Alban Nikolai Herbst

Den Sponsor im Schlüssel

 

Die Welt ist von reality total durchdrungen. Nicht nur von Fernsehprogrammen, darin Hinterbliebene das Schicksal ihrer Vorausgeeilten an Moderatoren verhökern, weil RTL dank Lachs in den Teller und Moët auf den Tisch den Leichenschmaus spendiert, - sondern es ist Sponsorship zum Kernstück der Nachmoderne geworden. Da muß es einen nicht wundern, ja macht einen froh, daß ein Stadtstaat im Norden Deutschlands - der mit dem Schlüssel im Wappen - endlich Konsequenzen zieht. Jetzt reimt sich Maggi auf Magie, und die hanseatische Bürgerschaft hat beschlossen, es dem Weserstadion gleichzutun und die Wände des Parlamentes bunt und konsumentenfreundlich zu affichieren. Im selben Maße, in dem sich Volkes Ausgeglichenheit umdefiniert in ein Wohl der Ökonomie, woran marktwirtschaftlich sozial etwas ist, in selbem Maß dreht sich der Vollzug nun in den Geist nicht der Zeit, sondern des Geistes. Längst ist auch die Produktion von Kunst vom Tauschprinzip durchdrungen. Konzerne stecken große Summen Geldes in Kunst nicht mehr, um sich gut feudalistisch und schlecht bürgerlich ein gutes Gewissen zu kaufen oder - was ehrlicher wäre und völlig legitim - um sich feiern zu lassen, sondern weil sie meinen, sie könnten mehr Elektrorasierer verkaufen, wenn sie die mit Karlheinz Stockhausen bewerben. Tatsächlich verkaufen sie mit dem sowieso mehr. Infolgedessen wurde Max Ernst posthum von der Lufthansa auf die payroll gesetzt, und "Deux jeunes filles se promènent á travers le ciel" von 1929 steht für das Lebensgefühl in der Boeing 747 Business class.
Keine Opernaufführung mehr, deren Tickets nicht rückseits für den Pelzhandel würben - oder wirbt dieser für sie? -, kein Programmheft ohne Prägung durch diamantne Präziosen; Madonna ist, meint man, ein SANDOZ-Produkt, die bops wurden von ABD synthetisiert, und ganz offensichtlich haben die Bayerischen Motorenwerke Heinz-Rudolf Kunze im Windkanal getestet. Und indem diese Zeilen entstehen, erscheine ich selbst als Objekt interindustriellen Dienstes am Kunden. Das genau ist, was reality meint. Der irrt, wer glaubt, die Welt werde immer abstrakter; tatsächlich wird das Abstrakte auf inflationäre Weise konkret und also banal. Frauenkörper, Rienzi, Eisvögelfotos und Hölderlin werden zum Träger ihnen völlig fremder Informationen, Kunst wie Naturbild zum Zwischenwirt, der am Wirtschaftswachstum schmarotzt. In jeden Traum ist die Welt eingebrochen, ja über ihr Eindringen in ihn ist er der Welt abhanden gekommen. Kein Aufstand, der nicht umsatzsteigernd wäre. Was hätte man nicht alles aus den Studentenunruhen herausschlagen können! Man denke nur an Levis und Lee, an Gauloises und meinethalben Belmondo. Aber nein. Noch hatte der Kapitalismus systemfremde Furcht vor der Ideologie, und also ging die Revoluzze beidseits ins Leere. Die Industrie hat erstaunlich lange gebraucht, das zu begreifen, und die meisten Künstler wissen noch heute nicht, wie hübsch sich schnorren läßt daran.
Selten wurde mir das so deutlich wie auf dieser denkwürdigen Demonstration vor einigen Wochen eben in Bremen. Sie wissen schon: Das ist der vierfünftel große Ort im Norden der Bundesrepublik Deutschland, wo sich der Ursprung des Studienrats aus dem Geiste des Studentenrevolters geschält hat wie nirgendwo sonst. Fast glaubt man dort, in der Schweiz zu sein, so geordnet, herausgeputzt und menschlich-nett geht's da zu. Überall herrscht umzäunte Kleingärtnerhumanität; hier hat man mit der Revolution einen mormonenartigen Frieden geschlossen, mit linkskonservativen Traditionen bis zur Krawattenlosigkeit voll. Ich war hingefahren, um einen Freund zu besuchen, der dort lebengeblieben ist, um leninistisch-apostate Buße zu tun: Wenn er ausgeht, will er sich geißeln.
Mein linksmönchischer Freund heißt Martin, und auch er - gleich fünf Vierteln der dortigen Wahlbürgerwesen - ist Studienrat. Noch am Abend meiner Ankunft nahm er mich auf eine der turnusmäßig durchgeführten Demonstrationen mit. Die Protestrituale mit Bratwurstglöckl- und Diskoabschluß werden, um anarchische Ausfälligkeiten im Griff zu haben, seit einigen Jahren vom Bremer Senat organisiert, was man sich folgendermaßen vorstellen muß: Will die BSAG (Bremer Straßenbahn AG) die Beförderungspreise erhöhen, so wendet sie sich an den Umwelt-, sowie den Verkehrssenator und bittet um behördliche Ausrichtung einer Protestkundgebung gegen die zu beschließende Maßnahme. Die Behörde läßt dann aus Steuermitteln und auf Umweltpapier Flugblätter drucken und diese kostenlos an den bremischen Kindergärten, Volks- und Mittelschulen, den Gymnasien, an der Universität und in ausgesuchten Betrieben verteilen, des Inhalts nämlich, die Kirchen, Gewerkschaften und verschiedene Initiativen fürs Gemeinwohl riefen in enger Zusammenarbeit mit dem Senat zur Bildung einer Lichterkette auf. Kein Bremer, der dem widerstehen könnte. Meist zieht daraufhin, mit Fackeln und ähnlichem Leuchtzeug bewaffnet, die halbe Stadt vom Steintor am Roland vorbei bis nach Walle und von dort aus wieder zurück. Schließlich wird der Umzug befeiert, und die zu beschließende Fahrpreiserhöhung ist qua paradoxer Intervention ein für allemal in Volkes Bewußtsein gestanzt. Der Bremer hat nämlich nach durchgeführten Demonstrationen rundum das wohle Gefühl, erfolgreich gewesen zu sein. Demonstrationen sind gewissermaßen die bremische Spielart eines negativen Volksentscheids; über den Kopf der Bürger hinweg wird in dieser Stadt wahrlich nichts beschlossen. Das garantiert letzten Endes sowohl ihre grüne, wie gemütlich linke Hygiene. Ähnlich hanseatisch geht es dort zu, wenn man die Republikaner in den Senat bringen, Kurzarbeit einführen oder den Zuzug von Ausländern einschränken will. Man organisiert frohgemut eine Demo fürs Gegenteil, sorgt für versöhnenden Abschluß mit Freibierfolklore und kann sich dann seines politischen Erfolges völlig gewiß sein. Das Volk ist durch Protest dagegen immer dafür. Er garantiert ihm, auch weltpolitisch in jedem Fall die Stimme erhoben und also sich der demokratischen Verantwortung nicht entzogen zu haben. Wird diese wider Erwarten dionysisch, werden halt auf behördlich freigegebene Abrißobjekte ein paar Steinchen geworfen. Farbbeutel verbieten sich heutzutage sowieso: Der linke Bremer hat seit 1975 zuviel privatisierte Energie aufbringen müssen, sich die putzigen Bürgerhäuschen aufzupolieren.
Hingegen hat mein Freund Martin, weil er, wie gesagt, ein Mönchslinker ist, immer zweidrei Farbbeutel bei sich. Wenn die Volkswut ihren Höhepunkt erreicht, pflegt er jene weit von sich zu werfen. Das zieht diese anstelle des tatsächlichen Protestgegenstandes tragischerweise auf ihn: Erst wird er verbal attackiert, dann oft verhaftet und von der aufgewühlten Linken für ungebührliches Protestverhalten vor Gericht gestellt. Schließlich muß er ein Bußgeld zahlen, weil er den Boden der Bremer freiheitlich-demokratischen Demonstrationsordnung unsolidarisch verlassen hat.
Mir schwante also nichts Gutes. Indessen versicherte er, diese Lichterkette stehe am Anfang einer völlig neuen, restrukturierten Demonstrationskultur. Ich blieb zwar skeptisch, gleichwohl war meine Neugier geweckt. Auf dem Anweg nach Domsheide erläuterte er mir, es sei mir gewißlich bekannt, daß es der Stadt finanziell nicht gutgehe seit einiger Zeit. Namentlich das Kentern der Bremer Vulkan und das sowieso schüttere Senatssäckel hätten infrage gestellt, ob das bundesrepublikanisch so vorbildliche Bremer Demonstrationsniveau auf Dauer zu halten sei. Allein die professionellen Entwürfe für Flugblätter, Transparente und sonstige Protestträger hätten Hunderttausende verschlungen, von Papier- und Druckkosten zu schweigen. Außerdem habe die Polizeigewerkschaft wegen der demonstrationsbedingten Überstunden mehrere Protestnoten eingereicht, in denen verständlich und verständlicherweise um Zulagen nachgesucht werde. Darüber hinaus habe man bei jedem Protestmarsch die Autofahrer für die verlängerten Stauzeiten mit Steuervergünstigungen abfinden müssen. Etc. etc. Kurz: Die finanzielle Lage habe es erzwungen, sich mit der Lösung der verzwickten Problematik zu befassen, und es sei endlich einem pfiffigen Werbemenschen gelungen, das der Stadt drohende Demonstrationsschachmatt noch abzuwenden. "Aber wart' nur noch zu!"
Die Demonstration ging diesmal nicht um städtische Belange; vielmehr hatte der Senat auf dem Umweg über die verschiedensten Bürgerinitiativen - derer es in Bremen wenigstens so vieler gibt wie in Köln Faschingsvereine - die Bevölkerung aufgerufen, sich am Dom zu einer Kundgebung gegen die Zwangsprostituierung bosnischer Frauen einzufinden; ein Thema, das schon vielerorts demonstratische Würdigung fand. Da alledie Protestunternehmen bislang nichts anderes hatten erreichen können, als besagte Erhitzung durch ventilierenden Ausstoß abzukühlen, ist den Bremern nicht übelzunehmen, daß sie diesmal so spät zum Fahnenschwenken kamen.
Es war bereits dunkel, irgendwas um halb sieben, als Martin und ich den Wallfahrtsort erreichten. Die durchaus nicht nur jugendlichen Leute standen in vielleicht Hundertergruppen locker durchorganisiert vom Dom und um den Roland bis zur Böttcherstraße herum. Insgesamt werden es fünf- bis zehntausend gewesen sein, was für Bremen nicht viel ist. Indessen haben die Hanseaten, um die Arbeitslosenzahlen zu drücken, für Demonstrationsreservisten gesorgt: Erscheinen, etwa wegen starken Regnens, nicht genug Leute, so werden ABM-Kräfte zur Verstärkung beigezogen. Doch schon jetzt war es ein prachtvoller, glänzender, ja lebensfroher Anblick. Radio Bremens "Buten und Binnen" war selbstredend vertreten, darüber hinaus rüsteten Übertragungswagen von SAT1 und RTL zur Aktion, irgendwo huschte Elke Heidenreich durch eine auf eine Leinwand projizierte Zahnpastareklame, und auf einem vom ZDF gestifteten Podest interviewte Alfred Biolek einen geschichtslosen Parka. Der Platz war halugen beleuchtet: Ich kam mir vor, als hätt ich Crack geschluckt. Und nicht irgendwelche verbeulten Flüstertüten hielten die Leute in den Händen, nein, hochmoderne blitzende Geräte, auf denen "It's a Sony" stand. Eine Abordnung des Bremer Unternehmerverbandes ließ metallisch schimmernde Transparente von ihren Arbeitnehmern schwenken. Die IG Druck und Papier dankte auf einem Plakat dem Bremer Verlagshaus Schünemann für großzügige Unterstützung, die Karstadt AG hatte eigens T-Shirts mit rüttelnd humanitärem Aufdruck herstellen lassen, und auch Horton teilte mit, der Konzern sei mit dem Anliegen seiner Belegschaft absolut paktsolidar. Freund Martin blickte hansestolz, und ich mußte zähneknirschend eingestehen, dergleichen hätt' ich selbst für Frankfurt am Main nicht für möglich gehalten.
Kein bremisches und kaum ein größeres überregionales Unternehmen, das den Protestmarsch nicht gesponsort hätte. Neben SONY war selbstverständlich TOSHIBA vertreten, und weil MACDONALDS vielleicht allzulange gezögert hatte, durfte nun WENDYS die artgerechte Ernährung der Demonstratie besorgen. Auf einer so umfangreichen Fahne, daß vier wildwestliche Leute sie auf Pferden tragen mußten, stand in schwarzer Schrift auf weißem Grund zwischen zwei roten Emblemen: "Gegen jede Form der Vergewaltigung". Und darunter: "Die Gesundheitsminister der EG: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit." Stefan Aust erklomm hochdotiert das Podest, von welchem Biolek und der Parka sich zeitgleich abseilen ließen, und verlas eine Solidaritätsnote von "focus". Derweil hatte gegenüber Beate Uhse Flugblätter verteilt, die rigoros zum Ausdruck brachten, sie verurteilten jegliche Form von Gewalt gegen Frauen.
Endlich setzte sich der Zug in Bewegung. An der Spitze fuhren High-End-bestückte Lautsprecherlaster der Daimler Benz AG. Aus nostalgischen Gründen hatte man irgendwo gitterverglaste Wasserwerferwagen aufgetrieben, die späterhin Schampus verschossen. Acht oder neun Hubschrauber, die den Marsch hin- und herüberrotorten, lichterspielten psychodelisch und lockten die noch zögernden Bremer aus ihren Häuschen. Das blähte endlich die Teilnehmerzahl auf zweihunderttausend, und es wurde eine rauschende Ballnacht, zu deren Abschluß Götz George sich von einem Helikopter am Gummiseil kopfüber abwerfen und über den Frisuren von Wirtschaftsrepräsentanten ein bißchen schaukeln ließ. Dabei entploppte er eine Flasche MM. Für den kulinarischen Ausklang sorgte Käfer's Gastronomie, und es brach fast schon das Morgendämmern durch, als Martin und ich uns ziemlich besoffen auf den Heimweg machten. "Auf uns schaut von heut an die Welt," lallte er. Aus mir aber schaute der Frankfurter Neid und antizipierte den der Berliner.
Denn in der Tat. Nicht einmal die großen Anti-AKW-Märsche der siebziger Jahre erreichten eine so große Publizität. Bekanntlich bedauerte telegrafisch sogar Mr. Clinton, nicht dabeigewesen zu sein. Allein, ihn habe der US-amerikanische Haushalt verhindert. Selbst Serbien soll die Sponsortation beeindruckt haben.
Den größten Erfolg indessen konnte die Hansestadt selber verbuchen. Denn man hat dort schnell weitergedacht. Derzeit geht, so mein Freund Martin, die Rede, man wolle in Zukunft nicht nur Demonstrationen, nein, auch städtische Bau- und Sanierungs-, sowie Umweltschutzprojekte auf ähnliche Weise sponsorn lassen, und, weil eine derartige Nachfrage seitens der Firmen bestehe, sei mittlerweise sogar an die Privatisierung des Finanzamts gedacht.

(c) by ANH, Frankfurt am Main 1996