Alban Nikolai Herbst
Poetenpoppen
 


Poppen ist ein Neuwort für vögeln, dem US-Amerikanischen entlehnt, das "knallen" damit meint. Im Deutschen knallt die Literatur. Was ganz sinnfällig ist, nachdem sich unser Geschlechtsakt pop(p)ularisierend den Vereinigten Verbalen Staaten so angedienert hat -schließlich läuft Sexualität den Künsten immer voraus. Tatsächlich hat sich Literatur seit Anfang der Achtziger allzeit bereitet, nicht Wende und Zeit zu verpassen, und kungelt unterdessen in MTV oder grast bei RTL in den Mächtchen herum, die eigens für sie abgezäunt wurden. Natürlich fläzte sie sich bereits vorher auf dem "E" der Kunst, altväterlich TV-Marcel R.-R., ein Erik Ode der Dichtung und drittbezahnter Harald Schmidt, oder konkavte sich blaubestrumpft durch Sigrid Löffler-Christiansen ins "U"... kurz: Seit vielen Jahren wurde das Ende der elitären Hochkultur auch in der Alten Welt eingeläutet. Nun hat sich ihre Äquivalenzform selbst gefunden, Zug um Zug selbstverständlich mit dem Umbau sozialer Marktwirtschaften in Ökonomien ebenfalls US-amerikanischen Zuschnitts, woher die Fama schließlich stammt, es gebe keinen Unterschied zwischen den Genres, zwischen Entatäinment und Kunscht. Daß das stimmt, liegt daran, ob man ihn sieht. Die meisten wollen ihn nicht sehen, weil er der flutschenden Gesamtbewegung kleine Gummistopper in die spaßig-soapigen Bahnen werfen könnte. Lieber kürt man neue Katechismen - wie die Sonntagszeitung der FAZ das vor ein paar Wochen tat, als sie unter dem Brüllaffenruf "Startschuß Pop" einige Dichter zu denen hochkanonisierte, die "man" gelesen haben müsse. Die Auswahl war pfiffig, zumal ihr Heimplatzkontingent für Auslandsdeutschsprachler, also Schweizerdichter und Österpoeten, nicht kleiner war als das für die Frauen. Außerdem wurden zwei assimilierte Türken genannt, so blieb alles restlos pc.
Literarisch zu poppen, bedeute, die Welt wieder aufzunehmen... ich erinner mich, so wurde argumentiert. Und, sowas zu tun, sei gleichbedeutend mit Unterhaltung. Als wären die Dichtungen der Gerd-Peter Eigner, Christa Reinig, Peter Kurzeck, Christoph Ransmeyer oder Paulus Böhmer ohne erlebte Substanz, hingegen die populäre Kultur von direkt erlebter Erfahrung nur so strotze, als wäre nicht gerade sie mit Geschick und Frechheit und Verkaufkraft gemacht. Dennoch: Nichts gegens Amusement auch in der Dichtung, nur ist das sowieso mit der Unterhaltung so eine Sache. Meine viellesende Oma, die ich sehr liebte, wurde von ganz andren Texten unterhalten als ich; das fühlte ich damals schon quälend, daß wir über gute Literatur nie zur Eintracht gelangten. Omi fand bereits Joachim Fernau schwierig, und Kafka legte sie nach zwei Seiten und ziemlich hustend beiseite. Was ich übrigens gut verstand. Meine Güte: Steigt in den Zug, um seine Milena zu treffen, und steigt, das feige Hascherl, auf halber Strecke wieder aus... so etwas hat mir nie gefallen. Daran kann ich noch heute nicht ohne vitalistischen Hochmut denken. Aber ich kam auch mit Omis geliebtem Hubert Selby nicht klar, fraß mich statt dessen durch Rohner-Radegast und Peter Fladl-Martinez. Später ließ Marianne Fritz mein Herzerl schlagen, was sogar literarisch versierte Freunde nicht verstanden.
Was einer unterhaltsam findet, hängt - so vermute ich, aber das darf man ganz sicher nicht sagen - von seiner Bildung ab. Mehr aber noch von seinem Willen. Denn das, was im 19. Jahrhundert Kunstwille war, hat sich im 20. und 21. um den Verständniswillen ergänzt. Wer einen solchen nicht kennt, bleibt - Bildung hin und Bildung her - jeder modernen Kunstanstrengung fremd. Bildung springt dem Willen ja bloß insofern bei, als sie ihm Argumente gibt; hat er sich nicht entwickeln können, kann ihn auch sie nicht füttern. Deshalb hängen so viele Professoren drin im poppenden Betrieb und seinem literarisch öden Blümchensex.
Das ist natürlich auch eine Frage der Prägung. Die neuen Leser sind mit der Populärkultur herangewachsen, da haben sie ihre sentimentale Heimat, man konnte und durfte sich in der eigenen - deutschen - Identität nicht finden, sie übernahm man die des wirtschaftslibertären Siegers. Und also definiert heute das Geschmacksrecht der Mehrheit, was Kunst sei, - als spiegelte nicht das wohlfeile Vorurteil, die tonale Musik töne fürs Herz und gleichsam aus dem Herzen heraus, indes einen Avantgarde bloß verkopfe, das industrielle Produktionsverhältnis von Künstler, Vermittler und Rezipienten. Beschwörung von Unmittelbarkeiten war immer schon naiv und politisch sogar dumm und gefährlich. Unterdessen gipfelt sie in dem Unterwerfungswille einer Generation, für die auch Kriege wieder Mittel der Problemlösung sind. Das hat sie von demselben Land gelernt, das ihr die frühen ästhetischen Werte vermittelte, also über eben den Pop, aus dem sich nun die Neue Literatur herleiten soll: Sentimentalität und Big Macs gehen trefflich zusammen. Man unterschätze nicht das hochstrategische Kalkül des Kinderkreuzzugs, den MacDonals seit Anfang der 70er Jahre führte, will sagen: die Popper können ja eigentlich nichts für ihren Geschmack. Die Feldherren der Hamburger-Kette haben sehr gut gepokert und jetzt, da die starken Bilder nicht mehr "mitgehen" wollten, "ich will sehen" gesagt. Nicht anders ist jemals Klassik entstanden. Doch wer den verschwindenden Tonlinien Morton Feldmans nachgespürt hat - erschüttert, ja, sagen wir's ruhig: betroffen -, wird mit den sahnefett gebutterten Melodiken der Beatles, dumpf-esoterischem Techno-Stampfen, aber auch mit den harmonisch eileiterweichen Rhythmen Shakiras enorme, ja gastritische Schwierigkeiten haben - und umgekehrt. Pop verhält sich zur Neuen Musik wie Poppen zur Erotik --- oder, um es sehr deutlich zu machen und unfair zu sein wie alle Kunst: wie eine Public-Relation-Tussi zu Brodwolf und Kiefer. Man muß deren schickmodernes Rendezvous nur fünf Minuten lang bespitzeln, um zu begreifen, wie dumm die Behauptung ist, es gebe zwischen Unterhaltung und Kunst, zwischen U und E keinen Unterschied. Einander Fremderes als ausgerechnet diese beiden ist doch gar nicht vorstellbar! Mademoiselle Pop kann nicht mit der Hummerschere umgehen und steht sowieso mehr auf Eintopf, und Herrn Kunstanspruch verdirbt bereits ihr Make-up den Appetit, weil er die immergleichen Modefarben seit Wochen auf den Illustrierten-Covers sah. Wer also diese beiden für ein glückliches Paar hält, versteht von Leidenschaft nichts. Oder er will sie verhindern, indem er sie aufs industrielle Maß der Zweckehe bringt: Endlich sind auch ihre wie auch immer gezeugten Kinder normiert.


(c) by ANH, Berlin, August 2002