Alban Nikolai Herbst
Entelechie
oder
Hans Deters sagt, was ihn ankotzt
  Über das Wohlverhalten in Text & Betrieb, nämlich: Warum es keinen richtigen Streit mehr gibt und Weshalb die Leute, anstatt zu hassen, sich öffentlich lieber zu Tode lieben.
  Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Feinde, liebe Freunde,
leider gibt es das Mißverständnis der Identität. Also ich, der ich hier spreche, sei der, der, was ich spreche, geschrieben hat oder sei gar ein Ich ganz allgemein. Diese Annahme ist zwar praktikabel, aber restlos tautologisch und taugt deshalb nicht zur Zeugung literarischer Konzepte. Onanistisch beharrt beharrt sie auf dem Wiedererkennen, nicht dem Erkennen. Hiergegen findet sich bei Borges die auf der Oberflä-che hübsche, am Grunde jedoch Schwindel erregende Bemerkung: seine - Borges' - Mutter habe Übersetzungen von Melville, Virginia Woolf und Faulkner angefertigt, die ihm zugeschrieben würden. Oder, poetischer: "Das Licht tritt ein und ich erwa-che; er ist da. Zuerst sagt er mir seinen Namen, der (versteht sich) der meine ist."
Versteht sich aber nicht. Denn es sind meist andere, gänzlich fremde Namen. Ein Text bemächtigt sich der Welt, indem aus ihm eine Flut andersartiger Ichs aufsteigt, der sie überströmt. Und zwar nicht nur metaphorisch, sondern konkret. Sowie das geschieht, hat Literatur eine ihrer Potenzen verwirklicht: Dem Undenkbaren Raum zu schaffen und die übersichtlich gewordene Welt unübersichtlich zu machen. Gegner der Literatur - aber, wie ich zeigen will, Verbündeter des Literaturbetriebs - ist die Normation.
Mir widerfuhr vor Jahren solch eine Überströmung, - bezeichnenderweise, als ich mich von der Literatur abkehren wollte und in gewissem Sinn ja auch abgekehrt habe. Mich hat - weil ich den Pakt, den ich damals mit dem mir noch völlig unbekann-ten Hans Deters schloß, für einen Spaß hielt - die aus den Texten gebrochene Flut ganz unvorbereitet gepackt und in zahllosen Ich-Schnellen mitgerissen.
Stellen Sie sich das vor: Sie kommen auf die Knochen ernüchtert von einer Lesung, jeder fragt Sie nach Ihrer Botschaft, Sie, der Sie zwar noch ganz sind oder meinen, ganz zu sein, haben aber ja dennoch keine und, vor allem, wollen auch gar keine haben, schließlich ist ein Autor nicht Heilsarmee... jedenfalls das Publikum hat Sie so restlos angekotzt, daß Sie beschließen, diesem ganzen hirnrissigen, saftlosen Betrieb, diesem Sammelbecken von Depressiven, Verklemmten und Frustrierten, ein- für allemal den Rücken zuzukehren und sich auch schon gar nicht mehr vor irgend welchen eingetrockneten Bibliophilen demütigen zu lassen, die, weil sie sich vorm geilen Feuchten fürchten, an Spröde-Kargem schnuppern. Auf den Entschluß wolln Sie erst einmal anstoßen mit sich. Alles wird anders werden, denken Sie noch. Aber dann sitzt da dieser gelackte Broker mit einem Riesenberg Manuskript vor sich und macht Ihnen ein Angebot.... Er ist Ihnen so richtig unsympathisch mit seinen Krawatten und Nadelstreifen... Was hat er im Mosel-Eck zu suchen? Es stellt sich raus, er sucht Sie. Jedenfalls behauptet er das. Ihre Entelechie, so sagt er, habe ihn geschickt. Was für ein Spinner, denken Sie! Außer ihm und Ihnen sind noch paar Nutten da, außerdem hockt, mit Schlangenlederschuhen an den Füßen und eine Thai-Frau auf dem Schoß, Bodo Don Carlos Kirchhoff herum, aber den kannte ich damals noch nicht. Wie auch immer, Sie können sich dem Spinner nicht entziehen, denn er hat gute Argumente: 2500 Mark monatlich... 1982, ich bitte Sie!... und auf Lebenszeit... wer hätte da nicht..?
Freilich, daß mir bis heute niemand diese Geschichte glaubt: Wem kann ich's verdenken? Deters selbst hat in allen folgenden Jahren immer wieder drauf gedrungen, daß ich sie erzähle... und hat entzückt registriert, für welch einen Irren man mich jedesmal hält.
Denn der literarische Tagesbetrieb unternimmt alles, um sich, daß dergleichen geschehen kann, vergessen zu lassen. Es kann aber geschehen, sowohl in der borges'schen mythischen wie in meiner biografischen Version. Um funktionieren zu können, tut man allerdings gut daran, es zu leugnen. Freilich bringt der Literaturbe-trieb das, wofür er funktioniert, dabei um. Daß Wörter magische Symbole sind, wird, indem man sich's kuschelig macht miteinander, verdrängt: Wie sich Affen - das ist jetzt ein ungenaues Kubrick-Zitat - vor dem Leoparden in einer Höhle verkriechen, so sitzen wir, geschützt vor der Dichtung, für gewöhnlich in unsren Realitäten herum. Und halten die Welt für objektiv.
Nun hat seit dem Fall der Mauer der Schutz-Irrtum der Eindeutigkeit gerade in Deutschland eine Restitution der Äquivalenzform gebracht, deren affirmativer Charakter jeden Poeten schaudern macht. Doch zuvor bereits saß, wer sich profiliert hatte, nur allzu bequem in der Ansicht, es ließen sich Dinge und Verhältnisse eindeutig zuordnen und seien nicht vielmehr lauernde Möglichkeiten, Potentiale auf dem Sprung. Deswegen wird so viel Wert darauf gelegt, daß der, der spricht, der sei, der spricht, und nicht etwa jemand oder mehrere anderes. Sei nicht nur Konstrukt. Des-wegen bindet man so gern Narration an Autobiografie. Verlangt Authentizität. Als wäre jemals der Dichter, der auftritt, der, der auftritt tatsächlich. Als wäre sowieso der, der schreibt, der, der schreibt. A ® A Ù Ø (ØA). Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten in seiner banalsten, d.h. sozialen Verkleidung.
Den hat Hans Deters, seit unsrem Aufeinandertreffen im Mosel-Eck, unentwegt mit mir geblufft. Er hat mich für die Möglichkeiten gegen den Betrieb ausgespielt. Denn es ist so: Ich gebe seinen Texten meinen Körper. Hätte er ihnen den seinen gegeben, er hätte die Gedanken nicht denken können, weil Rücksichten zu nehmen gewesen wären, die ihnen zuwider sind, ja ihnen den Boden wegreißen würden. Er sei, hat er einmal gesagt, der Autor von innen, und ich krempelte ihn für die Umwelt hinaus. Allerdings hat er das wohl - mit Blickschweif über meine Garderobe - spöttisch ge-meint.
Insofern habe ich hier einen besonders undankbaren Part. Das ist nicht ganz - so etwas ist niemals unverschuldet... denn ich - der ich immer fand, daß es keinen Überfluß gebe, und überdrüssig war ich je nur des Literaturbetriebs - ich hätte, als Brigitte Oleschinski mich einlud, zum Thema Überfluß/Überdruß ein Referat zu halten, im Wissen klüglich absagen können, Deters machte doch nur wieder eine - mancher mag sagen: unnötige - Provokation daraus. - Ob es unnötige Provokationen gibt, sei dahingestellt; typisch ist: Ich sagte nicht ab. Dabei bin ich dank Deters auf Honorare nicht mehr gar so angewiesen, aber immer noch sind Klüglichkeiten meine Sache nicht... - und zwar auch dann nicht, wenn mir die unabdingbar statt auf Deters auf mich niederprasselnden Folgen deutlichst vor Augen stehen. Denn da stehen sie, ich bin ja weder blöd noch blind.
Darauf aber, daß ich ein von Bloch abgezogenes Prinzip Trotzdem nach wie vor kul-tivierte, hat Hans Deters, seit wir uns kennen, mit Gewinn spekuliert. In der Tat bin ich diesem Leitmotiv bis heute - manchmal fürchte ich: nibelungentreu - gefolgt, da ich doch ständig für etwas geradestehen muß, das ich gar nicht verantworten kann. Daß ich daran gewöhnt sei, ist ein mieser Einwand.
Allerdings warnte ich. Zu ahnen, daß Deters den Auftrag ausnützen würde, fiel mir ja nicht schwer. "Weißt du", sagte ich, "das Problem mit mir ist, daß ich mich bei meinen Auftritten oft so unbeliebt mache. Ich bin halt immer etwas - wie soll ich sagen? - stürmisch in meinen Meinungen." - "Eben drum!" rief sie, nicht gänzlich unbegeistert, aus. "Drum hab ich ja" - oder sagte sie: 'haben wir'? - "an dich gedacht. Du kannst so polarisieren, das belebt die Diskussion." - "Jaja-schon, belebt sie," gab ich zu, "aber meine letzten beiden Belebungen - im Tunnel vor zwei Jahren und beim Schweden-Deutschlandencounter - haben aus meinem gerade aufgeblüh-ten Konto eine Art Steppe gemacht." Das stimmte freilich nicht so ganz. Wäre ich aber abhängig gewesen, - apage satanas! - Mangelnder Umgangsformen wegen, fuhr ich nun fort, ständig deklassiert zu werden, also weil mir in der Tat der Corpsgeist fehlt, ertrüge sich leichter, wenn das Fortkommen im Literaturbetrieb statt von Sozialbefindlichkeiten über Leistung geregelt würde. - Halten Sie mir bitte zugute, daß ich noch im selben Moment lachen mußte. Ich hatte die ausgesprochen nervöse Visi-on eines Hundes, der am Schuhwerk jedes Kulturvermittlers, bei dem er um Chappi bettelt, erst einmal das Bein hebt. Endlich begriff ich den Ausdruck underdog. Dafür, liebe Brigitte, vorab meinen herzlichen Dank.
Natürlich hat man sich seine Freßchen-Geber nicht aussuchen können. Und weil wir uns oft auch gegenseitig Frauchen und Herrchen sind, drücken wir den Harngang tapfer zusammen und nennen den Gegner schon gar nicht beim Namen; wir kriegen ja sonst, von Peter Hamm oder Karl Coribo zum Beispiel, keine Aufträge mehr. Oder werden, weil Peter Härtling oder Karin Graf in Auswahlkommissionen sitzen, zu Autorentagen nicht eingeladen. Zumal wir, also in Juries, so oft über die Lebenshaltung von Kollegen entscheiden, und wer hätte nicht gern mal zwanzigtausend Mark..? Da wir uns aber oft auch gegenseitig rezensieren, darum lieben wir uns oft öffentlich so. Wohlgemerkt: Bevor wir rezensieren. Ist's schlecht gelaufen, können wir Kollegen auch hassen; da riskiern wir ja nichts mehr. Jedenfalls wenn sie nicht allzu berühmt sind. Sonst hält man ebenfalls die Schnauze.
Kritiker hassen wir übrigens öffentlich nie: Die rezensieren dauernd. Da wehrt sich der Klügling in uns sowieso nicht oder nur, wenn's so mies gelaufen ist wie bei Ulrike Kolb, - und gerade dann heißt es schnell, es belle nur ein getroffener Hund. Allerdings hat einer, den nichts traf, zum Bellen gar keinen Anlaß. - Nein, lieber holn wir unsre Kritiker in den PEN, dann sind sie uns verpflichtet. Denken wir uns so. Und lassen uns verpflichten. Diesem Betrieb steht der Belag in Schichten auf der Zunge.
"Bist du noch dran?" fragte Brigitte Oleschinski ins Telefon, während ich über dem Einfall sinnierte, daß Inzesttabus dazu da sind, den Inzest zu schützen. - "He, Alban!" - Ich seufzte kurz in die Sprechmuschel, räusperte mich. Aber die Oleschinski hatte nicht im entferntesten auf mein Leidsausen Lust: "Das hälste doch aus", sagte sie schließlich, nein, sogar: "Das macht dir doch eigentlich Spaß."
Meine Damen und Herren: Die Bemerkung hatte Witz. Denn den Spaß hat ja immer Hans Deters. Ich habe die Folgen auszutragen. Allerdings krieg ich meinen Monatsscheck dafür, da geht's mir schon mal besser als den meisten. Lassen Sie mich deshalb, indem ich Resultate und Gründe bedenke, Ihnen ein Modell des Haupt- und Titelbegriffs meiner Ausführungen auf die Tische stellen, - als Prototypchen sozusagen, die Sie sich bitte gut anschauen möchten. Dann haben Sie etwas, das Sie ab-lenkt, wenn es unangenehm werden sollte.

Im Dezember 1938 schreibt Karl Kerényi an Thomas Mann, das meiste seiner Vor-bereitungen - nämlich für seinen Beruf eines Mythologen - sei ganz instinktiv und auch schicksalsmäßig gemacht worden. Und im Zweiten Vorwort des veröffentlichten Briefwechsels teilt er mit: "Thomas Mann war sich der nie vorauszusehenden Be-tätigungen der großen Entelechie bewußt." Indem mir nun einfällt, ich selbst sei mir dessen damals nicht bewußt gewesen, zitiert Kerényi Manns Lebensabriß von 1930: "In Wahrheit ist jede Arbeit eine zwar fragmentarische, aber in sich geschlossene Verwirklichung unseres Wesens (...). Daß die Davoser Geschichte 'es in sich hatte', daß sie über sich anders dachte, als ich es tun mußte, um mich auf sie einzulassen, fühlte ich früh." Eine Geschichte also denkt, meine Damen und Herren, und denkt unabhängig, möglicherweise sogar gegen ihren Autor. Denn, so wieder Kerényi, die Bezeichnung "große Entelechie" möchte der Kontinuität und Kohärenz aller "Geister der Erzählung" gerecht werden.
Modern ausgelegt wäre sie das ästhetisch-literarische Pendant zur Großen Vereinheitlichenden Theorie der Physik, um welche Stephen Hawkins ringt, und verknüpfte den Inhalt der Dichtung und den Geist ihres Autors als eine auf beides objektiv Einfluß nehmende Dynamik.
Wenn das stimmt - und ich hab es ja am eignen Leib erfahren -, dann bedient sich weniger ein Autor seiner Wirklichkeit, indem er sie in seinen Texten Gestalt finden läßt, - sondern es verhilft eine von beiden unabhängige Entität - mit Aristoteles 'Potenz' genannt - sowohl dem Text wie seinem Autor zur Erscheinung. Auch der Autor wird erst geschaffen, er ist Artefakt wie sein Text. Damit ich ein solches Artefakt werden konnte, traf ich Deters. Gewissermaßen ist nicht nur er meine, sondern bin ich auch seine Entelechie.

Entelechie bezeichnet das, was Potentiale, von denen ich eingangs sprach, aktiviert. Möglichkeiten sind ja noch nicht da, ihre Verwirklichung bedarf einer Form - eines Textes im Imaginären, eines Autors im Realen. Beide zusammen erst machen Wirklichkeit aus. Deshalb wird, um Potenzen sich realisieren zu lassen, Dichtung nie autobiografisch sein können. Vielmehr ist die vermeintliche Autobiografie eines Dichter immer Fälschung.
Hans Driesch hat bis zu seinem Tod daran festgehalten, daß Leben nicht nur aus chemischen und physikalischen Prozessen entsteht, sondern in gewissermaßen einem platonischen Weltäther frei schwingender Möglichkeiten bedarf. Das ist nicht so abwegig, wie Sie denken: auch Albert Einstein hat, bezüglich der Übertragung physikalischer Wellen, lange an einen Weltäther geglaubt. Rein faktisch ist, einen solchen vorauszusetzen, wohl falsch; wirklich, d.h. wirkend, aber nicht. Denn so wie jede Fiktion ein Resultat von Prozessen ist, setzt sie ihrerseits Prozesse in Gang. Es kommt zu Explosionen, bei denen objektiv Materie, imaginär Energie oder beides freigesetzt wird. Die imaginäre Energie eines Weltäthers hat immerhin zur Ausbildung der Relativitätstheorie geführt mit sämtlichen materiellen Folgen. Fiktionen, etwa Romanfiguren, manipulieren bisweilen eben so sehr ihren Schöpfer, wie Kinder ihre Eltern. Romanfiguren können einen dazu bringen, eine Stadt zu verlassen, sich zu verlieben, sich danebenzubenehmen usf., ja sie haben die Macht, auf die Physiog-nomie einzuwirken. Im Romanschriftsteller materialisieren sich oft, ob er das will oder nicht, die Möglichkeiten seiner Figuren. Auch deswegen darf er weder, noch kann er autobiografisch schreiben.
Figuren leben potentiell ohne Anlaß, aber lauern darauf, einen Anlaß zu finden. Bleibt aber einer an seiner Biografie, dann läßt er sie nicht hinein. Dann greifen Fi-guren nach dem nächstbesten Körper. Ob Arthur Conan Doyle oder Arthur Rimbaud: Sherlock Holmes wollte erscheinen. Ich wähle dieses Beispiel bewußt, weil einem die Figur lebendiger vorkommt als ihr Schöpfer... weil sie, übrigens, lebendiger ist. Des Leben, heißt es bei Spielberg, finde einen Weg. Es ist ihm ganz egal, ob es sich in klassenkämpferischen, ästhetizistischen oder verlustverarbeitenden Unternehmen verwirklicht. Das ist, nebenbei bemerkt, die Laufschlinge um den Hals einer das En-gagement ernstnehmenden, das heißt Inhalt über Form stellenden Literatur. Es ist insgesamt ganz derselbe Prozeß, wie ihn Günter Steffens für Sätze bezeichnet hat, die bereits bei ihrer Formulierung Zitate seien.
Wer also lebt? Conan Doyle oder Holmes? Lebt Ludwig Höhnel? Sie fragen, wer Höhnel sei? Sehen Sie, da haben wir schon das Problem. Ich könnte natürlich auch Herrn Kortüm nennen. Oder Simplicius. Sogar die Kurasche: Interessiert die sich noch für ihren Inhalt, oder ist nicht der Inhalt bloß die Folie, in die sie sich packt?

Der Literaturbetrieb kann aber nicht wollen, daß es so sei: Er muß ja bewerten. Des-wegen schätzt er Autobiografien und die Botschaften so sehr. Die nämlich lassen sich identifizieren. Die kann man mögen oder nicht, kann sie verwerfen und ein-schränken. Tarzan kann man nicht einschränken. Den hat man, ob man will oder nicht. Der hat zu alledem mehr Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten, als jemals ein Literaturvermittler. Franz Biberkopf übrigens auch. Soviel zur Wirkung. Zur Wirklichkeit.
Daß die Literaturvermittler trotzdem mehr verdienen als die Literaturproduzenten, ist kapitalismuskonform, d.h. erfüllt die Theorie. Natürlich ist es ein Grund für Überdrüsse, wenn die Damen und Herren Kulturfunktionäre und Feuilletonisten durch die Weltgeschichten jetten und prinzipiell - etwa im Fall des Deutschen Literaturfonds - Erster Klasse reisen, während die, für die sie es angeblich tun, meistens nicht richtig wissen, wie man Miete zahlt. Aber sei's drum. Wirklich problematisch ist, daß diese Jetter und Ersteklassler den Betrieb definieren - also das Milieu, in dem die Biberkopfs entstehen. Problematisch ist das, weil es, schreibt Poe, keine höchstrangige Schönheit ohne eine gewisse Unverhältnismäßigkeit in ihren Proportionen gibt. Schönheit lebt von Fehlern. Meist sind die unbewußt eingewebt in die Kunst, denn Bewußtsein setzt ja wieder Identität voraus. Aslaam. Regelübertretung tut also not. Und wenn nun nicht nur das Kunstwerk, sondern auch, indem er es schafft, der Künstler eine Manifestation außer ihm liegender Potenzen ist, sozusagen das Gegengewicht des Erfundenen, dann kann er sich irgend einem Verhaltenskodex nicht beugen. Tut er es dennoch - und, wie gesagt, er muß es ja tun in diesem Betrieb -, dann leidet entweder sein Werk oder er selbst. Der Text wird ignoriert, der Autor nicht mehr eingeladen.
So etwas ist wahrscheinlich nicht literarendemisch, sondern gilt für alle Bereiche des Geistes, und zwar unabhängig davon, ob Regeln einsichtig sind oder nicht. Auch die Einübung begründeter Regeln ist Konditionierung und schwächt den Gedanken. Will sagen, konditioniertes Denken sperrt sich vor dem Einbruch des Fremden; wie die Affen sitzt man dann wieder zusammengerückt und zittert vor den Leopardenwörtern. Routiniertes Handeln ist nur dort sinnvoll, wo es nicht um Entscheidungen, sondern Reflexe geht. Dort stellt man es durch Training her. Dagegen nichts, alles aber - für die fremde Potenz - gegen Verhalten aus Norm, ob es sich nun darum handelt, bei Rot vor Ampeln stehenzubleiben oder sich gemeinschaftskonform zu be-nehmen.

Nun ist man ja mehrere. Man hat eine sozusagen innere Sozialität. Die ist bei Autoren, in denen sich Romangestalten materialisieren, berufshalber besonders ausgeprägt. Sich nun wenigstens leidlich vor inneren Bürgerkriegen zu schützen, saugt soviel Energie ab, daß man sich unmöglich auch noch um seine Außengemeinschaften kümmern kann. Man wollte denn all die anderen Ichs... - nein, das ist ein falscher Begriff ; es handelt sich tatsächlich um in die Ichs verkleidete Fremde - ...verdrängen. Wer das aber tut, der verliert die Grundlage seines Berufs, der ja eben darin besteht, diese Fremd-Ichs sich erzählen zu lassen.
Dazu bedarf es einer Künstlerischen Intelligenz, die nicht nur bisweilen der Logischen, sondern vor allem, weil sie kein identisches und identifizierbares Zentrum hat, der Sozialen zuwiderläuft. Das ist nun dumm für Konto und Karriere. Deswegen opfern wir die Ästhetik lieber früh der Moral und bau'n uns ein Zuhause. Wer das dann erhalten will, braucht Macht oder social intelligence.
Nun entstammt gerade dieser Begriff - ich bin in meiner USA-Feindlichkeit leidenschaftlich französisch - einem Wirtschafts- und also Lebenssystem, das nicht nur das einträgliche Hobby hat, neofeudale Regimes zu stützen, sondern seinen Bürgern einen Kniefall vorm Marketing abverlangt, wie er hierzulande nicht denkbar ist. Jeden-falls nicht mehr oder noch nicht wieder. Ein Genie des politischen Marketings, man vergesse das nicht, ist Joseph Goebbels gewesen. Man stelle sich nur die aufs Dritte Reich gewendete social intelligence vor. Das möchte freilich nicht sehen, wer an der Longe des Zeitgeistes trabt. Und einige selbe Autoren, die bis zur sogenannten Wen-de Kommunisten oder Sozialisten waren und jeden Andersdenkenden reaktionär nannten, haben sich ganz erstaunlich fouque'sch gedreht und brüllen ihren marktori-entierten Fortschrittsgeist nun zwar nicht ganz, aber doch halb rechts heraus, schwärmen von den USA und predigen, zur Warenform desertiert, Freiheit statt So-zialismus statt Engels statt Smith.
Das findet, hat er mir gesagt, Hans Deters, der sich ja auskennt in der Ökonomie, so ziemlich zum Kotzen. - Ich selbst hingegen habe da lieber keine Meinung. Ach, schaun Sie sich nur die vielen Entelechiechen auf ihren Tischen an!
Nun muß man nicht drüber streiten, ob social intelligence erfolgreich macht. Sie tut das, weil sie, so eng mit der Warenform, der sie entstammt, verwandt, keine fremden Möglichkeiten zuläßt. Das Neue ist notwendigerweise unidentifizierbar. Social Intelligence will sich aber, als zugehörig, identifizieren lassen. Sie ist vergleichbar dem, was der Begriff gegen das Wort vertritt. Dieses ist magisch, jener funktional. Begriffe und Soziale Intelligenzen vollstrecken Normen.
Das führt zu dem, was Volker Rapsch kommunikative Literatur nennt. Eine furchtbare Suhrkamp-Reihe der jüngeren Vergangenheit nannte sich 'Verständigungstexte'. Darin versammelten sich die Ich-find-dich-echt-gut,-du-Literaturen. Es gibt eine di-rekte Verbindungslinie von der sozialen Verständigung zur vergesellschafteten Kommunikation. Die hat, müdegetrottet auf den Pfaden der Bewältigungstexte, im gänzlich Affirmativen ihr Ziel erreicht. Das letzte bißchen Fremdheit, das Ästhetik noch mit sich führt, wird dort zerstäubt und aufgelöst. Kommunikation riecht noch durch ihre technische Verbrämung hindurch nach Gruppenzwang. Jeder soll sich als der andere identifizieren, meine Damen und Herren: soll sich austauschen, das heißt: sich tauschen lassen. Im Gegensatz zur informatischen ist deshalb die kommunikative Literatur ein Tauschgeschäft und so beliebt wie irgend ein Schwätzchen unter Gleichgesinnten. Wird sie auf englisch verfaßt, kommt ein Bestseller heraus. Deswegen schaun alle nach Amerika und versuchen, amerikanisch zu schreiben. Übrigens besteht Amerika nicht nur aus den USA; man nimmt aber so gerne eines für alle - voilà: Identifikation. Wie gehabt: Statt Friedrich Engels Adam Smith.
Der Stallgeruch im Kommunikativen, meine Damen und Herren!, der kotzt Herrn Deters, hat er mir gesagt, noch vor den Wendehälsen an. Ja, die sind sein Ergebnis.
Natürlich darf man das nicht aussprechen. Denn die ganzen einst so betroffen sich Verständigenden sitzen ja, wenn auch als werdende Rentiers, immer noch mächtig in Redaktionen, Lektoraten und Preiskommissionen herum. Ihre kommunzierenden Nachfolger sind nicht besser. Sie werden, wie jene schon taten, gewiß dafür sorgen, daß ein Nestbeschmutzer - beliebte Vokabel des einst befehdeten Gegners - hinausfällt aus dem Datennest. Glauben Sie mir, das kenn' ich sehr gut. Manch ein Dichter ist - als ihn die Muse der Studienräte übersah - Arbeitgeber geworden, das hat aus vielerlei Begabung Depressionen gemacht.
Deshalb kommt man im Literaturbetrieb der ihre Monatsgehälter Begrübelnden oder sie exzessiv Versaufenden, die folgerichtig die Literaturen der Grübler und Säufer befördern, mit Temperament und Leidenschaft nicht recht voran. Und schon gar nicht in im Kalkül der den Quarterly Reviews und Einschaltquoten Ergebenen, die dem Volk ganz folgerichtig das Säckchen kraulen. Zumal alle Beteiligten, Autoren wie Kritiker wie Vermittler, Texte als Sublimationsfläche ihrer Defekte mißbrau-chen; die meisten verklemmen den Potenzen den Weg, - die Autoren qua Verdrängung, die Zwischenhändler vermittels Projektion. Und also nicht etwa bloß aus Feigheit oder Korruption sagt man Arschlöchern nicht, daß sie Arschlöcher sind, sondern eben, weil man imgrunde auch eines ist. Das geht im Kommunikativen alles ganz prima zusammen. Rezensierst du mich, rezensiere ich dich, gibst du mir heute den einen Preis, geb ich dir morgen den andren. Meine Damen und Herren, ich nehme mich hier, der ich so oft ausgenommen war, längst nicht mehr aus. Beziehungsweise nimmt mich Hans Deters nicht aus, sondern er schiebt mir, derweil ich diese seine Frechheiten vortragen muß, Ansprüche unter, denen ich früher mal anhing... Ich hing ihnen an, als ich mir das nicht leisten konnte. Jetzt ist das anders. Und doch, ich habe ja Hans Deters. Der, um auch diesen Bogen zu vollenden, läßt sie mich weiter vertreten, er läßt mich weiterhin unklüglich sein und statuiert an mir... nein, nicht ein Exempel, sondern... Sie raten es selbst? Ja? Richtig!: - die Entelechie.

Sagte ich 'Stallwärme', meine Damen und Herren? Stallwärme in unsren das Spröde, Knappe, die Kargheiten liebenden Texten? Ach, täuschen wir uns nicht! Dem Ano-rektiker ist alles Adipositas. Wir, die wir das Ausgedünnte und Klare bevorzugen, dieses "Da ist kein Wort zuviel" und "aufs nötigste beschränkt" und denen uns seit Hitler jederlei Fülle verdächtig ist, sind prädestinierte Inzest-Partner. Weshalb man uns übrigens im Ausland nicht liest. Ich kann das schon verstehen. Die Dichtung ei-nes Landes, das seinen Niebelschütz versteckt, um besser mit Schuldgefühlen vögeln zu können, ist zeugungsunfähig geworden: Ejakulationen zeichnen sich durch Über-Schüsse aus, nicht durch Kalkül und Sparsamkeit.
Das nun hatte ich schon damals, nach dieser Lesung, begriffen. Als ich im Mosel-Eck das alles abschütteln wollte. Es war die Zeit meines ersten Bekanntwerdens mit Arndt. Ich hatte ein Jahr zuvor ein erstes Büchlein publiziert und soeben meinen Roman "Die Erschießung des Ministers" fertiggestellt, der erst 1987, von Otto Lorenz zurechtgestutzt und unter einem ziemlich verharmlosten Titel, erschien. Darauf kam es mir da aber aber schon nicht mehr an. Denn 1982 bereits hatte ich den litera-turfeindlichen Literaturbetrieb bereits so vollkommen und grundsätzlich satt, daß ich dem feuilletonistischen Rat des seinerzeitigen FAZ-Mitarbeiters Ayren zuvorkam und mich entschloß, niemals wieder zu schreiben. Das war eine große Erleichterung. Daß ich eben dafür auch bezahlt werden würde, habe ich nicht ahnen können, aber doch sehr gelacht, als ich Armin Ayrens sich längst erfüllte Bosheit las.
Einige von Ihnen werden bereits einige Male, während ich das erzähle, bedauernd geseufzt haben, weil ich meinem Entschluß anscheinend untreu gewesen bin. Stimmt. Ich habe - mit schlechtem Gewissen - meinen den Terrorismus verherrlichenden Dolfinger-Roman überarbeitet und noch ein paar Miszellen aus der Jugendzeit fertiggestellt. Aber mein ganzes nach 1987 erschienenes Werk ist nicht mehr von mir. Und auch nicht "Die Verwirrung des Gemüts" von 1983, die Armin Ayren ver-riß. Dieser Vortrag hier nun sowieso nicht. Es ist insofern ziemlich gemein von Hans Deters, daß er mich einen solchen Text vortragen läßt und auch noch diesen Satz hier hineinschreibt! Freilich könnte der Vortrag - Entelechie, meine Damen und Herren - von mir gewesen sein! Damals noch hätte mir sowas sehr ähnlich gesehen. Das ist der Witz an der vorhin zitierten Bemerkung Brigitte Oleschinskis, es mache mir doch eigentlich Spaß. Denn heute ist es mir sauer.
Übrigens kann ich diesen Vortrag hier überhaupt nur halten, weil ich ihn nicht schrieb. Ja, zwar schreibe ich tatsächlich nicht mehr, aber ich veröffentliche. Ich veröffentliche sogar ohne Unterlaß... mehr noch: in einer Schnelligkeit und Massivität, wie mir das, als ich noch schrieb, verweigert wurde. Und schriebe ich noch, seien Sie sicher, ich hätte wieder Publikationsschwierigkeiten. Ich mußte zu schreiben aufhören, um publizieren zu können. Das hat mir Hans Deters damals im Mosel-Eck, als wir unseren Pakt geschlossen haben, auch ganz so prophezeit.
"Ich bin Ihre Entelechie", so stellte er sich mir vor, als ich ihn nach seinem Namen fragte, und schob mir den Manuskriptberg herüber. "Hier, vertreten Sie das für mich. Sie wollen nicht mehr schreiben, ich will nicht veröffentlichen... nun, was kann sich Besseres finden?" - Sinnierend sah ich zu Kirchhoff hinüber, den ich damals ja noch nicht kannte. Vielleicht wäre ich sonst gewarnt gewesen. Wie auch immer: "Sie ticken nicht richtig", sagte ich. Er füllte einen Scheck aus, das waren meine ersten 2500 Mark. Soviel hatte ich noch nicht mit einem eigenen Buch verdient, ge-schweige mit dem eines andren. "Ich will nicht behelligt werden", sagte er. "Weder mit Ruhm noch mit Kritik. Sie können auch die Tantiemen haben - sollten denn welche anfallen. Und die Preise. All das. Nur eines dürfen Sie nie wieder tun: Schreiben." - Ich nahm den Scheck zögernd entgegen. Die kleine Thai auf Kirchhoffs Schoß lachte plötzlich hysterisch auf. Ich schaute wieder hinüber. Sie war von ihm hinabgeglitten und hatte begonnen, mit einem Tempo seine Schuhe zu putzen. Er hielt die Augen geschlossen. "Ich habe etwas vorbereitet", sagte Deters und zog mehrere aneinandergeheftete DIN-A-4-Seiten aus seiner Ledermappe. - "Was ist das?" fragte ich. - "Unser Vertrag." - Ich unterschrieb.
Seither haben wir mehrere Bücher und zahllose kleinere Arbeiten zusammengemacht, er als Wesen, ich als Hülle. Und wenn ich einen Auftrag erhalte, rufe ich ihn an. Er stellt ihn dann fertig und gibt ihn mir. So bin ich denn - eine Entelechie mit publizistischer Veranlagung - schon lange nicht mehr Urheber meiner Texte, sondern nichts als ein Söldner-im-Namen und muß, was ich sage, im vollen Bewußtsein sagen, nicht verantwortlich für das, was ich sage, zu sein. Manchmal aber, meine Damen und Herren, manchmal hab ich das Glück oder Unglück, daß Hans Deters sagt, was ich meine. Freilich geb ich das nicht zu. Und in diesem Kreis, liebe Feinde, liebe Freunde, nun schon gar nicht.

(c) by ANH 1997