Alban Nikolai Herbst
Von Gräbern und von Moden
 

Wie kann - und dürfte denn! - Europa gelingen, wenn die Kluft der Kulturen nicht nur zwischensprachlich, nein auch innersprachlich klafft? Man meine auch nicht, lediglich die Lebenden und LebendInnen betreffe dies - oh nein! Selbst später jenseits des Styx setzen die Konflikte sich fort. Zu europäischer Schande hat uns nicht Gesang, etwa ein Orpheus, son-dern die Bekleidungsindustrie das zur Kenntnis gebracht. Ach! Keiner außer mir mag das be-klagen! Der Deutsche kehrt den Rock des Anstoßes nur allzu gerne unter seinen schicken Teppichboden.
Warum aber, frage ich heute, soll Charon denn partout und in alle Unendlichkeit wie ein Wohnungsloser gekleidet staken, - weshalb nicht ihm ein paar nette Farben, Jeans vielleicht verpassen und ein T-Shirt in den Tönen des Regenbogens? Im Tod sind alle gleich, das war und ist doch die Idee, und die VEREINIGTEN BENEDIKTINISCHEN FARBEN dürften dem christ-lichen Einbild tatsächlich mehr Hochachtung zollen als der Sack und die Asche das tun. Stirbt's sich nicht womöglich leichter bunt? Geht's denn nicht ins Paradies? Wie gerne nicht spränge mancher auf diesen Kahn, wäre er nur coloriert. Und sowieso! Farben sind Wirklich-keit. Ein Spaziergang an der friesischen Brandung belegt das fürwahr: Wie hübsch schillert der Schaum, und welch ein kleidsames Licht reflektieren die netten Placken Öls, die die Nordseewellen an das Ufer heben!
Wir leben nicht mit dem Tod, sondern von ihm. Weshalb also regen gerade wir Deutschen uns auf, wenn ein Genie der Bekleidungsbranche die Konsequenzen zieht und sogar einen neuen Absatzmarkt kreiiert, indem er die Toten einkleiden will? Denen hat das, ich weiß das, durchaus gefallen, - in Wien jedenfalls, wo der werbliche Feldzug begann:
Auf dem dasigen Zentralfriedhof nämlich, dort wo Curd Jürgens begraben liegt, hatte im November letzten Jahres, kurz vor Totensonntag, eine beauftragte Firma eine Holzwand hochgezogen und sie mit dem strittigen Objekt affichiert, einem Plakat, auf dem man ver-schieden- indessen wohlgekleidete Skelette sich an den aparten Fingerknochen halten sah. Überschrift: IM TODE SIND WIR ALLE GLEICH. Untertitel: UNITED COLORS OF BENEDICT. Und irgend ein Witzbold, einer von der ungepflegten Sorte, die mit Sprühflaschen durch die Zeit und neuerdings auch über Friedhöfe geistern, hat rechts unten gegraffitittet: EIN EINZIGES EU-ROPA.
Das erregte aber in niemandem besonderen Verdruß. Im Gegenteil! Als am 22. November die mit dem Zirkus unter dem Herzen (Heller) hinauswallfahrteten, um ihre Verwandten in Robert Stolz eingegangen zu sehen und gelbe Blümchen auf dessen und deren (un)endlicher Heimstatt niederzulegen, - da konnten sie aber was staunen! Weil das Drängeln vor der Pla-katwand bei aller deutlichen Freude für mich anfangs etwas Bedrohliches hatte, hielt ich mich abseits. Doch meine Arg war grundlos: Manche Hände klatschten sogar, und der Gebärden gab es vertrackte. Sprechen tat niemand, aber eine umfassende Zuversicht geriet in alledie kindlich aufgerissenen, geradewegs vorweihnachtlichen Augen. Irgendwo fiedelte ein Geiger, die Amseln krakeelten, und die Leute aßen ihren türkischen Honig. Man fühlte sich irgendwie wohl und an Dante erinnert: Die Mode, die herabstieg mit der Kunde/Von jenem jahrelang ersehnten Frieden,/Der uns erschloß den lang verbotenen Himmel,/Die war vor unseren Au-gen so wahrhaftig,/Dort fotografet und mit solcher Milde,/Daß es nicht schien, es sei ein Bild, das schweiget (Göttl. Komödie, II, 10. Gesang,34 ff). In der Tat ließ sich bei einiger Versenkung die Impression gewinnen, einem still-naiven, vereinigten, grenzüberschreitenden Tanz zuzuschauen. Selbst ich, ein Skeptiker sonst eher, konnte mich des Gefühls nicht erweh-ren, den Gipfel eines werblichen Läuterungsberges erklommen zu haben. Erstmals, so dachte ich, sei hier ein Abbild unserer Welt gelungen, das Anspruch und Wirklichkeit tatsächlich so in Deckung bringe, daß man leben könne davon. Denn was nutzt alles Lamentieren über Un-gerechtigkeit und Kürze des Lebens zu anderem als dazu, es nochmals abzukürzen? Hier hatte jemand verstanden, ein Realist war hier am Werke gewesen und ein Philanthrop zugleich. Ich zweifelte nicht einen Moment, BENEDICT werde zum Dank mit steigendem Umsatz gesegnet.
So war denn auch wirklich zu hören (ich hielt mich noch bis zum 26. 11. in Wien auf), be-reits am Montag, dem 23., hätten frühmorgens, und zwar lange vor den Öffnungszeiten, sich Schlangen vor der Wiener Bekleidungsfiliale gebildet, und man habe den ganzen und auch über den folgenden Tag mit Produkten nicht nachkommen können. Was mich dann allerdings schockierte, das war, daß BENEDEDICTs VerkäuferInnen Nachtschichten einlegen mußten. Die Kundenscharen, die sich am 25. morgens zusammenballten, konnten deswegen nicht zu-friedengestellt werden, weil nachts - so ein Verkäufer: - die abgerissensten Gestalten, und zwar in düsteren Faschingskostümen, die Geschäftsräumlichkeiten erstürmt hätten und an sich gerafft, was es an sich zu raffen nur gegeben habe. Und wie wunderlich erst das Bild, das sich nachzüglichen Spaziergängern, die das Plakat noch nicht zu sehen bekommen hatten, dann auf dem Zentralfriedhof geboten haben soll! Auf den Gräbern lagen statt Blumen, und in den Nekropolen steckten sie, halb in rostige Türen gequetscht, halb aus den Mahnplatten lugend: Blusen, Leggins, Tücher, Joppen, vor allem aber Strümpfe, Schals und wiederum Strümpfe. Franz Schreker soll sich ein Bustier heimgeholt, Johann Strauß einen chiffonbesetzten knall-roten Rock ergattert haben, Beethoven eine Pudelmütze mit "Greenpeace"-Emblem. Über das Totenhaus des Präsidenten des Verwaltungsrates der k.k. Priv. Lemberg-Czernowitz-Jassy-Eisenbahn seien gestreut gewesen Tutus wie Tütüs. Und das nachlässige, ärmliche Holz-schildchen für Alexander Zemlinsky habe sich an einem goldbordierten Büstenhalter er-wärmt. Das gesamte riesige Areal des Friedhofs soll ausgesehen haben wie eine vom Monsun verwüstete Kleiderfabrik.
Man schickte nach Gendarmen.
Die kamen, starrten, lachten. Sie zuckten die Achseln und fuhren tatütend wieder davon. "Iis holt kolt, dera Tod," sollen sie, sehr realistisch, geäußert haben. Und am 26. morgens, als mein Zug ging, waren die Zeitungen voll der abenteuerlichsten, wunderlichsten Geschichten. Mehrere Zeugen wollten Hans Moser beobachtet haben, wie der, einen Kleidersack bei sich und Arm in Arm mit Dr. Lueger - naturgemäß seien beide dürrer als zu Lebzeiten gewesen -, zwischen Stephansdom und Haas-Haus und immer weiter den Graben hinan nicht tanzte, nein!: Gegenseitig an- uns ausgezogen hätten die beiden Leichen sich und dazu ganz ordinär und heurigenselig gegröhlt. Und Otto Wagner sei in grasgrünem Body-Stoker und schwein-chenfarbenen Socken - sonst aber (im späten November!) unbekleidet - vor der Staatsoper modisch auf- und abgeklappert.

Verständlich, daß ich zusah, mit heiler Haut davonzukommen. Verständlich, daß einen Deutschen bei solch tödlichem Frohsinn die Panik fassen kann: Der Tod ist stumm, das will der Deutsche festgestellt wissen.
Deutschland? - Ach! Der Geist der Schwere! Immer noch! - Nämlich:

Nach dem sozusagen Bombenerfolg der VEREINIGTEN BENEDICTINISCHEN FARBEN in Wien weitete das Unternehmen die Kampagne erst auf das übrige Österreich, schließlich, jetzt im Januar, auf Deutschland aus. Dort hatte man sich zuvor - aber so erfolglos wie mit der serbischen Partisanenmode - an verendenden Vögeln mit fremden Federn geschmückt. Endlich also stießen die Werber mit über die Weihnacht ("Santa Claus liebts dieses Mal pink!") gestärkter Kasse auch in bundesrepublikanische Gräber vor.
Nun ist das Problem, daß hierzulande der Friedhof ein Ort pietätbelasteter Demut ist, will sagen: der Trauernde denkt in Deutschland mehr an Trauer als daran, daß sie auch süß ist. Er-go mag er ihren Tod auch den Toten nicht versüßen lassen. Mit anderen Worten: Er - nämlich der Tod wie der Deutsche - hat grau zu sein, und man fühlt sich im innersten verwundet, wenn Sonne auf den Grabstätten spielt. Das hatte BENEDICT nicht bedacht.
Kaum nämlich war die Holzwand fürs Plakat hochgezimmert und hatte ein armer Plakatie-rer zu plakatieren begonnen, scharten sich zwar auch einige Menschen vor ihm und der Holzwand --- aber nix türkischer Honig!
"Was fällt Ihnen ein?!" - "Das ist eine Unverschämtheit sondergleichen!" - "Ham Se keine Ehrfurcht, Mann?!"
Ich stand, diesmal mit Berechtigung, abseits, ja drückte mich noch einige Schritte zurück.
"Se solln aufhörn mit dem Mist!" - "Gotteslästerung!" - "Sie unverschämtes Subjekt!"
Jemand hob einen Stein... und hätte er, durch Zufall, einen Revolver bei sich gehabt... - "Das ist gegen das Gesetz!" hörte ich eine Frauenstimme noch keifen, als ich mich davon-beeilte. "...das Gesetz...!" hallte es in mir nach. Dann war ein Überfallkommando zu hören.
Ich war frustriert, aber immerhin sehr gespannt, wie denn die hiesigen Toten reagierten, und beschloß, zur Mitternacht auf den Hauptfriedhof zurückzukehren.
Was ich tat:
Murren. Nichts als Gemurr. Sowas war als erstes zu hören. Dann ein eigenwilliges Klap-pern, irgendwie gelähmt. Schließlich schob sich eine schwärzliche, schattenartige Masse an das schon teils in Fetzen von der Wand lappende Plakat heran. Aus dieser Masse zwickten sich hie und da Figuren beiseite, die wie Schaffner aussahen; vielleicht waren sie zu Lebzeiten Pförtner oder Bademeister gewesen. Dann erkannte ich einen ehemaligen Gewerkschaftsfunk-tionär, daneben einen von der CDU, offenbar mit einem sozialdemokratisch-posthumen Stadtverordneten in Streit befindlich, dem ein Liberaler sekundierte. Kaum indessen wurden sie des Plakates ansichtig, vereinten sich die Vier, zudem um einen offenbar frühverstorbenen Grünen. Die Fünfe drängten sich ganz nach vorn, schoben die Masse der andren zurück und pflanzten sich auf. Das wirkte wichtig und symbolisch. In zerfressener Uniform erschienen ein paar Beamte - man konnte nicht erkennen, ob einst bei Polizei, Bundeswehr oder Rotem Kreuz beschäftigt, -- kurz: innert zwei Minuten stellte man Ordnung her. Es fing zu regnen an. Und weil der Regen den Toten ihren moralischen Ärger vermieste, erhob sich angesichts der selbst in der strömend nassen Dunkelheit noch leuchtenden VEREINIGTEN FARBEN VON BENEDICT aus dem Gemurr ein Getöse wie von Sperrfeuer. Ich duckte mich tiefer hinter mei-nen Grabstein. Jetzt wegzulaufen, wäre unmöglich gewesen; man hätte mich, kein Zweifel, gelyncht. Die toten Ordnungshüter hatten alle Gelenke voll zu tun, die aufgebrachte Menge zu reihen und zu glieden. Jemand hielt eine Ansprache; wäre sie nicht so knöchern gewesen, hät-te man sie "flammend" nennen können. Wenn aber irgend ein Gespenst im Alleingang ver-suchte, mit den Nägeln am Plakat herumzureißen und also Selbstjustiz zu treiben, riß man es herum und scheuchte es zurück in die Masse.
"Der Fall muß protokolliert werden!" brüllte der Gewerkschaftsfunktionär.
"Wir werden eine Resolution verfassen!" assistierte der Grüne.
"Deutschland muß moralisch sauber bleiben!" brüllte der Konservative.
Darüber fiel ich, aus Selbstschutz, in Schlaf.

Als ich erwachte, lag ich gekrümmt im nassen Grabdreck; jede Extremität tat mir weh. Mühsam erhob ich mich (habe ich vielleicht nur geträumt?) und wollte mich davonschleppen, - als ich nicht zwanzig, nicht fünzig, nein, wenigstens zweihundertfünfzig sehr lebendige Leu-te gewahrte, die sich zur einer Demonstration vor dem strittigen Plakate eingefunden hatten. Es waren Vertreter der christlichen Kirchen dabei, auch fehlte nicht die jüdische Gemeinde; die Parteien hatten Vertreter geschickt, der DGB durfte nicht fehlen; irgendwo flatterte ein Flatterchen einer linken Splittergruppe, unweit stand stramm ein Vertreter der REPs; außer-dem Mädel und Jungen Frankfurter Gymnasien, - nun, das ganze Spektrum halt und vornweg ein alter VW-Bus mit ausgebeulter Flüstertüte auf dem Dach. Von dort her flüsterte es nicht, sondern blechte, und alle Leute hielten Kerzen in der Hand, deren Flammen der Wind, weil er es gutmeinen wollte mit mir, jede naselang ausblies. Transparente wurden enthüllt und ge-schwenkt, ein Redner erklomm ein ächzendes Provisorium, von welchem er dann eine Rede hielt gegen den zynischen Geist der Industrie, die Leichenschändung, die mangelnde Achtung vor der Geschichte, den leichtfertigen Umgang mit der Natur und alldersowas. Man faßte sich zum Ausklang der Veranstaltung an den Händen, ja drehte sich um und verbeugte sich, was eine hübsche solidarische Geste war, gegens Innre des Friedhofgeländes -- dann zog man ab, und auch ich konnte endlich nach Hause.
Nun sollte man meinen, der Friedhofskampagne von BENEDICT sei hierzulande ein Flopp beschert. Wahrscheinlich würde das Unternehmen sich öffentlich entschuldigen müssen. Es werde, dachte ich, Klagen hageln, die Hinterbliebenen würden um seelischen Schadensersatz vorstellig werden usw. usf. Indessen, wir denken noch immer nicht in den paradoxen Geset-zen der Ökonomie:
Mein Heimweg führte mich an den hiesigen Geschäftsräumen der mißkreditierten Konfek-tionsfirma vorbei. Mir war kalt. Das Zeug klebte mir naß, verdorben, eklig am Leib; ich hätte mir den Tod holen können. - Warum denn also nicht? Ich gab mir einen Ruck, drehte bei, doch - wie soll ich sagen? -: ich kam nicht hinein. Man drängte sich vor dem Eingang, man schubste, man trat, man drückte und preßte sich mit dicken Paketen hinaus. Da blieb ich denn doch lieber fort.

Es heißt, und nur die Narren erstaunt das, BENEDICTs Umsatz in Deutschland habe den in Österreich um ein Vielfaches überragt, und die Werber hätten hiernach geslogant: GRAU KAUFT MEHR ALS BUNT - UNITED COLORS OF BENEDICT.

(c) by ANH