Alban Nikolai Herbst
Literarisches Streiflicht
Tagebuch der Verführungen II
 

Hat es Napoleon Bonaparte gegeben? Auch Bonaparte ist eine Verführung, eine ganz besondere: Denn wir glauben ihr, ohne mit der Wimper zu zucken. Weshalb tun wir das? Wer läßt uns so sicher sein? Wir glauben an Überlieferungen. Wer hat uns das gelehrt und wozu dient es?
Das Interessante an alledem ist, daß wir uns dennoch für Realisten halten: Überlieferungen tasten unseren pragmatischen Realismus eigentlich nicht an; wir merken nicht einmal, daß es sich um einen Glauben handelt. Dabei ist die Kunde von Bonaparte letzlich nicht weniger mythisch als die von Achill. Wir akzeptieren fast ohne Zweifel, was in den Zeitungen steht. "ARABISCHER VATER KÖPFT ACHTJÄHRIGES KIND", nein, das ist nicht die BILD, das ist eine sehr seriöse Tageszeitung; das arme Mädchen wurde von dem Onkel mißbraucht, da war die Schande für den Koran zu groß. Wie in den USA manche Eltern ihre Kleinen mißbrauchen, ist derselben Zeitung weniger, eigentlich gar keine Zeilen wert. Denn die Ideologie der Grundwerte stimmt, die Realität interessiert auch hier nicht.
Realismus. Der Ausverkauf des halben Orients durch den Westen, Hungerkatastrophen, von Hegemonialpolitik geschürte Kriege... zusammenbrechende Hochhausgebäude in New York, eine Art Kriegserklärung an den Irak. "Man muß sich für eine Seite entscheiden", sagte meine Mitbewohnerin gestern abend, nachdem wir die Nachrichten - schlechte Nachrichten - gehört hatten, "es kommt nicht drauf an, wer Recht und wer Unrecht hat. Es geht jetzt um unsere Tradition." Nein, sie könne Bush so wenig leiden wie ich... aber wenn er in den Krieg ziehe, bleibe niemandem, der an den demokratischen Rechten hänge, etwas anderes übrig, als ihm zu folgen. Man müsse sich entscheiden.
Genau das nennt man einen Glaubenskrieg.
Die Achse des Bösen. Die Achse des Guten. Wer sagt uns eigentlich, daß es Saddam Hussein gibt? Und wenn er eine Erfindung US-Amerikas wäre? Oder eine, taktisch gesehen, derart kluge Erfindung Israels, daß die gesamte arabische Welt, obwohl sie die Wahrheit weiß, das Spiel mitspielen muß... allein, um nicht ihre mögliche Einigung sich verscherzen zu lassen? Wer von Ihnen, meine Damen und Herren, hat Saddam Hussein gesehen? Wir sehen alle, wenn wir ins Kino gehen, Franzi v. Almsicks herrlichen Körper sekundenlang in glänzender Nacktheit von hinten, sehen die Brüste ins Wasser tauchen, sogar die Sauerstoffperlen an der beschatteten Scham, dann hebt die Göttin die Mineralwasserflasche und Abspann. Jeder von uns weiß, daß es die Almsick nicht ist, sondern eine Computersimulation, die die Almsick und ein leonardo-apartes Modell übereinanderlegt und noch diesem die Schönheitsmakel wegretuschiert. Und dennoch sehen wir Almsick. Sehen Saddam Hussein. Sehen Bush. Sehen Bin Laden. Uns will nicht einmal einfallen, daß wir es auch bei denen mit Montagen zu tun haben könnten, wir wehren diesen Gedanken instinktiv ab, weil er uns krank machen, nämlich gänzlich verunsichern würde.
Paranoia! rufen Sie jetzt, ich hör das doch, meine Damen und Herren! Paranoia, gewiß. Das Schlimmste an dieser Krankheit ist, daß nichts so gut wie sie die Realität beschreibt. David Lynch etwa weiß das. Dichter wissen das. Imgrunde wußten Künstler das immer. Und ich sage auch gar nicht, es gebe Bush nicht, ich sage nicht, es habe niemals einen Angriff des Iraks auf Kuweit gegeben. Ich sage nur: Ich weiß es nicht. Ich bin kein gläubiger Mensch. Und wenn es um Kriege geht, dann haben wir alle bis zum Verdacht des Geisteswahns - skeptisch zu sein.
Aber wir sind nicht gern skeptisch. Wir lassen uns gerne verführen. Und wenn etwas unseren Realismus gefährdet, dann machen wir auch den Untergang mit.

(c) by ANH, Berlin, September 2002