| |
Poppen ist ein Neuwort für vögeln, dem US-Amerikanischen entlehnt,
das "knallen" damit meint. Im Deutschen knallt die Literatur.
Was ganz sinnfällig ist, nachdem sich unser Geschlechtsakt pop(p)ularisierend
den Vereinigten Verbalen Staaten so angedienert hat -schließlich
läuft Sexualität den Künsten immer voraus. Tatsächlich
hat sich Literatur seit Anfang der Achtziger allzeit bereitet, nicht Wende
und Zeit zu verpassen, und kungelt unterdessen in MTV oder grast bei RTL
in den Mächtchen herum, die eigens für sie abgezäunt wurden.
Natürlich fläzte sie sich bereits vorher auf dem "E"
der Kunst, altväterlich TV-Marcel R.-R., ein Erik Ode der Dichtung
und drittbezahnter Harald Schmidt, oder konkavte sich blaubestrumpft durch
Sigrid Löffler-Christiansen ins "U"... kurz: Seit vielen
Jahren wurde das Ende der elitären Hochkultur auch in der Alten Welt
eingeläutet. Nun hat sich ihre Äquivalenzform selbst gefunden,
Zug um Zug selbstverständlich mit dem Umbau sozialer Marktwirtschaften
in Ökonomien ebenfalls US-amerikanischen Zuschnitts, woher die Fama
schließlich stammt, es gebe keinen Unterschied zwischen den Genres,
zwischen Entatäinment und Kunscht. Daß das stimmt, liegt daran,
ob man ihn sieht. Die meisten wollen ihn nicht sehen, weil er der flutschenden
Gesamtbewegung kleine Gummistopper in die spaßig-soapigen Bahnen
werfen könnte. Lieber kürt man neue Katechismen - wie die Sonntagszeitung
der FAZ das vor ein paar Wochen tat, als sie unter dem Brüllaffenruf
"Startschuß Pop" einige Dichter zu denen hochkanonisierte,
die "man" gelesen haben müsse. Die Auswahl war pfiffig,
zumal ihr Heimplatzkontingent für Auslandsdeutschsprachler, also
Schweizerdichter und Österpoeten, nicht kleiner war als das für
die Frauen. Außerdem wurden zwei assimilierte Türken genannt,
so blieb alles restlos pc.
Literarisch zu poppen, bedeute, die Welt wieder aufzunehmen... ich erinner
mich, so wurde argumentiert. Und, sowas zu tun, sei gleichbedeutend mit
Unterhaltung. Als wären die Dichtungen der Gerd-Peter Eigner, Christa
Reinig, Peter Kurzeck, Christoph Ransmeyer oder Paulus Böhmer ohne
erlebte Substanz, hingegen die populäre Kultur von direkt erlebter
Erfahrung nur so strotze, als wäre nicht gerade sie mit Geschick
und Frechheit und Verkaufkraft gemacht. Dennoch: Nichts gegens Amusement
auch in der Dichtung, nur ist das sowieso mit der Unterhaltung so eine
Sache. Meine viellesende Oma, die ich sehr liebte, wurde von ganz andren
Texten unterhalten als ich; das fühlte ich damals schon quälend,
daß wir über gute Literatur nie zur Eintracht gelangten. Omi
fand bereits Joachim Fernau schwierig, und Kafka legte sie nach zwei Seiten
und ziemlich hustend beiseite. Was ich übrigens gut verstand. Meine
Güte: Steigt in den Zug, um seine Milena zu treffen, und steigt,
das feige Hascherl, auf halber Strecke wieder aus... so etwas hat mir
nie gefallen. Daran kann ich noch heute nicht ohne vitalistischen Hochmut
denken. Aber ich kam auch mit Omis geliebtem Hubert Selby nicht klar,
fraß mich statt dessen durch Rohner-Radegast und Peter Fladl-Martinez.
Später ließ Marianne Fritz mein Herzerl schlagen, was sogar
literarisch versierte Freunde nicht verstanden.
Was einer unterhaltsam findet, hängt - so vermute ich, aber das darf
man ganz sicher nicht sagen - von seiner Bildung ab. Mehr aber noch von
seinem Willen. Denn das, was im 19. Jahrhundert Kunstwille war, hat sich
im 20. und 21. um den Verständniswillen ergänzt. Wer einen solchen
nicht kennt, bleibt - Bildung hin und Bildung her - jeder modernen Kunstanstrengung
fremd. Bildung springt dem Willen ja bloß insofern bei, als sie
ihm Argumente gibt; hat er sich nicht entwickeln können, kann ihn
auch sie nicht füttern. Deshalb hängen so viele Professoren
drin im poppenden Betrieb und seinem literarisch öden Blümchensex.
Das ist natürlich auch eine Frage der Prägung. Die neuen Leser
sind mit der Populärkultur herangewachsen, da haben sie ihre sentimentale
Heimat, man konnte und durfte sich in der eigenen - deutschen - Identität
nicht finden, sie übernahm man die des wirtschaftslibertären
Siegers. Und also definiert heute das Geschmacksrecht der Mehrheit, was
Kunst sei, - als spiegelte nicht das wohlfeile Vorurteil, die tonale Musik
töne fürs Herz und gleichsam aus dem Herzen heraus, indes einen
Avantgarde bloß verkopfe, das industrielle Produktionsverhältnis
von Künstler, Vermittler und Rezipienten. Beschwörung von Unmittelbarkeiten
war immer schon naiv und politisch sogar dumm und gefährlich. Unterdessen
gipfelt sie in dem Unterwerfungswille einer Generation, für die auch
Kriege wieder Mittel der Problemlösung sind. Das hat sie von demselben
Land gelernt, das ihr die frühen ästhetischen Werte vermittelte,
also über eben den Pop, aus dem sich nun die Neue Literatur herleiten
soll: Sentimentalität und Big Macs gehen trefflich zusammen. Man
unterschätze nicht das hochstrategische Kalkül des Kinderkreuzzugs,
den MacDonals seit Anfang der 70er Jahre führte, will sagen: die
Popper können ja eigentlich nichts für ihren Geschmack. Die
Feldherren der Hamburger-Kette haben sehr gut gepokert und jetzt, da die
starken Bilder nicht mehr "mitgehen" wollten, "ich will
sehen" gesagt. Nicht anders ist jemals Klassik entstanden. Doch wer
den verschwindenden Tonlinien Morton Feldmans nachgespürt hat - erschüttert,
ja, sagen wir's ruhig: betroffen -, wird mit den sahnefett gebutterten
Melodiken der Beatles, dumpf-esoterischem Techno-Stampfen, aber auch mit
den harmonisch eileiterweichen Rhythmen Shakiras enorme, ja gastritische
Schwierigkeiten haben - und umgekehrt. Pop verhält sich zur Neuen
Musik wie Poppen zur Erotik --- oder, um es sehr deutlich zu machen und
unfair zu sein wie alle Kunst: wie eine Public-Relation-Tussi zu Brodwolf
und Kiefer. Man muß deren schickmodernes Rendezvous nur fünf
Minuten lang bespitzeln, um zu begreifen, wie dumm die Behauptung ist,
es gebe zwischen Unterhaltung und Kunst, zwischen U und E keinen Unterschied.
Einander Fremderes als ausgerechnet diese beiden ist doch gar nicht vorstellbar!
Mademoiselle Pop kann nicht mit der Hummerschere umgehen und steht sowieso
mehr auf Eintopf, und Herrn Kunstanspruch verdirbt bereits ihr Make-up
den Appetit, weil er die immergleichen Modefarben seit Wochen auf den
Illustrierten-Covers sah. Wer also diese beiden für ein glückliches
Paar hält, versteht von Leidenschaft nichts. Oder er will sie verhindern,
indem er sie aufs industrielle Maß der Zweckehe bringt: Endlich
sind auch ihre wie auch immer gezeugten Kinder normiert.
(c) by ANH, Berlin, August 2002
|