Alban Nikolai Herbst
Literarisches Streiflicht
Üb immer Treu
 

Da war einmal ein guter Pole, der uns zeigte: Nein, so geht es nicht, nein, auch wir haben ein Recht darauf, schmierig, korrupt und eitel zu sein... nicht nur ihr Deutschen seid böse - eine, objektiv gesehen, historisch-moralische Leistung, für die man Herrn Strosczinski, um den es hier geht, außerordentlich achten müßte. Weil nämlich auch Polen normal sein wollen und weil Deutsche gegen Polen nichts niemals mehr was sagen, sondern sie lieben, sozusagen den Polen an sich - denn Opfer sieht der Deutsche lieber abstrakt -, -- also deshalb verleiht man Herrn Strosczinski Stimme und einiges Amt. Der weiß das auch zu nutzen. Bis in einer Abhöraktion der LIGA SAUBERES PREUßEN Schlimmes auf ein Tonband kommt: Nicht nur scheint Herr Strosczinski am Mädchenhandel aus Vordersibirien, nämlich mehrmals und zu höchster Verzückung profitiert zu haben, sondern vor allem habe er, so kommt es heraus, illegal verschnittenen Wodka... ja, nach Litern... man muß schon sagen: gesoffen. Das ist nun wirklich stark. Und also wird Herr Strosczinski einbestellt, und auch in der Öffentlichlichkeit, bei Alkoholmißbrauch ist sie sowieso heikel, nachdrücklich zur Rede gestellt. Ja das ganze Deutschland steht auf wie ein Volk, dem der Raum fehlt. Man schnibbelt Haar von Herrn Strosczinski weg, das wahrscheinlich in Wodkapfützen gehangen, weshalb man es mehrmals blasen läßt im Labor... und siehe: Herr Strosczinski muß gestehen. Also klagt man ihn an.
Plötzlich, als ethischer Mann, muß man sich schütteln vor Ekel. Nein, vor Herrn Strosczinski nicht, jedenfalls nicht eines Strafdelikts wegen, dem ohnehin das dreiviertel Land erlegen ist... wir baden alle gern in Hohen Prozenten, nur halt - aus Staatsbürgerpflicht - im Gemeinschaftswodka, also dem mit dem Blauen Steuerband, zu saufen ist geradezu Staatsbürgerpflicht im Zeichen eines darbenden Haushalts... "Die Gläser leeren statt der Kassen!" lautet unser aller Devise... Aber plötzlich ist man nun gefordert und muß sich hinter einen Menschen stellen, den man - ich schwör es - wirklich niemals gemocht. Die Anklägerei der Rechtschaffenheit, die, wo immer es was mitzulaufen gibt, sofort bei Handheb und Stimmschall ist, läßt einem einfach keine Wahl.
Und dann ist das nicht mal durchzuhalten. Denn es scheint derart viel illegaler Alkohol geflossen zu sein, daß es die in die wässrige Freude des strosczinskischen Fortpflanzungsstempels untergetunkten sibirischen Kinder glatt ersoffen hat, weggesoffen nämlich, aus dem Bewußtsein der Staatsanwaltschaft, der Richter, der Ankläger für alle Male davongesoffen... so schlecht, so mies verschnitten war das gekippte Zeug offenbar. Ach, man kann nur hoffen, daß die Mädels erwachsene Brüder haben, deren Schnappmesser wissen, was sich für ehrbare Familien gehört...
Doch schließlich - wir kommen aus dem Kotzen gar nicht mehr raus - das staatsjuristische Husarenstück: Die Strafe, die sich über den kinderliebenden Säufer wegen seiner Exzesse mit dem zugegebenermaßen furchtbaren, weil absinthgleich noch die Ankläger blendenden Wodka verhängt, wird nicht nach Herrn Strosczinkis bisherigen Einkünften, sondern nach seinen für die Zukunft geschätzten berechnet... "Sie werden ja nun nicht mehr so viel verdienen wie früher, also sind wir bei Bemessung des Tagessatzes moderat..." Wenn ein für zehn Jahre ins Gefängnis Einzusperrender während der folgenden zehn Jahre logischerweise nicht mehr die früheren Einkünfte genießen wird können, setzt man die für Inhafthaltung ersatzhalber zu zahlende Summe so niedrig an, daß jede drohende Inhafthaltung von vornherein vermieden ist. Also, da muß man doch denken... ja, was muß man denken, das man auch denken darf? Gut, man möchte auch die Kosten der Wegschließung sparen...
Und Herr Strosczinski? Was tut unser Mann, dem wir beispringen wollten? Er nimmt die Strafe an. Nicht zu fassen, er dienert, er beugt sich und dankt den Deutschen für ihr Verständnis, sozusagen, für Polen und fügt eine öffentliche Entschuldigung nicht etwa bei den Opfern des von ihm gesponsorten Kinderhandels an, nein, seiner offenbar von den sibirischen Mädels geschädigten Freundin gilt die Pomade, die er übers Mikrophon wischt. Göttin, da möcht' man doch schon wieder kotzen! Und der Typ gesteht auch noch ein, welch schlechtes Vorbild er für die Jugend gewesen... und wiederum nicht wegen der Euroscheine, die er neben andrem in die gepreßten Mädels gesteckt, sondern weil er - O Schrecken des Schreckens von Sais! - immer einen so furchtbaren Durst hat. Und die Deutschen? Und die Polenzentrale? Unter Alkoholikern wird man sich immer schnell einig: Herr Strosczinski hat zwar einen Fehler gemacht, das tut man ja auch nicht, illegalen Wodka trinken, schließlich gibt es Handelsverträge, den Zoll... und sowieso, wir haben eigene Brennereien, die sind auch noch berühmt... aber egal, Herr Strosczinski hat sich eine zweite Chance verdient, und zwar - Üb' immer Treu'! - redlich.

Wir empfehlen: Heinrich Mann. Untertanen über alles.

(c) by ANH, Berlin, Juli 2003