Alban Nikolai Herbst
Zum Unwort des Jahres
 

Handeln und Fehlgreifen in der Wahl der Mittel seien, heißt es in der Heeresdienstvorschrift 200 des Preußischen Militärs, besser als jegliches Unterlassen. Das mag sich die Jury der Frankfurter Goethe-Universität zu Herzen genommen haben, als sie zur Optimierung ihrer Sprachangebote das Wort "Tätervolk" auf den Index des Unaussprechlichen setzten. Denn insofern "unschön" nicht etwa "halbschön" oder "kaum schön", sondern eben "häßlich" be-deutet, muß man unter einem "Unwort" etwas verstehen, was kein Wort ist und also als Un-begriffliches auch keinen Inhalt transportiert. Nun meint aber die Jury, weil sie aus Abweich-lern besteht, etwas anderes, nämlich den nicht nur falschen Gebrauch eines Wortes, sondern gerade seinen richtigen, der aber so richtig ist, daß er sein Gegenteil meint. Tatsächlich ist ja die Kürzung sozialer Angebote eine Angebotsoptimierung, und zwar besonders dann, wenn man sich der berühmten, nicht nur für die Deutschländer, sondern jedes andere Entwicklungs-land gültigen Maxime entsinnt, Hilfe zur Selbsthilfe sei mehr als Hilfe... anstelle irgendwo einzuziehen, sollten Obdachlose Wohnungsbau studieren, das finde ich auch... Dennoch bleibt das Problem, daß "Unwort" Wort bleibt... ja ja, wir wissen, was gemeint ist, eigentlich gemeint ist, die ganze Sache dampft vor moralischer Warmherzigkeit politisch sehr korrekt vor sich hin... nur verdampft halt die Sprache dabei... denn, seien wir ehrlich, was ist denn ein Tätervolk? Eines, das Opfer bringt. Und zwar wahrscheinlich, weil es ja das ganze Volk tut, ebenfalls ein Volk. Insofern die Deutschen die Juden opferten, sind sie Tätervolk, das ist wahr. Aber viele Deutsche taten ja gar nichts, sie sahen nur zu... wie können sie also Täter sein? Und sind die Juden ein Volk oder Zugehörige einer Religion wie etwa die Katholiken, von denen man ja nun auch nicht sagen kann, daß sie ein Volk seien? Und längst ist auch nicht jeder Jude ein Opfer, und nicht jeder Deutsche - darauf hat der Abweichler Hohmann ja hingewiesen - war und ist Täter... ich meine, im Gegenteil, wir sind fast grundsätztlich kein Tätervolk, da wir fast grundsätzlich nichts tun, wir optimieren nur Angebote, wir Deutschen, wir sehen nur zu und halten den Mund, anders als zum Beispiel die Amerikaner, mit denen wir nicht Amerikaner, sondern US-Amerikaner meinen, weshalb sich, nebenbei bemerkt, als nächstes Unwort des Jahres "Amerikaner" anbieten würde... egal... die also tun immer was, die Amis, jetzt haben sie sogar Saddam gefaßt, was mal Zeit wurde, finde ich, vor allem nach den 500000 verhungerten Kindern da unten im Irak, da muß dann schon mal ein Tätervolk kommen, um ein Machtwort zu sprechen, so daß die Iraki Opfervolk wurden... ist das noch richtig so? Ich meine, was will man erwarten von einem Wort, das, weil es als Un-Wort kein Wort ist, einen völlig durcheinanderbringt... und wir brauchen endlich Klarheit. Wörter wie "Tätervolk" stiften nur Verwirrung, weshalb man sie ja "Unwörter" nennt, ohne aber die Konsequenzen daraus zu ziehen, sie also aus der deutschen Sprache hinauszufeuern. Denn es sind keine Wörter, sondern Wörter, die nur so tun... Saboteure also, vor denen unsere Spra-che zu bewahren die Haushaltslage leider nicht zuläßt: weder den Dornseiff jährlich einzu-stampfen und neu aufzulegen, noch die entsprechenden Wörter per Hand aus ihm hinausstrei-chen zu lassen, ließe sich heutzutage finanzieren... gar von den psychiatrisch-neurologischen Eingriffen bei all jenen einmal abgesehen, die nicht freiwillig, also von sich aus, die inkrimi-nierten Wörter vergessen wollen... aber man könnte Bußgelder auf Wortverwendungen legen und dafür Werbung machen wie auf den S-Bahnhöfen gegens Rauchen, also "Tätervolk-nein: 0 Euro", "Tätervolk-ja: 20 Euro"... so käme dann endlich das Unwort Unwort zu seinem Recht - und coupierte sich die Sprache jeweils moralisch wünschbar zurecht. Und die Ge-meinden kämen ganz nebenbei zu Vermögen...

(c) by ANH, Berlin, Januar 2004