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Alban Nikolai Herbst
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Entelechie
oder Hans Deters sagt, was ihn ankotzt |
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| Über das Wohlverhalten in Text & Betrieb, nämlich: Warum es keinen richtigen Streit mehr gibt und Weshalb die Leute, anstatt zu hassen, sich öffentlich lieber zu Tode lieben. | |
| Sehr geehrte Damen und Herren, liebe
Feinde, liebe Freunde, leider gibt es das Mißverständnis der Identität. Also ich, der ich hier spreche, sei der, der, was ich spreche, geschrieben hat oder sei gar ein Ich ganz allgemein. Diese Annahme ist zwar praktikabel, aber restlos tautologisch und taugt deshalb nicht zur Zeugung literarischer Konzepte. Onanistisch beharrt beharrt sie auf dem Wiedererkennen, nicht dem Erkennen. Hiergegen findet sich bei Borges die auf der Oberflä-che hübsche, am Grunde jedoch Schwindel erregende Bemerkung: seine - Borges' - Mutter habe Übersetzungen von Melville, Virginia Woolf und Faulkner angefertigt, die ihm zugeschrieben würden. Oder, poetischer: "Das Licht tritt ein und ich erwa-che; er ist da. Zuerst sagt er mir seinen Namen, der (versteht sich) der meine ist." Versteht sich aber nicht. Denn es sind meist andere, gänzlich fremde Namen. Ein Text bemächtigt sich der Welt, indem aus ihm eine Flut andersartiger Ichs aufsteigt, der sie überströmt. Und zwar nicht nur metaphorisch, sondern konkret. Sowie das geschieht, hat Literatur eine ihrer Potenzen verwirklicht: Dem Undenkbaren Raum zu schaffen und die übersichtlich gewordene Welt unübersichtlich zu machen. Gegner der Literatur - aber, wie ich zeigen will, Verbündeter des Literaturbetriebs - ist die Normation. Mir widerfuhr vor Jahren solch eine Überströmung, - bezeichnenderweise, als ich mich von der Literatur abkehren wollte und in gewissem Sinn ja auch abgekehrt habe. Mich hat - weil ich den Pakt, den ich damals mit dem mir noch völlig unbekann-ten Hans Deters schloß, für einen Spaß hielt - die aus den Texten gebrochene Flut ganz unvorbereitet gepackt und in zahllosen Ich-Schnellen mitgerissen. Stellen Sie sich das vor: Sie kommen auf die Knochen ernüchtert von einer Lesung, jeder fragt Sie nach Ihrer Botschaft, Sie, der Sie zwar noch ganz sind oder meinen, ganz zu sein, haben aber ja dennoch keine und, vor allem, wollen auch gar keine haben, schließlich ist ein Autor nicht Heilsarmee... jedenfalls das Publikum hat Sie so restlos angekotzt, daß Sie beschließen, diesem ganzen hirnrissigen, saftlosen Betrieb, diesem Sammelbecken von Depressiven, Verklemmten und Frustrierten, ein- für allemal den Rücken zuzukehren und sich auch schon gar nicht mehr vor irgend welchen eingetrockneten Bibliophilen demütigen zu lassen, die, weil sie sich vorm geilen Feuchten fürchten, an Spröde-Kargem schnuppern. Auf den Entschluß wolln Sie erst einmal anstoßen mit sich. Alles wird anders werden, denken Sie noch. Aber dann sitzt da dieser gelackte Broker mit einem Riesenberg Manuskript vor sich und macht Ihnen ein Angebot.... Er ist Ihnen so richtig unsympathisch mit seinen Krawatten und Nadelstreifen... Was hat er im Mosel-Eck zu suchen? Es stellt sich raus, er sucht Sie. Jedenfalls behauptet er das. Ihre Entelechie, so sagt er, habe ihn geschickt. Was für ein Spinner, denken Sie! Außer ihm und Ihnen sind noch paar Nutten da, außerdem hockt, mit Schlangenlederschuhen an den Füßen und eine Thai-Frau auf dem Schoß, Bodo Don Carlos Kirchhoff herum, aber den kannte ich damals noch nicht. Wie auch immer, Sie können sich dem Spinner nicht entziehen, denn er hat gute Argumente: 2500 Mark monatlich... 1982, ich bitte Sie!... und auf Lebenszeit... wer hätte da nicht..? Freilich, daß mir bis heute niemand diese Geschichte glaubt: Wem kann ich's verdenken? Deters selbst hat in allen folgenden Jahren immer wieder drauf gedrungen, daß ich sie erzähle... und hat entzückt registriert, für welch einen Irren man mich jedesmal hält. Denn der literarische Tagesbetrieb unternimmt alles, um sich, daß dergleichen geschehen kann, vergessen zu lassen. Es kann aber geschehen, sowohl in der borges'schen mythischen wie in meiner biografischen Version. Um funktionieren zu können, tut man allerdings gut daran, es zu leugnen. Freilich bringt der Literaturbe-trieb das, wofür er funktioniert, dabei um. Daß Wörter magische Symbole sind, wird, indem man sich's kuschelig macht miteinander, verdrängt: Wie sich Affen - das ist jetzt ein ungenaues Kubrick-Zitat - vor dem Leoparden in einer Höhle verkriechen, so sitzen wir, geschützt vor der Dichtung, für gewöhnlich in unsren Realitäten herum. Und halten die Welt für objektiv. Nun hat seit dem Fall der Mauer der Schutz-Irrtum der Eindeutigkeit gerade in Deutschland eine Restitution der Äquivalenzform gebracht, deren affirmativer Charakter jeden Poeten schaudern macht. Doch zuvor bereits saß, wer sich profiliert hatte, nur allzu bequem in der Ansicht, es ließen sich Dinge und Verhältnisse eindeutig zuordnen und seien nicht vielmehr lauernde Möglichkeiten, Potentiale auf dem Sprung. Deswegen wird so viel Wert darauf gelegt, daß der, der spricht, der sei, der spricht, und nicht etwa jemand oder mehrere anderes. Sei nicht nur Konstrukt. Des-wegen bindet man so gern Narration an Autobiografie. Verlangt Authentizität. Als wäre jemals der Dichter, der auftritt, der, der auftritt tatsächlich. Als wäre sowieso der, der schreibt, der, der schreibt. A ® A Ù Ø (ØA). Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten in seiner banalsten, d.h. sozialen Verkleidung. Den hat Hans Deters, seit unsrem Aufeinandertreffen im Mosel-Eck, unentwegt mit mir geblufft. Er hat mich für die Möglichkeiten gegen den Betrieb ausgespielt. Denn es ist so: Ich gebe seinen Texten meinen Körper. Hätte er ihnen den seinen gegeben, er hätte die Gedanken nicht denken können, weil Rücksichten zu nehmen gewesen wären, die ihnen zuwider sind, ja ihnen den Boden wegreißen würden. Er sei, hat er einmal gesagt, der Autor von innen, und ich krempelte ihn für die Umwelt hinaus. Allerdings hat er das wohl - mit Blickschweif über meine Garderobe - spöttisch ge-meint. Insofern habe ich hier einen besonders undankbaren Part. Das ist nicht ganz - so etwas ist niemals unverschuldet... denn ich - der ich immer fand, daß es keinen Überfluß gebe, und überdrüssig war ich je nur des Literaturbetriebs - ich hätte, als Brigitte Oleschinski mich einlud, zum Thema Überfluß/Überdruß ein Referat zu halten, im Wissen klüglich absagen können, Deters machte doch nur wieder eine - mancher mag sagen: unnötige - Provokation daraus. - Ob es unnötige Provokationen gibt, sei dahingestellt; typisch ist: Ich sagte nicht ab. Dabei bin ich dank Deters auf Honorare nicht mehr gar so angewiesen, aber immer noch sind Klüglichkeiten meine Sache nicht... - und zwar auch dann nicht, wenn mir die unabdingbar statt auf Deters auf mich niederprasselnden Folgen deutlichst vor Augen stehen. Denn da stehen sie, ich bin ja weder blöd noch blind. Darauf aber, daß ich ein von Bloch abgezogenes Prinzip Trotzdem nach wie vor kul-tivierte, hat Hans Deters, seit wir uns kennen, mit Gewinn spekuliert. In der Tat bin ich diesem Leitmotiv bis heute - manchmal fürchte ich: nibelungentreu - gefolgt, da ich doch ständig für etwas geradestehen muß, das ich gar nicht verantworten kann. Daß ich daran gewöhnt sei, ist ein mieser Einwand. Allerdings warnte ich. Zu ahnen, daß Deters den Auftrag ausnützen würde, fiel mir ja nicht schwer. "Weißt du", sagte ich, "das Problem mit mir ist, daß ich mich bei meinen Auftritten oft so unbeliebt mache. Ich bin halt immer etwas - wie soll ich sagen? - stürmisch in meinen Meinungen." - "Eben drum!" rief sie, nicht gänzlich unbegeistert, aus. "Drum hab ich ja" - oder sagte sie: 'haben wir'? - "an dich gedacht. Du kannst so polarisieren, das belebt die Diskussion." - "Jaja-schon, belebt sie," gab ich zu, "aber meine letzten beiden Belebungen - im Tunnel vor zwei Jahren und beim Schweden-Deutschlandencounter - haben aus meinem gerade aufgeblüh-ten Konto eine Art Steppe gemacht." Das stimmte freilich nicht so ganz. Wäre ich aber abhängig gewesen, - apage satanas! - Mangelnder Umgangsformen wegen, fuhr ich nun fort, ständig deklassiert zu werden, also weil mir in der Tat der Corpsgeist fehlt, ertrüge sich leichter, wenn das Fortkommen im Literaturbetrieb statt von Sozialbefindlichkeiten über Leistung geregelt würde. - Halten Sie mir bitte zugute, daß ich noch im selben Moment lachen mußte. Ich hatte die ausgesprochen nervöse Visi-on eines Hundes, der am Schuhwerk jedes Kulturvermittlers, bei dem er um Chappi bettelt, erst einmal das Bein hebt. Endlich begriff ich den Ausdruck underdog. Dafür, liebe Brigitte, vorab meinen herzlichen Dank. Natürlich hat man sich seine Freßchen-Geber nicht aussuchen können. Und weil wir uns oft auch gegenseitig Frauchen und Herrchen sind, drücken wir den Harngang tapfer zusammen und nennen den Gegner schon gar nicht beim Namen; wir kriegen ja sonst, von Peter Hamm oder Karl Coribo zum Beispiel, keine Aufträge mehr. Oder werden, weil Peter Härtling oder Karin Graf in Auswahlkommissionen sitzen, zu Autorentagen nicht eingeladen. Zumal wir, also in Juries, so oft über die Lebenshaltung von Kollegen entscheiden, und wer hätte nicht gern mal zwanzigtausend Mark..? Da wir uns aber oft auch gegenseitig rezensieren, darum lieben wir uns oft öffentlich so. Wohlgemerkt: Bevor wir rezensieren. Ist's schlecht gelaufen, können wir Kollegen auch hassen; da riskiern wir ja nichts mehr. Jedenfalls wenn sie nicht allzu berühmt sind. Sonst hält man ebenfalls die Schnauze. Kritiker hassen wir übrigens öffentlich nie: Die rezensieren dauernd. Da wehrt sich der Klügling in uns sowieso nicht oder nur, wenn's so mies gelaufen ist wie bei Ulrike Kolb, - und gerade dann heißt es schnell, es belle nur ein getroffener Hund. Allerdings hat einer, den nichts traf, zum Bellen gar keinen Anlaß. - Nein, lieber holn wir unsre Kritiker in den PEN, dann sind sie uns verpflichtet. Denken wir uns so. Und lassen uns verpflichten. Diesem Betrieb steht der Belag in Schichten auf der Zunge. "Bist du noch dran?" fragte Brigitte Oleschinski ins Telefon, während ich über dem Einfall sinnierte, daß Inzesttabus dazu da sind, den Inzest zu schützen. - "He, Alban!" - Ich seufzte kurz in die Sprechmuschel, räusperte mich. Aber die Oleschinski hatte nicht im entferntesten auf mein Leidsausen Lust: "Das hälste doch aus", sagte sie schließlich, nein, sogar: "Das macht dir doch eigentlich Spaß." Meine Damen und Herren: Die Bemerkung hatte Witz. Denn den Spaß hat ja immer Hans Deters. Ich habe die Folgen auszutragen. Allerdings krieg ich meinen Monatsscheck dafür, da geht's mir schon mal besser als den meisten. Lassen Sie mich deshalb, indem ich Resultate und Gründe bedenke, Ihnen ein Modell des Haupt- und Titelbegriffs meiner Ausführungen auf die Tische stellen, - als Prototypchen sozusagen, die Sie sich bitte gut anschauen möchten. Dann haben Sie etwas, das Sie ab-lenkt, wenn es unangenehm werden sollte. Im Dezember 1938 schreibt Karl Kerényi an Thomas
Mann, das meiste seiner Vor-bereitungen - nämlich für seinen
Beruf eines Mythologen - sei ganz instinktiv und auch schicksalsmäßig
gemacht worden. Und im Zweiten Vorwort des veröffentlichten Briefwechsels
teilt er mit: "Thomas Mann war sich der nie vorauszusehenden Be-tätigungen
der großen Entelechie bewußt." Indem mir nun einfällt,
ich selbst sei mir dessen damals nicht bewußt gewesen, zitiert Kerényi
Manns Lebensabriß von 1930: "In Wahrheit ist jede Arbeit eine
zwar fragmentarische, aber in sich geschlossene Verwirklichung unseres
Wesens (...). Daß die Davoser Geschichte 'es in sich hatte', daß
sie über sich anders dachte, als ich es tun mußte, um mich
auf sie einzulassen, fühlte ich früh." Eine Geschichte
also denkt, meine Damen und Herren, und denkt unabhängig, möglicherweise
sogar gegen ihren Autor. Denn, so wieder Kerényi, die Bezeichnung
"große Entelechie" möchte der Kontinuität und
Kohärenz aller "Geister der Erzählung" gerecht werden.
Entelechie bezeichnet das, was Potentiale, von denen ich
eingangs sprach, aktiviert. Möglichkeiten sind ja noch nicht da,
ihre Verwirklichung bedarf einer Form - eines Textes im Imaginären,
eines Autors im Realen. Beide zusammen erst machen Wirklichkeit aus. Deshalb
wird, um Potenzen sich realisieren zu lassen, Dichtung nie autobiografisch
sein können. Vielmehr ist die vermeintliche Autobiografie eines Dichter
immer Fälschung. Der Literaturbetrieb kann aber nicht wollen, daß es
so sei: Er muß ja bewerten. Des-wegen schätzt er Autobiografien
und die Botschaften so sehr. Die nämlich lassen sich identifizieren.
Die kann man mögen oder nicht, kann sie verwerfen und ein-schränken.
Tarzan kann man nicht einschränken. Den hat man, ob man will oder
nicht. Der hat zu alledem mehr Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten,
als jemals ein Literaturvermittler. Franz Biberkopf übrigens auch.
Soviel zur Wirkung. Zur Wirklichkeit. Nun ist man ja mehrere. Man hat eine sozusagen innere Sozialität.
Die ist bei Autoren, in denen sich Romangestalten materialisieren, berufshalber
besonders ausgeprägt. Sich nun wenigstens leidlich vor inneren Bürgerkriegen
zu schützen, saugt soviel Energie ab, daß man sich unmöglich
auch noch um seine Außengemeinschaften kümmern kann. Man wollte
denn all die anderen Ichs... - nein, das ist ein falscher Begriff ; es
handelt sich tatsächlich um in die Ichs verkleidete Fremde - ...verdrängen.
Wer das aber tut, der verliert die Grundlage seines Berufs, der ja eben
darin besteht, diese Fremd-Ichs sich erzählen zu lassen. Sagte ich 'Stallwärme', meine Damen und Herren?
Stallwärme in unsren das Spröde, Knappe, die Kargheiten liebenden
Texten? Ach, täuschen wir uns nicht! Dem Ano-rektiker ist alles Adipositas.
Wir, die wir das Ausgedünnte und Klare bevorzugen, dieses "Da
ist kein Wort zuviel" und "aufs nötigste beschränkt"
und denen uns seit Hitler jederlei Fülle verdächtig ist, sind
prädestinierte Inzest-Partner. Weshalb man uns übrigens im Ausland
nicht liest. Ich kann das schon verstehen. Die Dichtung ei-nes Landes,
das seinen Niebelschütz versteckt, um besser mit Schuldgefühlen
vögeln zu können, ist zeugungsunfähig geworden: Ejakulationen
zeichnen sich durch Über-Schüsse aus, nicht durch Kalkül
und Sparsamkeit. |