| |
Pünktlich sind die Kalendarien auf Gedenktag gestellt,
und Redaktionen und Moralverwalter machen schon lange keinen Unterschied
mehr, ob Marilyn Monroe vierzig Jahre und glücklich tot, ob vor über
einer Dekade endlich die Mauer gefallen oder das World Trade Center letztjährig
zerstört worden ist: Bach zum zweihundertfünfzigsten Todestag,
hundertfünfundzwanzigster Geburtstag Thomas Manns, Frankfurt am Main
beginnt das neunte Jahrhundert, imgrunde ist alles irgendwie eines, Hauptsache
rund und durch Abstand gemütlich. Feiertage haben den Vorzug, ohne
physio-logische Begleiterscheinungen zyklisch zu sein, sie machen den
Trauer- und Jubelan-laß identisch, das stärkt unser Seelensozialprodukt.
Schließlich wirft nur, was kalku-lierbar ist, berechenbaren und
also einen Gewinn ab, den man schaltend planen und herbeiführen kann.
Der ist ganz gleich auf Freud und Leid gestellt, die Toten sind eh tot,
was kommt es drauf an? Es muß halt nur etwas gewesen sein, möglichst
sensati-onell, nicht mehr heute, doch damals: Schon kann die Sendereihe
auf Äther gehen, die neue Folge Buch ist in den Regalen plaziert
und eine Serie von fünfundzwanzig Fernsehreportagen in Auftrag gegeben...
der Charakter eines Vorfalles zählt nicht, bloß noch sein Wert
als die numerische Folge, in der er steht. So werden Anlässe austauschbar
gemacht, handelbar, und das, was ihnen zugrunde liegt, nivelliert. Der
wiederholt begangene Jahrestag verschiebt es in eine Uneigentlichkeit,
die aus allem und jedem einen veranstaltbaren Event macht - egal, ob Pogromgedenknacht,
egal ob 3000 Menschen, die bei einem Anschlag ums Leben kamen, egal, ob
das erste Festival der Kirchenmusik. Kurz: Die Anlässe werden zu
Waren und die Emotionen in der bis zur Perfektion der Informationsökonomie
durchgeknetete kapitaldemokratische Massengesellschaft ganz nach Produktionsinteressen
manövriert.
Deshalb klingelt bei einem jetzt dauernd das Telefon.
"Haben Sie nicht eine Idee, was man für den zweiten 11. September
so schreiben kann? Und sein Sie nicht zu kritisch... Sie wissen doch:
pc." Kannst du nicht die Wahrheit sagen, aber so, daß sie niemandem
wehtut und sich vor allem nichts ändert? Das ist das Ansinnen, dem
sich der Poet vor allem seit dem Sturz der beiden Symboltürme permanent
stellen muß. In den Redaktionsstuben der kulturellen und politischen
Zeitungsfeuilletons kauen die Leitartikler sowieso schon lange an den
keyboards ihrer vernetzten Systeme. Eine ganze Schwemme Meinungswasser
ist zwar noch gestaut, doch das innere Layout längst geflutet; obendrein
sind gegenwär-tig mindestens 2673 Feste Freie Mitarbeiter ziemlich
glücklich darüber, daß es das furchtbare Attentat gab
und ihnen die Achse des Bösen weiterhin nicht nur Fleisch und Brot
sichert, sondern zuhauf auch Gelegenheiten spendet, sich bei Literaturchefs
für Kniefall und politische Selbstflagellation erbötig zu machen.
So hat denn das berühmte Nachrufsgeschreibsel, das für den Fall
aller Fälle in den Schreibtischschubladen Monate, manchmal Jahre
verstaubt, mit sich selber geistkleinen Nachwuchs ge-zeugt: Es hatte ja
sonst nichts zu tun. Die Jahrestagskolumne wurde geboren, ein ziemlich
krebswüchsiges Kind. Mitunter wächst sie sich auf vierfünf
Seiten aus oder bestimmt wochenlang die Diskussionen, - oder hat etwa
einer zu Martin Walser NICHTS gesagt? Alle waren sie wie der Igel allhier'
und brachten das einfach nur mißlungene, keineswegs aber politisch
prekäre Buch auf unterdessen schätzungswei-se 30000 Exemplare.
Etwas als politisch prekär auszugeben, kann insofern das Ge-genteil
einer Denunziation sein: Mit dem Jahrestag des 11. Septembers und Martin
Walsers jiddischem Kritikertod hat das werbestrategische Kalkül der
Firma Benetton endgültig Einzug ins kulturelle Denken Deutschlands
gefunden, - als nächstes werden wir reality-TV mit zu echten Morden
verpflichteten Schauspielern erleben dür-fen, die man aus Stammheim
oder Alcazar rekrutiert. Doch wenn eine afghanische Hochzeitsgesellschaft
auf den Verdacht hin niedergebombt werden kann, Osama bin Laden nehme
an ihr teil, kommt es auf solch zivile Kleinigkeiten wirklich nicht mehr
an. Nichts lenkt von Kriegsverbrechen mehr ab, als daß man vorgibt,
auf der richti-gen moralischen Seite zu stehen. Jahrestage haben diese
richtige Seite ausabonniert, sie lassen uns nach Spielplan trauern, ganz
wie wir auf Handzeichen jubeln, jede Fernsehshow macht uns das vor. Und
ruft man: "Erhebt euch wie ein Mann" - dann tun wir unterdessen
auch dies und zwar selbst dann, wenn wir eigentlich Frau sind. Wir tun
es nicht aus politischer Demutshaltung, sondern weil man uns einen Spaß
verspricht, den wir auch wirklich bekommen; überhaupt ist der Jahrestage
Lieblingswort Spaß: Denn was zyklisch wiederkehrt, bereitet nicht
mehr Entsetzen, sondern läßt sich schließlich wie ein
Kalvarienberg feiern. Letztendlich soll die alljährliche Erinnerung
an den 11. September einen Ritus begründen, der ein historisches
Ereignis zum religiösen Identifikationspunkt uminterpretiert und
aus den Toten von Event-Managern heiliggesprochene Märtyrer macht,
damit den historischen Ursachen wie Folgen des nunmehr sakrosankten Ereignisses
kein Augenmerk mehr gilt. Wer die Jahrestags- und Jubiläenfreude,
ohne sie gegen den Strich - also Redaktionen und Hörer - zu bürsten,
mitbedient, sitzt in einem Nest von Raptoren und brütet kleine Ungeheuer
aus, die den Unterschied zu großen nicht kennen. - Es gibt diesen
Unterschied auch nicht.
(c) by ANH, August 2002
|