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Immer hat es mich interessiert, wie aus Literatur Wirklichkeit
gemacht wird, oder - um es genauer zu bezeichnen - ob nicht Wirklichkeit
in ihrem innersten Kern selbst literarisch ist. Wobei ich unter dem Literarischen
nicht in erster Linie das meine, was auf poetischem Weg scheinbaren oder
tatsächlichen Wahrheiten nahezukommen versucht, sondern eben dasjenige,
was solche Wahrheiten überhaupt erst setzt. Der alte Louis Aragon,
nach wie vor Fixstern an meinem Autorenhimmel, sprach vom mentir vraie,
dem Wahrlügen. Und bei Dalí findet sich ein ganz ähnlicher
Satz; der junge Dichter Marcus Braun hat ihn süffisant hintertragen:
Wer lange genug Genie spielt, wird eines. Typisch Dalí, mag man
sagen, doch niemand wird ihm mit Fug und Recht bestreiten können,
daß es ihm gelungen sei, - egal, ob er Verächter hat oder nicht;
die haben ja auch Stockhausen und sogar Goethe, von Thomas Mann ganz zu
schweigen. Welch mieser Charakter in solchem Genie! rief Franz Liszt Richard
Wagners wegen aus. Ja, man kann fast sagen, daß überall dort,
wo ein solches Genie - was immer man nun unter diesem zugegebenermaßen
so heroischen wie schwammigen Begriff verstehen mag - sich mit dem Vitalismus
verbündet, also der Bejahung von Leben, nicht seiner Verneinung,
der bürgerliche Anstand auf der Strecke bleibt. Das liegt nun vermutlich
weniger daran, daß diese Leute mit einem Übermaß krimineller
oder asozialer Energie ausgestattet sind, als es vielmehr nicht so arg
leicht ist, sowohl zu prassen, zu huren und zu saufen, kurz: zu genießen
und dennoch gleichzeitig Kunstwerke zu stemmen, wozu schließlich
eine dem Völlerer gemeinhin abgehende, äußerst scharfe
Disziplin gehört. Wer zehn bis zwölf Stunden täglich Visionen
entwirft und auch noch strukturiert, der braucht schon ein gerüttelt
Maß an Selbstüberhebung, um sich weitere sechs bis acht ins
wirkliche Leben zu stürzen. Da bleiben einem allenfalls noch sechs
zum Schlafen. Wenig Schlaf hat Karl Lagerfeld auf die Frage nach seinem
Erfolgsrezept geantwortet.
Nun ist gerade künstlerische Betätigung ja immer auch Sublimation,
nämlich die Kompensation eines Mangels, meist sogar mehrerer; da
ist ein Loch im Bauch, das ständig gestopft werden will. Das gilt
sogar für die Kunstrezeption: Seit meine Frau mich verließ,
seit ich, der ich mich lange sogar von Eifersuchtsanflügen freizuhalten
wußte, in eine Schlägerei mit ihrem Geliebten geriet, begreife
ich Verdis Othello, ja ich beginne, diese Oper zu lieben, obwohl ich mich
jahrelang ziemlich schlimm über sie lustig gemacht habe. So wird
der tiefe Schaden zu Genuß. Hingegen sind die meisten Künstler,
denen ich selbstverständlich Dichter zuzähle, eher grüblerische,
zurückgezogene, depressive oder, wenn es gut geht, melancholische
Geschöpfe mit allerlei neurotischen, bisweilen sogar klinisch-psychotischen
Ausfallerscheinungen. Noch einige Autoren unserer Tage haben dieses Selbstbild
wie ein Ganzkörperkondom über sich gezogen. Andere geben sich
studienrätig als Lehrmeister sei es der politischen Nation, sei es
des künstlerischen Nachwuchses, oder sie tragen einen Firnis aus
Arroganz. Es sind insgesamt Inszenierungen, die mit zunehmendem Alter
charakterartig werden und sich, je perfekter die Lackierung aufgetragen
wurde, allenfalls durch Lebenskatastrophen lösen lassen; auch dies
nur vorübergehend, meist wird die Inszenierung danach wieder ganz
besonders undurchdringlich: Was an Brüchen, an Schmerz, an innerer
Not geblieben ist, trägt sich in den Büchern aus, in Bildern,
in Musik. Schon weil die Wunde dort so offen gestaltet und dadurch notgedrung
immer wieder aufgerissen wird, ist demjenigen, der sich dem Pessimismus
partout nicht überantworten will, Selbstfiktion unerläßlich.
Wer unabhängig von seinen Texten mit der Außenwelt kommunizieren
will, muß sich selber zur literarischen Figur machen und geht als
solche schließlich in die Bücher ein, - als Figur unter Figuren,
wohlgemerkt. Der körperlich recht klein geratene Ernest Hemingway,
der sich zum Großwildjäger stilisierte, ist ein recht anschauliches
Beispiel für diesen gleichermaßen psychodyamischen wie künstlerischen
Vorgang. Noch Bodo Kirchhoff, wenn er ins Elend nach Somalia reiste, wozu
er doch psychisch gar nicht gewappnet war, nimmt an dieser Bewegung teil.
Man kann das mit allem Recht Großkotzerei nennen, sollte aber bedenken,
daß sie für das Entstehen einiger Meisterwerke der Weltliteratur
von maßgeblicher Bedeutung war. Ohne Hemingways Selbstfiktion des
harten Mannes hätte es weder "Der alte Mann und das Meer"
noch jemals "Fiesta" gegeben, für mich eines seiner wunderbarsten,
zugleich erfüllend traurigsten Bücher. Es ist geradezu, als
hätte Hemingway den gesamten ihm eigenen Machismo in seiner Person
entäußert, um das Buch davon freihalten zu können. Bei
Joyce spielt Eitelkeit diese Rolle. Wer von einem Dichter Authentizität
fordert, wird ihn möglicherweise um seine Fähigkeiten berauben.
Fordert er persönliche Wahrheit schließlich von sich selbst,
weil Alter, Krankheit und Verluste die Selbstfiktion zunehmend brüchig
gemacht haben, kann es sein, daß er zur doppelläufigen Schrotflinte
greift. Ein derartig unglückseliger Lebensabschluß stellt indessen
die vorangegangene Biografie in keiner Weise in Frage, denn auch pessimistische,
das Vitale verschmähende Dichter - wie übrigens manch ein Büroangestellter,
manche Kassiererin, mancher Universitätsprofessor auch - neigen bisweilen
einer solchen Lösung oder Erlösung zu. Die mutige Haltung und
der Stolz bleiben beispielhaft: sich eben nicht beiseitezudrücken
und zu meinen, der Dichter beobachte, lebe aber nicht; er sei gewissermaßen
der unangetastete Chronist und Bewerter, anstelle sich vermittels seiner
Selbstfiktionen und Stilisierungen ins Getümmel zu werfen. Wie schreibe
ich, wie male ich, wie komponiere ich und nehme dennoch undistanziert
teil?: Das ist die permanente Grundfrage, die sich vitalen künstlerischen
Existenzen stellt. Wir beantworten sie gleichsam auf dem Wege der Täuschung
- indem wir uns selber verführen.
(c) by ANH, Berlin, Juli 2002
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