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Die Welt ist von reality total durchdrungen. Nicht
nur von Fernsehprogrammen, darin Hinterbliebene das Schicksal ihrer Vorausgeeilten
an Moderatoren verhökern, weil RTL dank Lachs in den Teller und Moët
auf den Tisch den Leichenschmaus spendiert, - sondern es ist Sponsorship
zum Kernstück der Nachmoderne geworden. Da muß es einen nicht
wundern, ja macht einen froh, daß ein Stadtstaat im Norden Deutschlands
- der mit dem Schlüssel im Wappen - endlich Konsequenzen zieht. Jetzt
reimt sich Maggi auf Magie, und die hanseatische Bürgerschaft hat
beschlossen, es dem Weserstadion gleichzutun und die Wände des Parlamentes
bunt und konsumentenfreundlich zu affichieren. Im selben Maße, in
dem sich Volkes Ausgeglichenheit umdefiniert in ein Wohl der Ökonomie,
woran marktwirtschaftlich sozial etwas ist, in selbem Maß dreht
sich der Vollzug nun in den Geist nicht der Zeit, sondern des Geistes.
Längst ist auch die Produktion von Kunst vom Tauschprinzip durchdrungen.
Konzerne stecken große Summen Geldes in Kunst nicht mehr, um sich
gut feudalistisch und schlecht bürgerlich ein gutes Gewissen zu kaufen
oder - was ehrlicher wäre und völlig legitim - um sich feiern
zu lassen, sondern weil sie meinen, sie könnten mehr Elektrorasierer
verkaufen, wenn sie die mit Karlheinz Stockhausen bewerben. Tatsächlich
verkaufen sie mit dem sowieso mehr. Infolgedessen wurde Max Ernst posthum
von der Lufthansa auf die payroll gesetzt, und "Deux jeunes
filles se promènent á travers le ciel" von 1929 steht
für das Lebensgefühl in der Boeing 747 Business class.
Keine Opernaufführung mehr, deren Tickets nicht rückseits für
den Pelzhandel würben - oder wirbt dieser für sie? -, kein Programmheft
ohne Prägung durch diamantne Präziosen; Madonna ist,
meint man, ein SANDOZ-Produkt, die bops wurden von ABD synthetisiert,
und ganz offensichtlich haben die Bayerischen Motorenwerke Heinz-Rudolf
Kunze im Windkanal getestet. Und indem diese Zeilen entstehen, erscheine
ich selbst als Objekt interindustriellen Dienstes am Kunden. Das genau
ist, was reality meint. Der irrt, wer glaubt, die Welt werde immer
abstrakter; tatsächlich wird das Abstrakte auf inflationäre
Weise konkret und also banal. Frauenkörper, Rienzi, Eisvögelfotos
und Hölderlin werden zum Träger ihnen völlig fremder Informationen,
Kunst wie Naturbild zum Zwischenwirt, der am Wirtschaftswachstum schmarotzt.
In jeden Traum ist die Welt eingebrochen, ja über ihr Eindringen
in ihn ist er der Welt abhanden gekommen. Kein Aufstand, der nicht umsatzsteigernd
wäre. Was hätte man nicht alles aus den Studentenunruhen herausschlagen
können! Man denke nur an Levis und Lee, an Gauloises
und meinethalben Belmondo. Aber nein. Noch hatte der Kapitalismus
systemfremde Furcht vor der Ideologie, und also ging die Revoluzze beidseits
ins Leere. Die Industrie hat erstaunlich lange gebraucht, das zu begreifen,
und die meisten Künstler wissen noch heute nicht, wie hübsch
sich schnorren läßt daran.
Selten wurde mir das so deutlich wie auf dieser denkwürdigen Demonstration
vor einigen Wochen eben in Bremen. Sie wissen schon: Das ist der vierfünftel
große Ort im Norden der Bundesrepublik Deutschland, wo sich der
Ursprung des Studienrats aus dem Geiste des Studentenrevolters geschält
hat wie nirgendwo sonst. Fast glaubt man dort, in der Schweiz zu sein,
so geordnet, herausgeputzt und menschlich-nett geht's da zu. Überall
herrscht umzäunte Kleingärtnerhumanität; hier hat man mit
der Revolution einen mormonenartigen Frieden geschlossen, mit linkskonservativen
Traditionen bis zur Krawattenlosigkeit voll. Ich war hingefahren, um einen
Freund zu besuchen, der dort lebengeblieben ist, um leninistisch-apostate
Buße zu tun: Wenn er ausgeht, will er sich geißeln.
Mein linksmönchischer Freund heißt Martin, und auch er - gleich
fünf Vierteln der dortigen Wahlbürgerwesen - ist Studienrat.
Noch am Abend meiner Ankunft nahm er mich auf eine der turnusmäßig
durchgeführten Demonstrationen mit. Die Protestrituale mit Bratwurstglöckl-
und Diskoabschluß werden, um anarchische Ausfälligkeiten im
Griff zu haben, seit einigen Jahren vom Bremer Senat organisiert, was
man sich folgendermaßen vorstellen muß: Will die BSAG (Bremer
Straßenbahn AG) die Beförderungspreise erhöhen, so wendet
sie sich an den Umwelt-, sowie den Verkehrssenator und bittet um behördliche
Ausrichtung einer Protestkundgebung gegen die zu beschließende Maßnahme.
Die Behörde läßt dann aus Steuermitteln und auf Umweltpapier
Flugblätter drucken und diese kostenlos an den bremischen Kindergärten,
Volks- und Mittelschulen, den Gymnasien, an der Universität und in
ausgesuchten Betrieben verteilen, des Inhalts nämlich, die Kirchen,
Gewerkschaften und verschiedene Initiativen fürs Gemeinwohl riefen
in enger Zusammenarbeit mit dem Senat zur Bildung einer Lichterkette auf.
Kein Bremer, der dem widerstehen könnte. Meist zieht daraufhin, mit
Fackeln und ähnlichem Leuchtzeug bewaffnet, die halbe Stadt vom Steintor
am Roland vorbei bis nach Walle und von dort aus wieder zurück. Schließlich
wird der Umzug befeiert, und die zu beschließende Fahrpreiserhöhung
ist qua paradoxer Intervention ein für allemal in Volkes Bewußtsein
gestanzt. Der Bremer hat nämlich nach durchgeführten Demonstrationen
rundum das wohle Gefühl, erfolgreich gewesen zu sein. Demonstrationen
sind gewissermaßen die bremische Spielart eines negativen Volksentscheids;
über den Kopf der Bürger hinweg wird in dieser Stadt wahrlich
nichts beschlossen. Das garantiert letzten Endes sowohl ihre grüne,
wie gemütlich linke Hygiene. Ähnlich hanseatisch geht es dort
zu, wenn man die Republikaner in den Senat bringen, Kurzarbeit einführen
oder den Zuzug von Ausländern einschränken will. Man organisiert
frohgemut eine Demo fürs Gegenteil, sorgt für versöhnenden
Abschluß mit Freibierfolklore und kann sich dann seines politischen
Erfolges völlig gewiß sein. Das Volk ist durch Protest dagegen
immer dafür. Er garantiert ihm, auch weltpolitisch in jedem Fall
die Stimme erhoben und also sich der demokratischen Verantwortung nicht
entzogen zu haben. Wird diese wider Erwarten dionysisch, werden halt auf
behördlich freigegebene Abrißobjekte ein paar Steinchen geworfen.
Farbbeutel verbieten sich heutzutage sowieso: Der linke Bremer hat seit
1975 zuviel privatisierte Energie aufbringen müssen, sich die putzigen
Bürgerhäuschen aufzupolieren.
Hingegen hat mein Freund Martin, weil er, wie gesagt, ein Mönchslinker
ist, immer zweidrei Farbbeutel bei sich. Wenn die Volkswut ihren Höhepunkt
erreicht, pflegt er jene weit von sich zu werfen. Das zieht diese anstelle
des tatsächlichen Protestgegenstandes tragischerweise auf ihn: Erst
wird er verbal attackiert, dann oft verhaftet und von der aufgewühlten
Linken für ungebührliches Protestverhalten vor Gericht gestellt.
Schließlich muß er ein Bußgeld zahlen, weil er den Boden
der Bremer freiheitlich-demokratischen Demonstrationsordnung unsolidarisch
verlassen hat.
Mir schwante also nichts Gutes. Indessen versicherte er, diese
Lichterkette stehe am Anfang einer völlig neuen, restrukturierten
Demonstrationskultur. Ich blieb zwar skeptisch, gleichwohl war meine Neugier
geweckt. Auf dem Anweg nach Domsheide erläuterte er mir, es sei mir
gewißlich bekannt, daß es der Stadt finanziell nicht gutgehe
seit einiger Zeit. Namentlich das Kentern der Bremer Vulkan und
das sowieso schüttere Senatssäckel hätten infrage gestellt,
ob das bundesrepublikanisch so vorbildliche Bremer Demonstrationsniveau
auf Dauer zu halten sei. Allein die professionellen Entwürfe für
Flugblätter, Transparente und sonstige Protestträger hätten
Hunderttausende verschlungen, von Papier- und Druckkosten zu schweigen.
Außerdem habe die Polizeigewerkschaft wegen der demonstrationsbedingten
Überstunden mehrere Protestnoten eingereicht, in denen verständlich
und verständlicherweise um Zulagen nachgesucht werde. Darüber
hinaus habe man bei jedem Protestmarsch die Autofahrer für die verlängerten
Stauzeiten mit Steuervergünstigungen abfinden müssen. Etc. etc.
Kurz: Die finanzielle Lage habe es erzwungen, sich mit der Lösung
der verzwickten Problematik zu befassen, und es sei endlich einem pfiffigen
Werbemenschen gelungen, das der Stadt drohende Demonstrationsschachmatt
noch abzuwenden. "Aber wart' nur noch zu!"
Die Demonstration ging diesmal nicht um städtische Belange; vielmehr
hatte der Senat auf dem Umweg über die verschiedensten Bürgerinitiativen
- derer es in Bremen wenigstens so vieler gibt wie in Köln Faschingsvereine
- die Bevölkerung aufgerufen, sich am Dom zu einer Kundgebung gegen
die Zwangsprostituierung bosnischer Frauen einzufinden; ein Thema, das
schon vielerorts demonstratische Würdigung fand. Da alledie Protestunternehmen
bislang nichts anderes hatten erreichen können, als besagte Erhitzung
durch ventilierenden Ausstoß abzukühlen, ist den Bremern nicht
übelzunehmen, daß sie diesmal so spät zum Fahnenschwenken
kamen.
Es war bereits dunkel, irgendwas um halb sieben, als Martin und ich den
Wallfahrtsort erreichten. Die durchaus nicht nur jugendlichen Leute standen
in vielleicht Hundertergruppen locker durchorganisiert vom Dom und um
den Roland bis zur Böttcherstraße herum. Insgesamt werden es
fünf- bis zehntausend gewesen sein, was für Bremen nicht viel
ist. Indessen haben die Hanseaten, um die Arbeitslosenzahlen zu drücken,
für Demonstrationsreservisten gesorgt: Erscheinen, etwa wegen starken
Regnens, nicht genug Leute, so werden ABM-Kräfte zur Verstärkung
beigezogen. Doch schon jetzt war es ein prachtvoller, glänzender,
ja lebensfroher Anblick. Radio Bremens "Buten und Binnen" war
selbstredend vertreten, darüber hinaus rüsteten Übertragungswagen
von SAT1 und RTL zur Aktion, irgendwo huschte Elke Heidenreich durch eine
auf eine Leinwand projizierte Zahnpastareklame, und auf einem vom ZDF
gestifteten Podest interviewte Alfred Biolek einen geschichtslosen Parka.
Der Platz war halugen beleuchtet: Ich kam mir vor, als hätt ich Crack
geschluckt. Und nicht irgendwelche verbeulten Flüstertüten hielten
die Leute in den Händen, nein, hochmoderne blitzende Geräte,
auf denen "It's a Sony" stand. Eine Abordnung des Bremer Unternehmerverbandes
ließ metallisch schimmernde Transparente von ihren Arbeitnehmern
schwenken. Die IG Druck und Papier dankte auf einem Plakat dem Bremer
Verlagshaus Schünemann für großzügige Unterstützung,
die Karstadt AG hatte eigens T-Shirts mit rüttelnd humanitärem
Aufdruck herstellen lassen, und auch Horton teilte mit, der Konzern sei
mit dem Anliegen seiner Belegschaft absolut paktsolidar. Freund Martin
blickte hansestolz, und ich mußte zähneknirschend eingestehen,
dergleichen hätt' ich selbst für Frankfurt am Main nicht für
möglich gehalten.
Kein bremisches und kaum ein größeres überregionales Unternehmen,
das den Protestmarsch nicht gesponsort hätte. Neben SONY war selbstverständlich
TOSHIBA vertreten, und weil MACDONALDS vielleicht allzulange gezögert
hatte, durfte nun WENDYS die artgerechte Ernährung der Demonstratie
besorgen. Auf einer so umfangreichen Fahne, daß vier wildwestliche
Leute sie auf Pferden tragen mußten, stand in schwarzer Schrift
auf weißem Grund zwischen zwei roten Emblemen: "Gegen jede
Form der Vergewaltigung". Und darunter: "Die Gesundheitsminister
der EG: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit." Stefan Aust erklomm
hochdotiert das Podest, von welchem Biolek und der Parka sich zeitgleich
abseilen ließen, und verlas eine Solidaritätsnote von "focus".
Derweil hatte gegenüber Beate Uhse Flugblätter verteilt, die
rigoros zum Ausdruck brachten, sie verurteilten jegliche Form von Gewalt
gegen Frauen.
Endlich setzte sich der Zug in Bewegung. An der Spitze fuhren High-End-bestückte
Lautsprecherlaster der Daimler Benz AG. Aus nostalgischen Gründen
hatte man irgendwo gitterverglaste Wasserwerferwagen aufgetrieben, die
späterhin Schampus verschossen. Acht oder neun Hubschrauber, die
den Marsch hin- und herüberrotorten, lichterspielten psychodelisch
und lockten die noch zögernden Bremer aus ihren Häuschen. Das
blähte endlich die Teilnehmerzahl auf zweihunderttausend, und es
wurde eine rauschende Ballnacht, zu deren Abschluß Götz George
sich von einem Helikopter am Gummiseil kopfüber abwerfen und über
den Frisuren von Wirtschaftsrepräsentanten ein bißchen schaukeln
ließ. Dabei entploppte er eine Flasche MM. Für den kulinarischen
Ausklang sorgte Käfer's Gastronomie, und es brach fast schon das
Morgendämmern durch, als Martin und ich uns ziemlich besoffen auf
den Heimweg machten. "Auf uns schaut von heut an die Welt,"
lallte er. Aus mir aber schaute der Frankfurter Neid und antizipierte
den der Berliner.
Denn in der Tat. Nicht einmal die großen Anti-AKW-Märsche der
siebziger Jahre erreichten eine so große Publizität. Bekanntlich
bedauerte telegrafisch sogar Mr. Clinton, nicht dabeigewesen zu sein.
Allein, ihn habe der US-amerikanische Haushalt verhindert. Selbst Serbien
soll die Sponsortation beeindruckt haben.
Den größten Erfolg indessen konnte die Hansestadt selber verbuchen.
Denn man hat dort schnell weitergedacht. Derzeit geht, so mein Freund
Martin, die Rede, man wolle in Zukunft nicht nur Demonstrationen, nein,
auch städtische Bau- und Sanierungs-, sowie Umweltschutzprojekte
auf ähnliche Weise sponsorn lassen, und, weil eine derartige Nachfrage
seitens der Firmen bestehe, sei mittlerweise sogar an die Privatisierung
des Finanzamts gedacht.
(c) by ANH, Frankfurt am Main 1996
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