Alban Nikolai Herbst


aufgespießt:

Der Halbmond auf Saurons Turm

 

Wie gut, daß es den Spielfilm gibt! Und wie gut, daß wir heimliche Allianzen haben, von denen keiner spricht... die unverdächtig sind, sozusagen von Film wegen, aber sowieso: Daß Washington gern Direktiven an Hollywood gab und gibt, ist bekannt, und vorm Golfkrieg tanzten dann auch die Kritiker ihren jubelnden Eiertanz um "The thin red line", alle hatten sie militärbegeisterten InterventionsSchaum vorm Mund, aber nannten das, was der Streifen war, ganz bewußt nicht beim Wort: Ein Kriegsfilm. Das ist ja die Schande dieses Genres, daß noch AntiKriegsfilme, also solche mit sogenanntem kritischen Potential, Kriege immer denkbar machen und uns an sie gewöhnen. Völlig anders übrigens, als das bei Stücken der Fall ist, die den Kriegsschauplatz für die Darstellung eines tragischen Geschehens, mithin eines Schicksals, nutzen, welches über die Protagonisten kommt und die Frage, ob etwas Rechtens oder Unrecht sei, geradezu unterläuft. Für so etwas steht etwa Kleist, stehen all jene Autoren, die sich in die Grausamkeit-selbst hineinbegeben, sozusagen unmoralische Künstler, die der Gewalt als sagen wir: anthropologischer Konstante nachspüren. David Cronenberg gehört sicher dazu, manches von David Lynch, der frühe Ridley Scott, Thomas Pynchon, Helmut Krausser bisweilen, in früheren Zeiten auch Thomas Hettche. Jeder andere Ansatz ist politisch und manipuliert: Wie krieg ich die Befindlichkeit demokratischer Massen ins Undenkbare hinein? Letztlich haben sie die Technik alle von Goebbels, dessen geschickte Strategien sich unterdessen mit dem Pop verbunden haben: Der Virtualisierung, also Entkörperlichung, von Welt läuft etwa die Mode des Piercings durchaus parallel. Aufgespießt, im Wortsinn. Selbstverständlich stand die Star-Wars-Saga unterm Zeichen des von den USA geplanten SDI -Gürtels, und durchaus nicht zufällig wurde ihre Fortsetzung "Episode 1" gedreht, als man sich abermals aufrüstete und Kriegseinsätze fliegen wollte. Science Fiction war immer schon ein Genre, das wenn auch unbewußt seismographisch den Zeitgeist reflektiert.
Nun hat sich auf das Heftigste die Fantasy hinzugeschlagen und ist doch unverdächtig zugleich: Daß der zweite Teil der Verfilmung des "Herrn der Ringe" von einem Neuseeländer gedreht wurde, rückt meine Spekulation ins belächelte Gebiet der Verschwörungstheorien. Wer kommt bei jemandem wie Jackson auf solche Gedanken? Ich meine, Neuseeland spielt doch weltpolitisch überhaupt keine Rolle! Daß repräsentativ die englische Krone Staatsoberhaupt ist, fällt ja keinem ein... Nun läßt sich einerseits fragen, wer hat den Film finanziert... und andererseits, sehen Sie, da gibt es den Halbmond. Wie auf Moscheen steht er überm Turm Saurons, des sich allmählich wiederbildenden Bösen-an-sich, der die Welt ins Dunkel stürzen will, steht da überm Turm... nein: liegt, wie eine Barke, die am blauen Himmelszelt emporsteigt... so heißt es orientalisch-richtig bei Bethge und also in Mahlers "Lied von der Erde". Nur ist er unterdessen kein Symbol für Sehnsucht mehr, sondern kreuzzüglerisch etwas, auf das man draufhauen muß. Und dieses Draufhauen wird im Film auch vorexerziert, geradezu unentwegt und mit hochtechnokratischer Lust: Lauter Jud-Süßens, Massen von schon körperlichen Underdogs, gewaltsam und brutal und häßlich, fallen ein in die auenhafte westliche Welt. Da kann man den Helden des Steifens wirklich nur beispringen: nämlich draufhauen aufs Ungeziefer und sich zugleich liebevoll seiner Allianzen versichern: Elbe Blair spricht mit Hobbit Fischer in endlosen, durchaus homoerotisch besetzten Verdrängungsszenen, der Knubbelzwerg Ecevit Seite an Seite mit dem schlagbereiten Menschen Bush... jaja, ich weiß, so hat er niemals ausgesehen, doch hätte er es sicher gerne. Seit John Wayne tot ist, haben die Staaten ja keinen richtigen Filmhelden mehr. Bruce Willis zählt da nicht, selbst der ist Washington zu ambivalent, und Charlton Heston wiederum ist zu greis. Außerdem lesen die unterdessen alle Michael Moore und sind verstimmt. Da sag mir noch einer, es sei nicht gut, daß es Neuseeland gibt: Das Land ist unbescholten, hat englische Traditionen und richtig gut mit den Maori aufgeräumt, die ja auch aussehen wie Orks, und obendrein s p r i c h t man noch Englisch, so daß sich Washington nicht einmal verbiegen muß. Denn, so sagt der Koran: "Du kannst nur die hörend machen, die an unsere Zeichen glauben und die sich ergeben." Oder, um den guten Zauberer Gandalf zu zitieren: "Halte ihn hoch! Und schau ihn genau an!" Nämlich den Ring und den Film.

(c) by ANH, Berlin 2003