine Frage im Blick hat, gestehst du ihr, sie sehe wunderbar aus, wenn sie lese. Und setzt dich. Und sagst: "Ich möchte gern mit Ihnen schlafen."
Ach wie sich das geändert hat! Einmal abgesehen davon, daß selten noch auf schöne Bücher schöne Blicke fallen - eher sieht man die einstmals so eleganten, lässigen Gesten, von denen Seiten umgeblättert wurden, nun hektisch, in zuckendem Rhyth-mus mit gedrückten Daumen an supergrauen Nintendos, nämlich Game Boys, fum-meln -, abgesehen hiervon geht die poetische Szene heut so:
Da sitzt so eine Mademoiselle, und du strengst dich an, den alten Reiz zu halluzinie-ren, was an sich schon, aber keine scheue Kraft mehr kostet, - trittst also heran - de-zent darfst du auch nicht mehr sein, denn man vernimmt dich sonst nicht -, trittst he-raun und fragst: "Entschuldigen Sie, haben Sie heute schon Ihren AIDS-Test ge-macht?" Und wenn du das nicht fragst, so denkst du es und hoffst es bei dir, was al-len erotischen Reiz vollkommen desinfizieren muß. Denn du bist ja nicht naiv und weißt, die Alternative sei mitnichten, wie PIRELLI uns glauben machen wollte, Gummi oder Leben, sondern, denn so will es die Kirche, Erotik oder Rentenalter.
Oder stellen Sie sich folgendes vor: Du sagst: " Ich möchte gern mit Ihnen schlafen", sie indessen erwidert, wobei sie ein paar Mal auf dem Nintendo herumdrückt: "Okay, haben Sie Gummis dabei?" Da kommt man sich gleich als Professioneller vor, ja als... ich will es einmal "Kunde" nennen. Und läßt die Sache doch lieber schon im Vorhinein fahren, nicht weil einem die Lust fehlte, nein aus Gründen des Stils. Der Zauber, der seit je darin gelegen hat, Fremdheit, ja Distanz in einer plötzlichen, glü-henden Nähe aufzuschmelzen, ist durch Aseptik gebrochen und also durch das, was vor vierzig Jahren "Ehehygiene" hieß. Die hat sich nunmehr in Beischlafshygiene er-füllt, ist gänzlich zu sich gekommen, nämlich gesellschaftlicher Tatbestand, geradezu Tatsache geworden. Das ist für die Liebe im Wortsinn frustrierend. Frustra heißt vergeblich und frustra esse: "Man hat sich getäuscht". Seit AIDS erfunden wurde, täuscht man sich nur noch.
Kondome waren in den 50er Jahren eine Art schlechter Altmännergeruch (Arno Schmidt etwa schrieb, er benutze selbst beim Onanieren ein Präservativ), als zöge man dem Tier in sich, das es durch Liebeskunst zu schulen geht, aus Angst vor schlechten Noten eine Plastiktüte über den Kopf: wabbliger Maulkorb, der vor Ge-schlechtsbissen schützt. Nur keine Berührung, war die Devise, und unter ihrem Kura-tel brachte man "die Sache" halt hinter sich, und immer mit schlechtem Gewissen. "Ehehygiene" war der Begriff, der Beschmutzung blocken sollte. In den 70ern ver-gaß man die Dinger allmählich; zwar wurde Eros nun von der Freikörperkultur atta-ckiert, aber immerhin, mit ihr konnte einer spielen, - und bisweilen wurde ja gespielt. Schließlich entdeckten Frauen ihre Sexualität, und nicht länger waren nur sie noch Objekte, sondern zunehmend wurde der Männerkörper interessant, das Maskuline (nicht das Väterliche!) erotisiert. Wenige Jahre zuvor hieß es noch, es komme nicht so sehr darauf an, wie ein Mann aussehe. Diese pfiffigste These des Patriarchats - eine perfide Karrieristenstrategie, sich vor Vergleichen zu schützen - war von den Frauen selbst und mit Nachdruck vertreten. Doch dann schlug das um, erst spürbar kaum, doch gewittrig, und plötzlich gab es wieder femmes fatales, "fatale", das sind "verhängnisvolle" Frauen, Frauen wir Schicksal. Fatal kommt von Fatum. Und zwar Schicksal für wen?
Diese Frauen - und es erfüllt einen mit Lust, daß es sie gab! - machten den Männern nicht nur die Berufe streitig, nein plötzlich auch den Sex, - und sie machten es gut. Wen also kann es noch, daß es zum AIDS kam? Zurück zum Kondom!, das heißt: Zurück in die Fünfziger Jahre!, ja: Zurück in den Biedermeier!, und also: Zurück in den Kolonialismus! Zurück in die Industrialisierung! Und: Zurück zur Macht! - Was konnte Männern, die nach letzterer strebten, besseres widerfahren als dieses Virus? Liegt nicht schon deshalb der Gedanke nahe, man(n) habe ihn erzeugt?
Ach, der Wähnungen gibt es viele!
Eine aber ist sicher, ist Wähnung nicht, sondern ganz offenbar: In Wirklichkeit schützen Kondome nicht. Denn das Virus lebt auch im Blut, und jeder Kuß, bei dem man sich nicht einen Gummi über die Zunge stülpt, bedroht uns am Leben. Die leich-teste Wunde im Mund ist schon genug. Ist er nicht dann wieder da, der schlechte Altmännergeruch, vor dem sich zu schützen die Hure (!) sagt: "Alles, aber bitte nicht küssen"? Und nicht nur im Mund, denn außerdem: Weshalb beschränkt sich die Existenz der Krankheitserreger auf Spermium und Blut? Was hält die Biester davon ab, in Speichel, Lymphe und Schweiß zu siedeln? Eine solche Dezenz macht doch überhaupt keinen chemischen Sinn! Eine Frage der Gewürze vielleicht? Des Bu-ketts? Man weiß es nicht recht. Oder doch? Was also will man uns erzählen? Und wem? Und - bitte! - warum? Plötzlich muß einer für die Liebe in Schutzanzüge für Allergiker steigen, ein jeder sinnliche Weltkontakt ist unterbunden. Er soll nicht mehr sein, seit auch Frauen ihn wollen, denn das gefährdete die Macht. Wn kann noch irritieren, wenn der Statthalter des Patriarchats zu Rom, schon von Berufung kontaklos und also kriegt er kein AIDS, seine Neue Zeit im Cyberspace gekommen sieht? Und die Frauen, aus Infektionsangst mit leichtem Daumendruck in die Män-nerfantasien zurückgestanzt, halten sich abermals einen Messias als Lover, so daß ih-re Männer sich, ungefährdet im Selbstbild, wieder dem Business widmen können, von dem das dauernde und lästige Vergleichen der Frauen sie abhielt und die sie sich mit Managermystik à la Gerd Gehrken verbrämten. Ja welch ein Geheuchel!
Aber nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich fühlt man sich an Witze erin-nert, die unter Pubertätsakne leiden: Behufs Besichtigung einer Gummifabrik werden die Gäste herumgeführt; man kommt in Abteilungen für Fahrräder, Fahrradschläu-che, Autoreifen, für Dichtungen von Waschmaschinen und Kühlschränken - und hält vor einer rosagestrichenen Tür. "Ja, was geschieht denn hier?" Der Gummiführer lä-chelt bepeint und gesteht, es würden dort die Präservative gefertigt. Die nächste Tür ist ohne Farbe. Und wieder die lästige Frage. "Ja, äh", stottert der Bädeker, "hm, äh, hier werden, äh, damit der, äh, Umsatz steigt," Räuspern, "also: die Löcher in die Kondome gestochen." - So hat die bärtige Pointe sich nun gegen den Verbraucher umgekehrt, und die Unternehmen florieren.
Vielleicht ist alles ganz banal, vielleicht war AIDS von London gefühlsecht in Auf-trag gegeben, das Produkt an Äffchen getestet, die man danach, zur Feldforschung und um Spuren zu verwischen, nach Afrika reexportierte. Wie Phönix aus verschos-senem Samen erhob sich das Virus nun, übersprang den Großen Teich, sozusagen in die Asche der einst erstaunlich gesunden Negersklaven hinein, und machte sich, ganz im Geist des Monotheismus, über arme Schwule her. Lange durchstrich als Fame die Länder, AIDS sei ein pikantes Problem, sozusagen eine Geißel der Widernatur. Glückwunschtelegramme gingen ein in Rom, dort schickte man um ein paar Silber-linge Laienpriester aus, die, um ihre Schäfchen in die Enthaltsamkeit zu missionie-ren, märtyrerartig sich jeder Enthaltung enthielten. Man wird sie seligsprechen müs-sen. Und wie dem Barock das Wasser sehr verdächtig wurde, weil in den freien Ba-dehäusern der Renaissance nicht nur ganz frei gebadet wurde - ein gefundenes Wirtshaus der just immigrierten Syphilis -, so heute und endlich erneut das nutzlos gespendete Sperma. Der Beischlaf meint die Zeugung. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, seines Partners AIDS-Abtestat.
Doch gehen wir auf das Unmögliche ein. Lassen Sie uns glauben, AIDS sei ein Prob-lem nur des Geschlechts und des Bluts, so nehmen uns doch die Unverhältnismäßig-keiten verhältnismäßig wunder. Wie oft täglich geben Sie jemandem, den Sie nicht kennen, die Hand, ohne Handschuhe anzuziehen? Was, wenn der Mensch am Auto-mobil herumgewerkelt und sich verletzt hat dabei? Kennen Sie das Problem mit ge-sprungenen Lippen, das Labello auf für Sie nunmehr höchst prekäre Weise ka-schiert? Was wissen denn wir? Da wir nicht wissen, müssen wir rechnen, und rech-nen wir das eine hoch und das andere niedrig. Zum Beispiel außereheliches Zusam-mensein. Hochgerechnet zweimal die Woche? D'accord? Zugegeben: sehr hoch ge-rechnet, im Normalfall jedenfalls, schon wegen der häufigen Berufstermine. Allora! Wie viele Handschläge pro Woche? Dreißig? Vierzig? Küßchen auf die Wange, gar - oh! - auf den Mund? - Fällt Ihnen etwas auf?
Ach, Sie nennen das Panikmache? - Aber wie nennt man das für die Liebe? Wie heißt es bei Wilhelm Müller? "Die Liebe liebt das Wandern,/Gott hat sie so ge-macht,/Von einem zu dem andern,/Fein Liebchen, gute Nacht." Damit ist's denn nun gänzlich perdu? Ehrlich? Schon in der Jugend - was sag ich! -, im Alter? Nicht le-diglich in den Berufen ein jedes Abenteuer verloren?
Was einen an all dem so weltschmerzig macht, ist ja weniger das Häutchen zwischen Dir und mir, das ließe sich liebeskünstlerisch schon sublimieren, - sondern es sind die Konsequenzen eines kategorischen Erotativs: Daß das Mißtrauen und die Distanz - wesentliche Vorgaben jeder Verschmelzung und zur Gänze Aphrodites conditio si-ne qua non - auf keinen Fall und nicht einmal für die Sekunde ihres höchsten Zu-sammenbruchs noch zusammenbrechen dürfen und eben der Moment, da der Liebes-akt eine religiöse Dimension annimmt und also die innigste Illusion, die wir kennen, sich grundsätzlich nicht mehr einstellen kann. Denn die Funktionalisierung hat nun - HIV HIV HURRA! - auch ihn ergriffen und säkularisiert. Der Beischlaf, dem es e-ben nicht auf den physiologischen Höhepunkt ankommt - sondern der, sozusagen das Material, wird zur gelebten Metapher -hat nunmehr den Charakter eines durch-gehenden Selbstbewußtseins, das selbst nicht mehr durchgehen darf. Das heißt, ver-mittels AIDS ist er, der bislang sich allen ethischen Forderungen entzog, zutiefst mo-ralisch geworden und damit unerotisch. Liebe wird zu dem, was ihr widerstrebt: ein gesellschaftlicher Akt, an den sich Verantwortung bindet.
Dies zu erreichen, wurde seit Jahrhunderten durch Jurisprudenz, Religion und Schul-ausbildung ganz vergeblich erstrebt; nun erst, mit dem Siegeszug der Krankheit durch die Lotterbetten, scheint es zu gelingen. Nämlich auf die Übertretung steht nicht Ordnungs-, sondern Todesstrafe, nicht Alimentation, sondern Grab. Das Kalkül der militärischen Abschreckung ist in den Kalten Krieg der Geschlechter mutiert.
Schon zeitig das seine Folgen. Seelischer Stacheldraht ist um die Affären gerollt und hat sie verkrempt. Die Neue Krankheit, eine eigenwillig libidinäre Form postmoder-ner Prüderie, ergreift die Gemüter im selben Maß, da sich die Lust der Menschen an ihrer Physiologie, die feucht ist, auf eine Lust an der Elektronik überträgt, die nicht feucht sein darf. Die sadistischen mechanischen Keuschheitsgürtel des Mittelalters vollenden sich durch Internalisierung. Vom PLAYBOY ist zu hören, er wolle in Zu-kunft seine Models bekleiden. Der auch kirchlichen Hochzeiten wird es mehr und mehr, und schon haben unverheiratete Paare wieder Schwierigkeiten, eine gemein-same Wohnung zu finden. "Sex ist nicht so wichtig" wird zum Slogan, und anstelle sich hinanziehen zu lassen, arbeiten sich Zwanzigjährige hoch zu bruttosozialen Trä-gern von Millionen und Magengeschwüren. Der gefährlichste Begriff der Mensch-heitsgeschichte - "Reinheit" -wird neuerlich zur Daseinsmaxime. Schon soll auch die Nation wieder sauber werden. Dieselben Interessen, die die Welt verschmutzen, verklappen und kontaminieren, wollen im selben Atemzug die Menschenseele reini-gen von jeder Materialität. Das geht präzise zusammen. Das Spielrecht am fremden und am eigenen Körper, das die Pille etablierte - und die Pille für den Mann viel-leicht bald gleichberechtigt hätte -, war, da Erotik jedem sozialen, ökonomischen und militärischen Kalkül so lange widerstanden hat, endlich und total zu bändigen. Erotik ist Anti-Technik, und dem Technischen Zeitalter ist wie der Armee Mißtrauen gegen sie notwendig. Deshalb will man das Geschlecht gewissermaßen mit dem Stech-schritt organisieren. Und gegen AIDS ist so wenig Revolte möglich wie gegen das militärische Standrecht. Daß sich tatsächlich oder vorgeblich kein Impfstoff entwi-ckeln läßt, macht die Verhängung einer sexuellen Notstandsgesetzgebung ganz ohne öffentliche Empörung möglich. Mitläufer, wohin man blickt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Gesetzgeber die Benutzung von Hütchen im Strafgesetzbuch ver-ankern wird.
Ach es gibt nichts mehr zu verlieren: Packen wir's drum an! Noch hört man ja die Klage, es kümmerten sich junge Leute sich nicht genug um die Gefahr. Ist das nicht, als entwickelte die Welt eine Resistenz, die die verantwortungsbewußten und ethi-schen Würdenträger, die seit je die Welt so schaudern machten, schaudern macht? Wer sich gegen gegen Diktatoren erhebt, riskiert den Tod. Und wer immer meinte, er wäre, im Fall politischer Unterdrückung, mit ziviler Courage gesegnet, sollte nun ve-nerische zeigen.
Ich jedenfalls will weiter über Jungfernstiege steigen und mag es mir nicht nehmen lassen, daß an irgend einer hübschen Treppe eine Schöne, die mich noch nicht kennt, schon ungeduldig meiner harrt - und wenn sie mich ansieht und verdammtnochmal nicht nach diesem Gummiding fragt, dann will ich's, sofern ich eines bei mir habe, auch benutzen. Fragt sie aber, dann will ich mich ihr lächelnd verweigern und traurig meines Weges gehn.

(c) by ANH