Alban Nikolai Herbst
Literarisches Streiflicht
Tagebuch der Verführungen I
 

Immer hat es mich interessiert, wie aus Literatur Wirklichkeit gemacht wird, oder - um es genauer zu bezeichnen - ob nicht Wirklichkeit in ihrem innersten Kern selbst literarisch ist. Wobei ich unter dem Literarischen nicht in erster Linie das meine, was auf poetischem Weg scheinbaren oder tatsächlichen Wahrheiten nahezukommen versucht, sondern eben dasjenige, was solche Wahrheiten überhaupt erst setzt. Der alte Louis Aragon, nach wie vor Fixstern an meinem Autorenhimmel, sprach vom mentir vraie, dem Wahrlügen. Und bei Dalí findet sich ein ganz ähnlicher Satz; der junge Dichter Marcus Braun hat ihn süffisant hintertragen: Wer lange genug Genie spielt, wird eines. Typisch Dalí, mag man sagen, doch niemand wird ihm mit Fug und Recht bestreiten können, daß es ihm gelungen sei, - egal, ob er Verächter hat oder nicht; die haben ja auch Stockhausen und sogar Goethe, von Thomas Mann ganz zu schweigen. Welch mieser Charakter in solchem Genie! rief Franz Liszt Richard Wagners wegen aus. Ja, man kann fast sagen, daß überall dort, wo ein solches Genie - was immer man nun unter diesem zugegebenermaßen so heroischen wie schwammigen Begriff verstehen mag - sich mit dem Vitalismus verbündet, also der Bejahung von Leben, nicht seiner Verneinung, der bürgerliche Anstand auf der Strecke bleibt. Das liegt nun vermutlich weniger daran, daß diese Leute mit einem Übermaß krimineller oder asozialer Energie ausgestattet sind, als es vielmehr nicht so arg leicht ist, sowohl zu prassen, zu huren und zu saufen, kurz: zu genießen und dennoch gleichzeitig Kunstwerke zu stemmen, wozu schließlich eine dem Völlerer gemeinhin abgehende, äußerst scharfe Disziplin gehört. Wer zehn bis zwölf Stunden täglich Visionen entwirft und auch noch strukturiert, der braucht schon ein gerüttelt Maß an Selbstüberhebung, um sich weitere sechs bis acht ins wirkliche Leben zu stürzen. Da bleiben einem allenfalls noch sechs zum Schlafen. Wenig Schlaf hat Karl Lagerfeld auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept geantwortet.
Nun ist gerade künstlerische Betätigung ja immer auch Sublimation, nämlich die Kompensation eines Mangels, meist sogar mehrerer; da ist ein Loch im Bauch, das ständig gestopft werden will. Das gilt sogar für die Kunstrezeption: Seit meine Frau mich verließ, seit ich, der ich mich lange sogar von Eifersuchtsanflügen freizuhalten wußte, in eine Schlägerei mit ihrem Geliebten geriet, begreife ich Verdis Othello, ja ich beginne, diese Oper zu lieben, obwohl ich mich jahrelang ziemlich schlimm über sie lustig gemacht habe. So wird der tiefe Schaden zu Genuß. Hingegen sind die meisten Künstler, denen ich selbstverständlich Dichter zuzähle, eher grüblerische, zurückgezogene, depressive oder, wenn es gut geht, melancholische Geschöpfe mit allerlei neurotischen, bisweilen sogar klinisch-psychotischen Ausfallerscheinungen. Noch einige Autoren unserer Tage haben dieses Selbstbild wie ein Ganzkörperkondom über sich gezogen. Andere geben sich studienrätig als Lehrmeister sei es der politischen Nation, sei es des künstlerischen Nachwuchses, oder sie tragen einen Firnis aus Arroganz. Es sind insgesamt Inszenierungen, die mit zunehmendem Alter charakterartig werden und sich, je perfekter die Lackierung aufgetragen wurde, allenfalls durch Lebenskatastrophen lösen lassen; auch dies nur vorübergehend, meist wird die Inszenierung danach wieder ganz besonders undurchdringlich: Was an Brüchen, an Schmerz, an innerer Not geblieben ist, trägt sich in den Büchern aus, in Bildern, in Musik. Schon weil die Wunde dort so offen gestaltet und dadurch notgedrung immer wieder aufgerissen wird, ist demjenigen, der sich dem Pessimismus partout nicht überantworten will, Selbstfiktion unerläßlich. Wer unabhängig von seinen Texten mit der Außenwelt kommunizieren will, muß sich selber zur literarischen Figur machen und geht als solche schließlich in die Bücher ein, - als Figur unter Figuren, wohlgemerkt. Der körperlich recht klein geratene Ernest Hemingway, der sich zum Großwildjäger stilisierte, ist ein recht anschauliches Beispiel für diesen gleichermaßen psychodyamischen wie künstlerischen Vorgang. Noch Bodo Kirchhoff, wenn er ins Elend nach Somalia reiste, wozu er doch psychisch gar nicht gewappnet war, nimmt an dieser Bewegung teil. Man kann das mit allem Recht Großkotzerei nennen, sollte aber bedenken, daß sie für das Entstehen einiger Meisterwerke der Weltliteratur von maßgeblicher Bedeutung war. Ohne Hemingways Selbstfiktion des harten Mannes hätte es weder "Der alte Mann und das Meer" noch jemals "Fiesta" gegeben, für mich eines seiner wunderbarsten, zugleich erfüllend traurigsten Bücher. Es ist geradezu, als hätte Hemingway den gesamten ihm eigenen Machismo in seiner Person entäußert, um das Buch davon freihalten zu können. Bei Joyce spielt Eitelkeit diese Rolle. Wer von einem Dichter Authentizität fordert, wird ihn möglicherweise um seine Fähigkeiten berauben. Fordert er persönliche Wahrheit schließlich von sich selbst, weil Alter, Krankheit und Verluste die Selbstfiktion zunehmend brüchig gemacht haben, kann es sein, daß er zur doppelläufigen Schrotflinte greift. Ein derartig unglückseliger Lebensabschluß stellt indessen die vorangegangene Biografie in keiner Weise in Frage, denn auch pessimistische, das Vitale verschmähende Dichter - wie übrigens manch ein Büroangestellter, manche Kassiererin, mancher Universitätsprofessor auch - neigen bisweilen einer solchen Lösung oder Erlösung zu. Die mutige Haltung und der Stolz bleiben beispielhaft: sich eben nicht beiseitezudrücken und zu meinen, der Dichter beobachte, lebe aber nicht; er sei gewissermaßen der unangetastete Chronist und Bewerter, anstelle sich vermittels seiner Selbstfiktionen und Stilisierungen ins Getümmel zu werfen. Wie schreibe ich, wie male ich, wie komponiere ich und nehme dennoch undistanziert teil?: Das ist die permanente Grundfrage, die sich vitalen künstlerischen Existenzen stellt. Wir beantworten sie gleichsam auf dem Wege der Täuschung - indem wir uns selber verführen.

(c) by ANH, Berlin, Juli 2002