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Da war einmal ein guter Pole, der uns zeigte: Nein, so geht
es nicht, nein, auch wir haben ein Recht darauf, schmierig, korrupt und
eitel zu sein... nicht nur ihr Deutschen seid böse - eine, objektiv
gesehen, historisch-moralische Leistung, für die man Herrn Strosczinski,
um den es hier geht, außerordentlich achten müßte. Weil
nämlich auch Polen normal sein wollen und weil Deutsche gegen Polen
nichts niemals mehr was sagen, sondern sie lieben, sozusagen den Polen
an sich - denn Opfer sieht der Deutsche lieber abstrakt -, -- also deshalb
verleiht man Herrn Strosczinski Stimme und einiges Amt. Der weiß
das auch zu nutzen. Bis in einer Abhöraktion der LIGA SAUBERES PREUßEN
Schlimmes auf ein Tonband kommt: Nicht nur scheint Herr Strosczinski am
Mädchenhandel aus Vordersibirien, nämlich mehrmals und zu höchster
Verzückung profitiert zu haben, sondern vor allem habe er, so kommt
es heraus, illegal verschnittenen Wodka... ja, nach Litern... man muß
schon sagen: gesoffen. Das ist nun wirklich stark. Und also wird Herr
Strosczinski einbestellt, und auch in der Öffentlichlichkeit, bei
Alkoholmißbrauch ist sie sowieso heikel, nachdrücklich zur
Rede gestellt. Ja das ganze Deutschland steht auf wie ein Volk, dem der
Raum fehlt. Man schnibbelt Haar von Herrn Strosczinski weg, das wahrscheinlich
in Wodkapfützen gehangen, weshalb man es mehrmals blasen läßt
im Labor... und siehe: Herr Strosczinski muß gestehen. Also klagt
man ihn an.
Plötzlich, als ethischer Mann, muß man sich schütteln
vor Ekel. Nein, vor Herrn Strosczinski nicht, jedenfalls nicht eines Strafdelikts
wegen, dem ohnehin das dreiviertel Land erlegen ist... wir baden alle
gern in Hohen Prozenten, nur halt - aus Staatsbürgerpflicht - im
Gemeinschaftswodka, also dem mit dem Blauen Steuerband, zu saufen ist
geradezu Staatsbürgerpflicht im Zeichen eines darbenden Haushalts...
"Die Gläser leeren statt der Kassen!" lautet unser aller
Devise... Aber plötzlich ist man nun gefordert und muß sich
hinter einen Menschen stellen, den man - ich schwör es - wirklich
niemals gemocht. Die Anklägerei der Rechtschaffenheit, die, wo immer
es was mitzulaufen gibt, sofort bei Handheb und Stimmschall ist, läßt
einem einfach keine Wahl.
Und dann ist das nicht mal durchzuhalten. Denn es scheint derart viel
illegaler Alkohol geflossen zu sein, daß es die in die wässrige
Freude des strosczinskischen Fortpflanzungsstempels untergetunkten sibirischen
Kinder glatt ersoffen hat, weggesoffen nämlich, aus dem Bewußtsein
der Staatsanwaltschaft, der Richter, der Ankläger für alle Male
davongesoffen... so schlecht, so mies verschnitten war das gekippte Zeug
offenbar. Ach, man kann nur hoffen, daß die Mädels erwachsene
Brüder haben, deren Schnappmesser wissen, was sich für ehrbare
Familien gehört...
Doch schließlich - wir kommen aus dem Kotzen gar nicht mehr raus
- das staatsjuristische Husarenstück: Die Strafe, die sich über
den kinderliebenden Säufer wegen seiner Exzesse mit dem zugegebenermaßen
furchtbaren, weil absinthgleich noch die Ankläger blendenden Wodka
verhängt, wird nicht nach Herrn Strosczinkis bisherigen Einkünften,
sondern nach seinen für die Zukunft geschätzten berechnet...
"Sie werden ja nun nicht mehr so viel verdienen wie früher,
also sind wir bei Bemessung des Tagessatzes moderat..." Wenn ein
für zehn Jahre ins Gefängnis Einzusperrender während der
folgenden zehn Jahre logischerweise nicht mehr die früheren Einkünfte
genießen wird können, setzt man die für Inhafthaltung
ersatzhalber zu zahlende Summe so niedrig an, daß jede drohende
Inhafthaltung von vornherein vermieden ist. Also, da muß man doch
denken... ja, was muß man denken, das man auch denken darf? Gut,
man möchte auch die Kosten der Wegschließung sparen...
Und Herr Strosczinski? Was tut unser Mann, dem wir beispringen wollten?
Er nimmt die Strafe an. Nicht zu fassen, er dienert, er beugt sich und
dankt den Deutschen für ihr Verständnis, sozusagen, für
Polen und fügt eine öffentliche Entschuldigung nicht etwa bei
den Opfern des von ihm gesponsorten Kinderhandels an, nein, seiner offenbar
von den sibirischen Mädels geschädigten Freundin gilt die Pomade,
die er übers Mikrophon wischt. Göttin, da möcht' man doch
schon wieder kotzen! Und der Typ gesteht auch noch ein, welch schlechtes
Vorbild er für die Jugend gewesen... und wiederum nicht wegen der
Euroscheine, die er neben andrem in die gepreßten Mädels gesteckt,
sondern weil er - O Schrecken des Schreckens von Sais! - immer einen so
furchtbaren Durst hat. Und die Deutschen? Und die Polenzentrale? Unter
Alkoholikern wird man sich immer schnell einig: Herr Strosczinski hat
zwar einen Fehler gemacht, das tut man ja auch nicht, illegalen Wodka
trinken, schließlich gibt es Handelsverträge, den Zoll... und
sowieso, wir haben eigene Brennereien, die sind auch noch berühmt...
aber egal, Herr Strosczinski hat sich eine zweite Chance
verdient, und zwar - Üb' immer Treu'! - redlich.
Wir empfehlen: Heinrich Mann. Untertanen über
alles.
(c) by ANH, Berlin, Juli 2003
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