| |
Wir gewinnen gerne Kriege, selbst wenn die dadurch verloren
gehen: Das Gesetz des schnellen Geldes läßt noch den Untergang
im voraus vermarkten, und Standards, die die Literaturgeschichte nicht
nur der Moderne schrieb, fallen leichter als jede Münze, die einer
in ColaAutomaten steckt. Machen wir also so recht nach Herzen sauber und
Schluß mit jedem Zweifel, jeder Ambivalenz - vor allem und also
mit jeder erotischen Spannung, die große Dichtung ausgezeichnet
hat: daß wir nämlich nie wissen, weshalb wir lieben und/oder
begehren, daß unsere Lüste dem Wohlverstand so sehr zuwiderlaufen,
uns aber eben deshalb am Erstarren hindern.
Wenn sich in den Romanen die problematische Stellung eines oder mehrerer
Einzel-ner ausdrücken konnte, wenn Randunschärfe und Fraglichkeit,
ja Fragwürdigkeit der Existenz die Themen waren, die uns bis in die
Eingeweide um- und umgerührt haben, tun wir nunmehr so, als gäbe
es diese Eingeweide nicht - die so schrecklich schleimig, organisch und
behaftet mit Gerüchen sind, welche einerseits Ekel, aber im selben
Maß auch Lust erregen. Überhaupt: Mit Sexualität und Erotik,
den Fixpunkten jedes poetischen Denkens und Traums, ist es - parallel
zu einem neuen Krieg - endlich vorbei.
Nun wird das alles weggeglättet und rundweg die VorPubertät
zu dem literarischen Topos erklärt: Harry Potter hat nicht einmal
Pickel. Was häßlich ist, gehört direkt zum Bösen,
das als Begriff ja neuerdings auch wieder beinah unbestrittene Würde
er-langt. Was aber Geister ausgezeichnet hat, alle Geister - man lese
nur einmal Grimms Deutsche Mythologie, man lese 1001 Nacht oder die Sagen
des Klassischen Altertums -, wird kurzerhand auf ein gesäubertes
Niveau gebracht, das sich sogar weit unter Walt Disneys Biedermeierträumen
auf das Gesittetste fläzen darf. Weiße Magie gegen Schwarze,
blonde Frauen sind gut und dunkelhaarige böse, es gibt eine Erlösung,
die mehr als nur Happy End ist, die sozusagen Endlösung ist, und
die Leute heiraten wieder. Auch und gerade kirchlich: Was physiologisch
mit Aids begann, die WiederDomestizierung des Sexus, hat allgemein begrüßten
Eingang in die Seelen gefunden.
Dabei ist Harry Potter selbst kein Problem, er wäre als Kinderbuch
eines unter vielen; aber daß er bei Erwachsenen so greift und griffig
gemacht wird, zeigt einen Regreß von erschreckendem Ausmaß:
Man möchte die Welt wieder so klar und rein, wie sie niemals gewesen
ist. Und die, die dran verdienen, wolln das erst recht, denn die Definition
von Ziel- und Absatzgruppen fällt nun viel leichter, ja, einmal zugerichtet,
muß da keiner mehr definieren. Die Säuberungsaktionen sind
längst von den Rezipienten internalisiert. Hatte jemand Widerspruch
erhoben, als die Saubermänner in den USA dem armen Lukas seine geliebte
Pfeife wegzensierten und die Deutschen den gesundheitspolitisch nunmehr
korrekten, am amerikanischen Wesen genesenen Lokomotivführer in sein
Heimatland zurückimportierten? Was wird man mit Frau Marzahn tun,
der bitterbösen Drachin, die später zur goldenen Hoffnungsträgerin
mutiert? Die also als Böse das Gute repräsentiert? "Ich
bin ein Teil von jener Kraft..." - ich schlage vor, auch Goethe auf
den Prüfstand der eineindeutigen Moral zu stellen. Wir werden bald
vielerlei Abschied nehmen.
Was an alledem so furchtbar ist, daß einem eigentlich nur das höhnischste
Gelächter bleibt, ist ja nicht die Kinderbuchserie als solche. Der
armen Sozialhilfeempfängerin, über die nun Reichtum hereinbrach,
ist dieser Reichtum von mehr als nur Herzen zu gönnen. Daß
aber Intellektuelle gefühlig sich anbieten, dem ohnedies schon Knebelmarkt
um die HarryPotterProdukte auch da noch Steigbügel zu halten, wo
das Pferd längst beritten ist, das ist ein Skandal. Und daß
- in einer Ankündigung des Berlin Verlags - ein Essayist wie Michael
Maar ebenso geschickt wie zeitgeistig korrupt die kinderbelletristische
Erfolgsserie nicht nur philologisch nobilitiert, sondern zugleich jemanden
als Zeugen herbeiruft, der sich nicht mehr wehren kann, ist ein für
den Geist derart peinlicher Akt, daß man ihn terroristisch nennen
muß: "Warum Nabokov Harry Potter geliebt hätte" wird
das Buch heißen und ganz sicher eine Flut ähnlicher Publikationen
auslösen.
Da gilt es deshalb schnell zu sein, und auch ich möchte auch ein
paar Vorschläge unterbreiten. Etwa: "Warum Ezra Pound sich hätte
von Sibylle Berg inspirieren lassen". Das könnte zum Beispiel
Klaus Reichert verfassen. Oder "Hans Henny Jahnn und Konsalik - eine
poetische Liebe". Notiert von Iris Radisch. Reinhard Baumgart wie-derum
könnte sich über "Da ist viel Baywatch in Wolfgang Hilbig"
äußern, und Katharina Rutschky den Stöckeln Utta Danellas
im dichterischen Werk Friederike Mayröckers folgen...
-... ich kann gar nicht aufhören, so viel fällt mir jetzt ein:
"Entenhausen und Leopold Bloom", "Schon Platon tanzte auf
der Orbs - wahrhaftig unendliche Weiten" Besonders schön wäre
"Da ist viel Madonna in Anton von Webern". Auf akademischem
Niveau ließen sich endlich auch Dissertationen wie "Über
den Einfluß des Ost-Sandmännchens auf den frühen Sartre"
denken oder "Johannes Mario Simmel in der Rezeption Friedrich Schlegels".
Was immer man also sagen kann, in jedem Fall ist der Herr Maar ein Pionier
der Neuen Freien GeistWirtschaft: so sozial wie christlich wie sauber.
Und es sind nur wir Dunkelmänner, die heimlich an Kalliope beten:
"Unser tägliches Wort gib uns heute - und schenke uns endlich
einen neuen Karl Kraus!"
(c) by ANH, Dezember 2001
|