Alban Nikolai Herbst

Jahrestage

Literarisches Streiflicht

 

Pünktlich sind die Kalendarien auf Gedenktag gestellt, und Redaktionen und Moralverwalter machen schon lange keinen Unterschied mehr, ob Marilyn Monroe vierzig Jahre und glücklich tot, ob vor über einer Dekade endlich die Mauer gefallen oder das World Trade Center letztjährig zerstört worden ist: Bach zum zweihundertfünfzigsten Todestag, hundertfünfundzwanzigster Geburtstag Thomas Manns, Frankfurt am Main beginnt das neunte Jahrhundert, imgrunde ist alles irgendwie eines, Hauptsache rund und durch Abstand gemütlich. Feiertage haben den Vorzug, ohne physio-logische Begleiterscheinungen zyklisch zu sein, sie machen den Trauer- und Jubelan-laß identisch, das stärkt unser Seelensozialprodukt. Schließlich wirft nur, was kalku-lierbar ist, berechenbaren und also einen Gewinn ab, den man schaltend planen und herbeiführen kann. Der ist ganz gleich auf Freud und Leid gestellt, die Toten sind eh tot, was kommt es drauf an? Es muß halt nur etwas gewesen sein, möglichst sensati-onell, nicht mehr heute, doch damals: Schon kann die Sendereihe auf Äther gehen, die neue Folge Buch ist in den Regalen plaziert und eine Serie von fünfundzwanzig Fernsehreportagen in Auftrag gegeben... der Charakter eines Vorfalles zählt nicht, bloß noch sein Wert als die numerische Folge, in der er steht. So werden Anlässe austauschbar gemacht, handelbar, und das, was ihnen zugrunde liegt, nivelliert. Der wiederholt begangene Jahrestag verschiebt es in eine Uneigentlichkeit, die aus allem und jedem einen veranstaltbaren Event macht - egal, ob Pogromgedenknacht, egal ob 3000 Menschen, die bei einem Anschlag ums Leben kamen, egal, ob das erste Festival der Kirchenmusik. Kurz: Die Anlässe werden zu Waren und die Emotionen in der bis zur Perfektion der Informationsökonomie durchgeknetete kapitaldemokratische Massengesellschaft ganz nach Produktionsinteressen manövriert.
Deshalb klingelt bei einem jetzt dauernd das Telefon.
"Haben Sie nicht eine Idee, was man für den zweiten 11. September so schreiben kann? Und sein Sie nicht zu kritisch... Sie wissen doch: pc." Kannst du nicht die Wahrheit sagen, aber so, daß sie niemandem wehtut und sich vor allem nichts ändert? Das ist das Ansinnen, dem sich der Poet vor allem seit dem Sturz der beiden Symboltürme permanent stellen muß. In den Redaktionsstuben der kulturellen und politischen Zeitungsfeuilletons kauen die Leitartikler sowieso schon lange an den keyboards ihrer vernetzten Systeme. Eine ganze Schwemme Meinungswasser ist zwar noch gestaut, doch das innere Layout längst geflutet; obendrein sind gegenwär-tig mindestens 2673 Feste Freie Mitarbeiter ziemlich glücklich darüber, daß es das furchtbare Attentat gab und ihnen die Achse des Bösen weiterhin nicht nur Fleisch und Brot sichert, sondern zuhauf auch Gelegenheiten spendet, sich bei Literaturchefs für Kniefall und politische Selbstflagellation erbötig zu machen. So hat denn das berühmte Nachrufsgeschreibsel, das für den Fall aller Fälle in den Schreibtischschubladen Monate, manchmal Jahre verstaubt, mit sich selber geistkleinen Nachwuchs ge-zeugt: Es hatte ja sonst nichts zu tun. Die Jahrestagskolumne wurde geboren, ein ziemlich krebswüchsiges Kind. Mitunter wächst sie sich auf vierfünf Seiten aus oder bestimmt wochenlang die Diskussionen, - oder hat etwa einer zu Martin Walser NICHTS gesagt? Alle waren sie wie der Igel ‚allhier' und brachten das einfach nur mißlungene, keineswegs aber politisch prekäre Buch auf unterdessen schätzungswei-se 30000 Exemplare. Etwas als politisch prekär auszugeben, kann insofern das Ge-genteil einer Denunziation sein: Mit dem Jahrestag des 11. Septembers und Martin Walsers jiddischem Kritikertod hat das werbestrategische Kalkül der Firma Benetton endgültig Einzug ins kulturelle Denken Deutschlands gefunden, - als nächstes werden wir reality-TV mit zu echten Morden verpflichteten Schauspielern erleben dür-fen, die man aus Stammheim oder Alcazar rekrutiert. Doch wenn eine afghanische Hochzeitsgesellschaft auf den Verdacht hin niedergebombt werden kann, Osama bin Laden nehme an ihr teil, kommt es auf solch zivile Kleinigkeiten wirklich nicht mehr an. Nichts lenkt von Kriegsverbrechen mehr ab, als daß man vorgibt, auf der richti-gen moralischen Seite zu stehen. Jahrestage haben diese richtige Seite ausabonniert, sie lassen uns nach Spielplan trauern, ganz wie wir auf Handzeichen jubeln, jede Fernsehshow macht uns das vor. Und ruft man: "Erhebt euch wie ein Mann" - dann tun wir unterdessen auch dies und zwar selbst dann, wenn wir eigentlich Frau sind. Wir tun es nicht aus politischer Demutshaltung, sondern weil man uns einen Spaß verspricht, den wir auch wirklich bekommen; überhaupt ist der Jahrestage Lieblingswort Spaß: Denn was zyklisch wiederkehrt, bereitet nicht mehr Entsetzen, sondern läßt sich schließlich wie ein Kalvarienberg feiern. Letztendlich soll die alljährliche Erinnerung an den 11. September einen Ritus begründen, der ein historisches Ereignis zum religiösen Identifikationspunkt uminterpretiert und aus den Toten von Event-Managern heiliggesprochene Märtyrer macht, damit den historischen Ursachen wie Folgen des nunmehr sakrosankten Ereignisses kein Augenmerk mehr gilt. Wer die Jahrestags- und Jubiläenfreude, ohne sie gegen den Strich - also Redaktionen und Hörer - zu bürsten, mitbedient, sitzt in einem Nest von Raptoren und brütet kleine Ungeheuer aus, die den Unterschied zu großen nicht kennen. - Es gibt diesen Unterschied auch nicht.

(c) by ANH, August 2002