Alban Nikolai Herbst
Kleine Anmerkungen zur Neuen Moral
 

Die Zeiten sind nicht härter als sonst, aber daß sie's nicht sind, kaschiert sich zunehmend weniger. Und die Elenden leben nicht mehr angenehm darin. Wenigstens das doch hatte die soziale Marktwirtschaft ihnen erlaubt. Schlupflöcher bietet nur noch der Fantastische Raum. Denn während Frankfurt am Main amüsant und amüsiert die Gegenwart mit Polyvenylchloriden ausschlägt, ganz konsequent Kult für Kultur erklärt und Chewing Gum in die Künste stopft, woran die Bürger dann kauen, ohne doch eigentlich schlucken zu können, übt sich in der Neuesten Vorzeigestadt Europas, Berlin, vorzeigbar der Stechschritt neu. Da haut man den kleinen Missetäter nach Strich und Faden in zunehmend größere Kriminalität, verhängt Höchststrafen für Banaldelikte und durchhöhlt die Stadt mit einem preußischen Aufgebot von Wachschutz-Legionären, die, seien sie nun beamtet oder privat in Sold, mit treuen deutschen Schäferhunden entlang der Promenaden patrouillieren. Der Fall der Mauer hat den Ostberlinern so sehr die Freiheit gebracht wie in Westberlinern einen rechten Gehorsamsgeist wiederauferstehen lassen, der seinesgleichen sucht und in den USA findet. Gemeint ist nicht nur das in Berlin nachexekutierte New Yorker Modell, sondern der militärische Missionsgeist insgesamt, der Armut braucht, um satt zu werden. Gäbe es nicht Saddam Hussein, man hätte ihn erfunden. Costner (The Postman) und vor allem Verhoeven (Starship Troopers) dürfen Propagandafilme drehen, die offen nach dem Vaterland brüllen und sich, in Verhoevens Fall, ästhetisch an Hitlers Wochenschauen orientieren: Kinder zertrampeln Kakerlaken, und ihre Eltern klatschen und jubeln glücklich dazu. "I believe in Germerica".
In Deutschland hat die sogenannte Wiedervereinigung kollektive Ängste wiedergefunden. Das hat zu wehrtechnischer Bereitschaft geführt: Wo es keine Alternativen gibt, sprießen Gladiatoren. Zugleich hat sich der von der SED institutionalisierte und dadurch eigentlich neutralisierte Spitzelgeist freisetzen lassen und sucht in neuen legitimierten Gefilden Wirkmöglichkeiten. Dieselben Leute, die an der Mauer geschossen hätten, dürfen nun den Reichstag schützen. Es hätten viele geschossen; es gab nur so selten Gelegenheit. Nach dem Modell des CIA, rekrutiert die ehemalige Hauptstadt Bonn die ehemalige Hauptstadt Berlin. Die sonntags bei Grill und Kinderwagen am Reichstag campierenden Südosteuropäer werden aus dem Tierpark gejätet, debil bleibt der Berliner selbst bei leeren Straßen vor roten Ampeln stehen, und überhaupt duckt und schleicht man sich, daß es Wachschutzbeauftragten Freude ist. Wer nachts durch die Straßen schlendert, dem kann es passieren (und ist es kürzlich passiert), daß hinter einem plötzlich ein polizeiliches Megaphon dröhnt: "Benutzen Sie bitte den Bürgersteig!" Es gibt, die Leute einzuschüchtern, flächendeckende Razzias, und wer dabei erwischt wird, auf dem Stückchen Weges von der Straßenecke zum Bäcker nicht vom Fahrrad zu steigen, von dem kassiert der sich drohend gebärdende Wachmann 20 bis 50 Mark, je nach Laune und latentem Faschismus. Egal, ob irgend jemand sonst auf der Straße war und der Bürgersteig acht Meter breit ist. Es geht nicht um Logik, geschweige um Leben. Sondern um Staatsbürger-Zucht. Schon läuft die Rede, die Polizei wolle sich mit den privaten Wachschutztruppen koalieren, die sich ja eben aus den vorgenannten Elenden speisen. Wer nämlich stets geschlagen wird, der möchte gerne auch einmal schlagen und schlägt, wo sich Gelegenheit findet. Daß demokratische Politik darauf setzt, ist infam. Doch während die Zentren anderer europäischer Metropolen stolz City oder Centro Storico heißen, läßt sich die deutsche deutscheste auf das eisernste BANNMEILE nennen. Denn sie versteht sich als militärischer Brückenkopf, ist metropolitane Infratechnik und will selbst die Gemüter besatzen.
Dem geht einher die Stärkung eines neuen moralischen Selbstbewußtseins, dem das Selbst um so mehr fehlt, als es moralbewußt ist. So daß sich das Vakuum unschwer durch Gemeinschaftssurrogate füllen und von binnen Minuten aus dem Boden gestampften völlig synthetischen Universalmythen à la Diana ablenken läßt. Man mag das Beziehungswahn nennen, aber tatsächlich arbeiten Niedergang der Sozialutopien, Arbeitslosigkeit, Verelendung und Vernichtung des Mittelstandes, sowie die Angst vor Aids auf das trefflichste an der Reorganisation einer Großen Vereinheitlichenden Staatsmoral zusammen. Ja, sie sind die eigentlichen Säulen der Zweiklassengesellschaft, in die die Soziale Marktwirtschaft verschnitten werden soll. Drüben, übrigens, wie hüben: Das Gespenst des Jihad ist der Spiegel, in den die westliche Marktwirtschaft blickt. Man müßte nur den Schleier heben, der ihn verhängt: Fünfzig islamische Guerillas hinübergeschleust, und die USA wären lahmgelegt. Warum schickt Sadddam Hussein die nicht? - Ecco!

(c) by ANH, Rom 1998