Die folgenden Gedanken über die Matrix und die
in sie eingebettete Literatur sind vorläufig, unabgeschlossen und
nicht in jeder Hinsicht wahr.
Ich habe meine Zeit nicht begriffen. Mein Welt-, Natur-
und Selbstbild ist insofern grundsätzlich gestört, als es
sich für ein abgerundetes, ja in sich ruhendes und obendrein vollständiges
hält. Ich glaube, über meine Welt verfügen zu können,
ich empfinde mich als eine in etwas, das man altmodisch als "sich
selbst bewußte Seele" bezeichnen könnte, fokussierende
SinnesTotalität, der eine äußere, konkrete und e-benso
vollständige Konsistenz entspreche. Ich trenne.
Noch immer gehe ich davon aus, in Dörfern oder kleinen Städten
beheimatet zu sein und habe mir, um mich über die Postmoderne hinwegzutäuschen
- also über das, was sie beschreibt und erzeugt -, den Begriff
des "global village" zurechtformuliert. Der hat etwas Beruhigendes
und angesichts der Globalisierung beinahe Niedliches. Würde allerdings
von "global mo-nades" gesprochen, derselbe Inhalt alarmierte.
Monaden kommunizieren allerdings nicht. Deshalb treffen Begriffe wie
"global entities" oder "global singularities" den
Sachverhalt besser. Als Entitäten verhalten wir uns wie Neuronen
eines Netzwerks. Das globale Dorf ist in Wirklichkeit eine Monumentalstadt,
ein Neuronenkomplex - als hätte David Bohm recht, und der Mikrokosmos
unseres Gehirns repliziere die Struktur des Universums.
Ich nehme diese Monumentalstadt nicht wahr. Ich halte
Städte für materiell. Damit erliege ich einer Täuschung.
Statt mir die Augen zu öffnen
lese ich, wenn ich denn lese, lieber Geschichten mit intakten IchPersonen.
Dem entspricht die Beliebtheit von Schilderungen aus dörflichem
Milieu. Interessanterweise ist im deutschsprachigen Bereich die Provinz
das literarische Topos an sich. Stadtromane finden nicht ungefähr
deren Akzeptanz, was sich gut aus der Vergabe der Literaturpreise ablesen
läßt.
Bezeichnenderweise erweist sich die Intaktheit des Dorfes eben an seiner
Denunziation. Dörfer sind ja auch wirklich faschistoid. Die Denunziation
aber ist eine negative Idealisierung. Dorf ist eine Variable wie Jugendzeit.
Es liegt immer weit genug zurück, um Flucht aus der Gegenwart verlockend
erscheinen zu lassen und sich noch einmal den Schrecken ihrer und seiner
Adoleszenz auszusetzen. Die Lust, die ein solcher Regreß abwirft,
nennt man in der Pathologie "sekundären Krankheitsgewinn".
Will ein Ich "sich finden", muß es etwas
außerhalb seiner selbst attackieren. Dann wird auf dieses Objekt
tüchtig eingeschlagen. So entstehen das Selbst und sein Bewußtsein.
So funktionieren aber auch Rechtsvandalen.
Fräulein J. sitzt im Blütenstaubzimmer und
pustet in die Poesiealben. Frau F., RealschulPädagogin mit pubertierenden
Ravern, aber auch Herr G., Leiter der Versi-cherungsagentur Gründonnerstag,
erholen sich, indem sie sich von der obendrein nett unschuldig dreinblickenden
Fräulein J. zurück in die Gefängnisse ihrer Kindheiten
sowohl hand- wie nasführen lassen, von den virulenten Gefängnissen
der Gegenwart. Jene scheinen nämlich unterdessen verfügbar
geworden zu sein. Diese hingegen nicht. Ihre Indiffernz ist auch tatsächlich
nicht mehr umfassend, sondern lediglich noch modellhaft spekulierend
zu verstehen.
Also wird vom Dichter verlangt, er möge der Verfügung über
seinen Text nicht ver-lustig gehen. Gegenwartsautoren halten es deshalb
nicht nur mit dem UrheberRecht, sondern mit dem Urheber auch. Mit anderen
Worten: Sie tun so, als gäbe es sie als Subjekte und mich - ihren
Leser - als Objekt; als wäre ihr Text eine Art verortbarer Ausfluß.
Wenigstens unsere Sinne Lüste Ängste sollen die unseren sein.
Das soll uns der realistische Dichter garantieren. Er soll uns über
etwas beruhigen, was berechtig-ter Grund für ständige Unruhe
ist.
Alle festen Aussagen über Sachverhalte sind halbwahr.
Oder viertelwahr. Oder sechzehntel-, vierundsechzigstelwahr.
Da aufklärerische Unternehmen und Ästhetiken
an ein definites und definierbares Ziel gebunden sind, das von der Produktionsnotwendigkeit
bestimmt wird, sind sie gänzlich der Dialektik der Aufklärung
anheimgefallen. Sie können nicht mehr Träger des Widerstands
sein, denn sie stützen den universalen Verblendungszusammenhang.,
den aufzudecken sie angetreten waren. Wer dem entgehen will, muß
Widerstandsformen im Mythos suchen; dabei wird das zu Untersuchende
allerdings selber mythisch und berührt sich mit matrischen Erklärungsformen.
Das Flirren im Sprachraum, auf das ich noch zu sprechen kommen werde,
könnte eine Möglichkeit sein, aus dieser Totalität auszubrechen.
Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper.
Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich
rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding,
Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische
Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug
des Sadomasochismus in den Chic.
Je weitergehend ich monadisiert partikularisiert, je
weniger ich identifizierbar bin, um so dringlicher wird meine Not, mich
an etwas subjektivieren (= mich mit jemandem, einer Heldin/einem Helden
identifizieren) zu wollen. Aus diesem Vollzug erklärt sich der
letztzeitliche Erfolg von Romanen, die ich einmal Kiepenheuer&WitschLiteraturen
nennen will. Es ist ein Erfolg des Kitschs. Ich habe nichts da-gegen;
nur langweilt mich, was so durchschaubar ist.
In dem Moment, in dem ich mich subjektiviere, mache ich
aus mir ein Objekt. Ich erkenne mich in der handelnden Figur eines Romans,
ich will mich erkennen und trete in ein Subjekt-Objekt-Verhältnis
mit mir selbst: ich objektiviere also, ich verdingliche mich. Damit
falle ich genau in das zurück, was den Subjekten - in den letzten
Jahren den Körpern - geschah und wovon mich die Subjektivierung
doch ge-rade suspendieren wollte. Kitsch ist gepiercte tätowierte
Seele.
Die Literatur, seit sie mit den anderen Künsten
ihren Anspruch auf Autonomie erhob, war stets informatisch: Sie hat
die Wirklichkeit informiert und umgeschrieben. Wir leben jetzt in einem
Netzwerk aus Imaginationen, täglich hergestellt von Zeitungen Werbung
Fernsehen. Wir glauben, was uns gezeigt wird. Wir haben den Golfkrieg
geglaubt, wie haben den Aufbau des Zellkerns geglaubt. "Gesehen"
hat beides von uns keiner, jedenfalls nicht im vom bürgerlichen
Roman gemeinten körperlich-autonomen Sinn.
Wissenschaft besteht aus Geschichten, und technische
Bilder sind "Materiali-sierungen" literarischer Ideen.
Mittlerweile wir sind über unsere biologischen Körper
hinaus verschaltet. Unsere Sinnesorgane sind in Computerprogramme teilemigriert.
Wir sehen Tomographien vermittels unserer Maschinenaugen, und was wir
sehen, hat nicht weniger Wirklichkeit als der Mond. So verstanden, haben
wir tatsächlich auf die Marsoberfläche geschaut und sind an
den Grenzen unseres Sonnensystems gewesen. Nach 1969 ist bemannte Raumfahrt
nicht etwa aus Kostengründen eingestellt worden, son-dern weil
wir unsere Körper getrennt und geteilt und in Funktionen zerlegt
haben, die ihrerseits arbeitsteilig mit Maschinen kooperieren. Donna
Haraway, in ihrer berechtigten Attacke auf Identität, nennt jeden
von uns Cyborg: cybernetic organism.
Eine realistische Literatur, die das intakte Indiviuum
proklamiert, ist bereits, indem sie es einklagt, regressiv und arbeitet
am Fundament dessen, wogegen sie und ihre LeserInnen anzutreten vorgeben.
Sie ist entweder naiv oder verlogen. Meist ist sie beides, in jedem
Fall ideologisch. Sie tritt an, das eigentliche Skandalon zu ver-schleiern,
nämlich daß wir alle nicht nur Teile einer selbstreferentiellen
Matrix sind, sondern uns darüber hinaus mental und auch physisch
geteilt und verändert haben. Daß wir disponierbar sind, daß
unser Menschenbild nicht mehr stimmt. Sinnliche Er-fahrung wird zunehmend
durch elektronisch vermittelte ersetzt. Wir haben sind lesbar geworden,
doch versteckt sich kein Gott in unseren Wörtern. Dennoch hatte
die Kabbala recht, und die Schöpfung ist ein Text. Ein selbstbewegter
allerdings, ein ungefährer: Wie Elektronen im All, so flirren wir
in der Realität. Jeder Raum ist Sprachraum geworden, und zwar nicht
nur, indem ich ihn denke oder über ihn spreche.
Die Individuen wollen gelesen werden. Wir haben einen
Schmerz, eine Krankheit, einen Defekt - unser Text stimmt nicht mehr,
er hat "einen Fehler" -, und wünschen uns, von der Maschine
des Arztes so korrigiert oder umgeschrieben zu werden, daß der
Schmerz erlischt. Der Arzt liest unseren Fehler von der Maschine ab.
Er interpretiert die Maschinen. Der Bildschirm oder die Leuchtdiode
einer Ma-schine ist das Papier, auf welches sie uns schreibt.
Im Neurolinguistischen Programmieren (NLP) geht man davon aus, Gehirnprogramme
durch Wörter (=Befehle) umschreiben zu können, als würden
die Laute sich in die neuronalen Verbände ritzen. Das Wort als
Messer, aufgeteilt in das Heft als Träger (Laut) und das Blatt
als Information, mit der geschnitten wird.
Prinzipiell halte ich nicht-fantasische Literatur - also
ungefähr das, was im deutschsprachigen Raum unter einen fragwürdigen
Begriff von Realismus gefaßt wird - für ungeeignet, dieser
Realität noch angemessenen Ausdruck zu geben. Die realistische
Literatur ist unrealistisch. Sie versucht, ganzheitlich zu interpretieren,
wo es nur Partikel gibt: digitale Punktverteilungen im Netz. Dabei ist
es gleichgültig, ob realistische Literatur die DDR-Vergangenheit
ihres Protagonisten, eine schlechte Kindheit, sexuellen Mißbrauch
oder Imperialismus und Ausbeutung zum Thema hat. Das Problem der realistischen
Literatur ist gerade ihr Thema. Sie versucht, es aus dem Komplex der
Matrix zu isolieren und für sich identifizierbar zu machen, d.h.
wieder ein Subjekt herzustellen und mir und sich selber Autonomie vorzugaukeln.
Die Gegenwart ist ein ungefährer Raum wie die Stadt.
Raum und Zeit haben sich spürbar ineinandergebogen; das Phänomen
ist nicht länger mehr bloß spezielle Erscheinung in den astronomischen
Größenordnungen des Weltalls.
Ich summiere. Jeder Summand ist mehr oder minder willkürlich
auf andere oder sogar die anderen Summanden bezogen. Zugleich sind diese
die Prämissen meiner literarästhetischen Thesen. Deshalb erzähle
ich eine Geschichte, von der ich nicht sagen kann, ob ihr Genre der
science fiction, der Fantasy oder einem neuen, sozusagen realistischen
Realismus zugerechnet werden muß.
Meine Enzyklopädie entsteht durch ihre Erzählung.
Im Gegensatz zur Klassischen Enzyklopädie, zu der das sich findende
und autonomisierende Subjekt als Reflektion des sich findenden und autonomisierenden
Nationalstaats gehörte, kann sie nicht nur vollständig sein
und das auch nicht sein wollen. Ihre Vorläufigkeit setzt sie überhaupt
in Bewegung. Das autonome, also vollständige Ich hat so wenig Sinn
mehr wie der Nationalstaat oder irgend ein Genre als Genre. Für
die Qualität eines Dichtwerkes ist es egal, ob es sich um einen
Kriminalroman, eine science fiction story, eine Gesellschaftskomödie
oder eine Theorie der Gehirnforschung handelt.
Es gibt keine Natur mehr. Es gibt nur noch Parks. Jedenfalls
in den hochtech-nisierten Ländern, namentlich Europas. Aber auch
die so beliebte Toscana ist das Produkt einer ökologischen Katastrophe,
die durch Raubbau am Waldbestand zwecks Aufbaus der römischen Flotte
zustandekam. Und der besungene deutsche Wald ist spätestens seit
dem Späten Mittelalter reines Produkt der Försterkunst. Im
Emsland schauen Wasserhähne aus der Erde, weil man unter die Äcker
Kanäle verlegt hat. Von den kontaminierten Flächen in der
Dritten Welt will ich hier nicht reden und auch nicht davon, daß
im Umkreis mancher Atomkraftwerke das Land auf Zehn-tausende Jahre verstrahlt
ist. Nichts auch vom Bleigehalt in den Meeren, von Kadmi-um in norwegischen
Pilzen undsoweiter undsofort. Ihnen ist das alles bekannt. Es ist uns
Alltag geworden. Wir können leben damit. Fast scheint es so, als
stiege die menschliche Lebenserwartung um so höher, je "vergifteter"
die natürlichen Ressourcen sind.
Es gibt Fragen, die sich durch Überleben erledigen.
Sie müssen nicht beantwortet werden. Wieviele Engel finden auf
einer Messerspitze Platz? Ist der Erzähler eines Romanes autonom?
Auch in praxi hat das autonome Ich keine andere als eine modellhaft-juridische
oder therapeutische Entsprechung. Sie ist ein soziales Placebo. Als
solches funktioniert sie unabhängig von ihrer Realität, und
zwar sowohl im Interesse eines auf Moral gegründeten Staatswesens
als auch im Sinne neumystischer Du-ich-find-dich-echt-gut-du-Verfassungen.
Dieser Sachverhalt ist zutiefst literarisch.
Die Erde ist endlich. Allerdings nur, solange der Raum,
den wir beanspru-chen, ein materieller ist. Genau das ändert sich
momentan. Wir durchsetzen den materiellen Raum mit potentiell unendlichen
CyberRäumen. Es gibt tatsächlich eine Tendenz auch zur Entkörperlichung
des Menschen. Zwar teile ich Wolf Singers Skepsis, doch wenn Moravec
darüber spekuliert, ein individuelles Bewußtsein auf eine
Festplatte downzuloaden, dann ist das nicht nur Fantasterei, sondern
der Ausdruck einer Denkbewegung, die sich konsequent seit Aristoteles
der Welt bemächtigt und eben die Maschinen erfunden hat, die die
Welt nun digitalisieren und insgesamt in binäre Systeme übersetzen.
Übrigens auf Kosten der sogenannten Dritten Welt, die ganz im marxschen
Sinn die industrielle Reservearmee für alle diejenigen Arbeiten
bereitstellt, die noch nicht maschinell erledigt werden. Freilich ist
das nur eine Kostenfrage: In dem Moment, in dem sich auch in der Dritten
Welt die menschliche Ar-beitskraft verteuerte, würde sie durch
maschinelle ersetzt. Auch dort würde mensch-liche Arbeitskraft
dann überflüssig werden. Auch dort wandelte sich die Gesellschaft
dann in ein Netzwerk von Informationen.
Die Frage, welche Funktion einem Medium wie der Literatur
angesichts all dessen noch zukommt, kann nicht von der Matrix abgelöst
werden. Das Problem selbst ist nicht neu und wurde als Frage nach dem
auktorialen Erzähler virulent. Ich gehöre entschieden zur
Gruppe derer, die ihn ablehnen. Dennoch verwende ich ihn bisweilen.
Sich auf eine einzige Gruppe zu schlagen, hieße, binär zu
handeln. Ich muß auktorial erzählen und darf es zugleich
nicht tun. Tatsächlich funktionieren autarke Erzählmodelle
zu gut, ebenso wie die moralische Sanktionierung von Subjekten funktioniert.
Das gehört zum Selbsterhalt der Matrix und dient der Vermarktung
(also eben der Verdinglichung und Vereinheitlichung), sei's eines Kindes,
sei es des holocausts, - eines Begriffes übrigens, der direkt aus
der Medienindustrie stammt. Auktorial konzipierte Literatur ist per
definitionem funktionalistisch. Sie soll das Unbegreifliche als begreifbar
erscheinen lassen. Dazu muß sie komplexe Zusammenhänge simplifizieren.
Das erhellt das ständig hörbare Lob der Einfachheit durch
Literaturvermittler. Welt ist aber nicht simpel.
In der Massengesellschaft wird der ohnedies partikulierte
Einzelne immer weiter in seine Bestandteile segmentiert. Man kann ihn
ansehen als ein Lager von In-formationen (als CyberKörper) und
als ein Lager von Organen (RealKörper). Ist diese Division gelungen,
werden die Organe ganz ebenso wie Informationen handelbar und der Mensch
zum Ersatzteillager. Das Gehirn als einen Computer zu sehen, bedeutet,
den Organhandel wollen.
Meine Enzyklopädie der Welt ist eine Enzyklopädie,
deren Partikel im Moment, da sie niedergeschrieben werden, entstehen
und zugleich veralten. Genau das ist ein Moment des Textes, der Prozeß
mein poetologisches Fundament. Indem ich auf das Subjekt verzichte,
verzichte ich auf Dauer. Meine Dichtung, wie die Welt, soll fließen.
Wir verstehen bereits unseren Kühlschrank nicht
mehr, geschweige die Tech-nologie eines tragbaren Computers. Insgesamt
lassen sich unsere Werkzeuge kaum noch anschauen, ja schon der Begriff
"Werkzeug" ist eine Metapher. Digitalisierte Vorgänge
und Programme, seien es solche eines elektronischen Autoradios, einer
Einspritzpumpe, eines Herzschrittmachers, sei's einer Fabrikanlage sind
prinzpiell nicht mit einem Schraubenzieher modulierbar. Das Werkzeug
bestimmt uns, wir "gehorchen" ihm; da es Spezialisten verlangt,
kann auch nicht mehr gesagt werden, es hätten zu Ungunsten der
Allgemeinheit Einzelne eine Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel.
Vielmehr ergibt die Summe derer, die als Spezialisten die Werk-zeuge
dirigieren, ihrerseits ein netzwerkartiges Schaltwerk. Auch die Spezialisten
verfügen über ihre (unsere) Werkzeuge nicht mehr.
Die sogenannte realistische Literatur setzt an die Stelle
einer Aufklärung, die mythisch wäre, Einfühlung. Sie
manipuliert den Leser mit der Vorstellung greifbarer Einfachheit und
evoziert Gefühl. Sie tut so, als hätten z. B. die Subjekte
des NS-Staates nicht gefühlt. Das haben sie aber ganz zweifelsfrei:
Ihr Gefühl ist mit ganz ähnlichen Mitteln manipuliert worden,
wie sie der realistischen Literatur zur Hand gehen. Fühlen tun
auch die Subjekte, die Chomeini stützten und Saddam Hussein tragen.
Fühlen tun wir alle. Die Geschichte der zumindest westlichen Kultur
ist eine Geschichte kontinuierlichen Fühlens; sogar der preussische
Pflichtbegriff zog seine Stärke daraus, daß man Ehre Volkstum
Gehorsam "fühlte". Sofern sie sich dem Wi-derstand und
der Aufklärung verpflichtet glaubt, kann es der Literatur nicht
um die Affektion des Gefühles zu tun sein.
Die DNS ist entschlüsselt. Nunmehr ist der Eingriff
in die Menschengestalt willentlich möglich, prinzipiell sogar gerichtet,
d.h. funktional. Es wird mit transgenen Tieren gearbeitet; bereits jetzt
werden Schweine gezüchtet, deren Muttermilch Medikamente enthält.
Körper werden zu lebenden pharmazeutischen Retorten.
Sofern sie sich dem Widerstand und der Aufklärung
verpflichtet glaubt, muß es der Literatur um die Affektion des
Gefühles zu tun sein. Nichtemotionale Literatur verfällt dem
Funktionalismus. Sie ist einseitig und monotheistisch, indem sie, wie
in weiten Teilen der konkreten Poesie, das Wort um seine Semantik beraubt
und abstrakt wird. Emphatische Literatur hält ihre Berechtigung
deshalb aufrecht, aber nur in Bezug auf nicht-emphatische Literatur.
Beide Literaturen für sich sind Kitsch.
Wir erleben den globalen Siegeszug des Kapitalismus.
Es ist ein Sieg der Äquivalenzform. 1 und 0. Sämtliche Entwicklungen
werden über Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Wirtschaft
gesteuert. Da aufgrund ihrer Vernetzung weder die Strategien auf Einzelinteressen
rückführbar, noch vor allem Folgen der Industrialisierung,
ohne zwanghaft zu handeln, zu harmonisieren sind, vielmehr ein vollzogener
Eingriffe in Naturzusammenhänge notwendige weitere Eingriffe erheischt,
läßt sich die Geschichte der Gegenwart nicht mehr mit hergebrachter
Systemkriterien fassen. Die Gegenwart entzieht sich der Linearität.
Sie biegt sich über ihren Rücken zurück und wird selbstrefenrentiell.
Die alten Dualitäten von Subjekt/Objekt, Geist/Materie usw. lösen
sich auf, weil sowohl, was Subjekt, als auch, was Objekt sei, randunscharf
geworden ist. Das bedeutet, daß der Begriff des Systems evoliert,
wenn nicht sogar mutiert ist, und zwar in den der Matrix. Systemkritik
muß Matrixkritik werden.
Die Frage stellt sich freilich, ob die Kategorie des
Widerstands überhaupt noch anwendbar ist. Ich bezweifle das, hänge
ihr aber trotzdem an. Dieser konstituti-ve Widerspruch, der sich als
Zweifel fühlbar macht, durchzieht jede meiner Dichtun-gen im Moment,
da ich an ihnen schreibe oder es an ihr schreibt. Ich verwende die Kategorie
als Moment eines ästhetischen Arbeitsmodells, - regulativ sozusagen,
als wäre sie eine zu erfüllende SonettNorm. Tatsächlich
setzt der Terminus "Wider-stand" ja voraus, daß einer
wisse, wogegen - und zwar: wogegen genau. Das aber ist, jedenfalls
mir, unmöglich. Ich muß mir meinen Gegenstand, um ihn distinkt
zu ha-ben, ihn also isolieren zu können, erfinden. Tue ich
das, erlüge ich ihn. Ich habe zum Beispiel keine eindeutige und
für alle Hinsichten fixierbare Haltung gegenüber der Gentechnologie
wie der Technik überhaupt. Ich weiß aber, daß ich ohne
Technik nicht wäre und, gemessen an der Gegenwart, auch gar nicht
sein könnte. Vermutlich wäre ich bereits vor zweiunddreißig
Jahren an Mumps gestorben. Ich kann nur punk-tuell gegen etwas sein
und nur in Hinsicht auf eine bestimmte Fragestellung. Insofern ein Roman
oder ein Gedicht aber nur in Hinsicht auf etwas Kunst ist, wird der
Kunstbegriff beliebig. Alles wäre Kunst, und Nichts wäre Alles.
Ich komme, will ich die Widerstandskategorie halten, um Metaphysik nicht
herum - dieser mein romanti-scher Hang zur "Tiefe" ist selbstverständlich
antiquiert und widerspricht der digita-len Tendenz zur Oberfläche.
Aber ich leiste ihn mir aus Luxus. Denn ich glaube, daß Dichtung
ein nicht konsumativer Luxus ist, in dem sich etwas afunktional Fremdes
ausdrückt, das den Produktionsmechanismen der Matrix zuwiderläuft.
Nur weiß ich nie, wo. Ich glaube daran, daß Literatur wahrlügt
.
Der prinzipielle Unterschied zwischen Realität und
Imagination fällt. Bereits jetzt läßt sich durch geübte
Anwender vermittels Mywellen ein Cursor über den Bildschirm bewegen.
"Matrix" heißt "Gebärmutter",
"Stammutter". Die Matrix ist ein Schema. Stellen Sie es sich
wie die Grundanweisung für ein Fraktal vor. Oder wie einen sich
replizierenden Virus, sei er biologisch, sei er kybernetisch.
Es ist denkbar, mitfühlend, ja tränentreibend
die Geschichte eines Ungeheuers zu erzählen. Es ist denkbar, einen
einfühlsamen Roman über Adolf Hitler zu schrei-ben, der uns
weinen läßt. Ein Roman, der das täte, wäre auf
mythische Weise aufklä-rerisch, weil er uns tatsächlich etwas
über unsere eigene Konstitution verriete - weil wir obendrein begriffen,
wie wenig eindeutig Welt ist. Syberberg hat genau das mit seinem Hitlerfilm
getan.
Selbstverständlich ist solch ein Unternehmen politisch unkorrekt,
ja skandalös. Es rennt gegen ein moralisches Denkverbot an und
gefährdet das Selbstbewußtsein der Demokratie. Doch darf
eine widerständige Literatur nicht unbedenklich sein. Der In-nenprotest,
der aus dem skizzierten Romanvorhaben in seinem Leser aufkochte, trü-ge
freilich selbst schon ein Widerstandspotential, ja aktivierte erst im
Leser, worum es mir überhaupt geht. Solch einen Text nenne ich
einen fantastischen.
Der fantastische Text ist freilich insofern gefährlich, als er
dem politischen Gegner zuspielen könnte. Dieses Problem ist jeder
nichtfunktionalistischen Kunst inhärent. Das muß ich auf
mich nehmen. Insofern ist die von mir geforderte Amoralität der
Dichtung gespickt mit Verantwortlichkeit.
An Stelle der organen Dualität Körper/ Geist
ist eine postorgane Trichonomie aus Körper/Werkzeug/Geist getreten.
"Werkzeug" ist ein zunehmend metaphorischer Begriff. Wir nehmen
nicht mehr nur noch mit unseren Sinnen und den bewußten Strategien
wahr, mit denen sie zu einheitlicher Form von Aussagen über Realität
koordiniert werden, sondern vor allem vermittels Maschinen. Das verändert
sowohl unsere Haltungen wie Handlungen und damit unsere Wahrnehmungsweisen,
also uns. Überall um uns herum laufen Menschen, die Geräte
am Körper tragen, welche sie zur Verlängerung dieses Körpers
oder Substitution einzelner Organe machen. Und über-all um uns
herum sprechen Menschen, die eine Freisprechanlage für Handys benutzen,
in die Luft. Sie sprechen mit Geistern und hören Stimmen. Vor nicht
einmal fünfzig Jahren hätte man sie eingewiesen. Und wer an
einem Chat teilnimmt, betritt tatsächlich einen Raum.
In gleichem oder doch ähnlichem Maß, in dem
sich die Dualitäten auflösen, löst sich der industrielle
Arbeitsbegriff auf. In weiten Teilen der Hochtechnologie ist zu arbeiten
auf Kontrollfunktionen oder das Drücken von Knöpfen reduziert.
Der Arbeitende wird im kompliziertesten Fall Spielender, in jedem übrigen
zu einem Teil der Maschine. Der Vollzug ist so oder so regressiv. Bezeichnenderweise
wird dort noch - und zunehmend verhärtend - gearbeitet, wo das
wirtschaftliche System sehr einfach - "unterentwickelt" -
ist. (Der Einwand, auch die armen Länder der 3. Welt mit ihren
industriellen Reservearmeen seien hochtechnisiert, sticht insofern nicht,
als die Organisation der Produktion längst international ist. Gerade
deshalb lassen sich dort Entwicklung und zunehmend auseinanderklaffende
Schere von Ausbeutenden und Ausgebeuteten so lehrbuchhaft beobachten.
Nur daß die Ausgebeuteten keine Subjekte der Geschichte mehr sind,
sondern ihre Stoffwechselabfälle. Die Anwen-dung des marxschen
Klassenbegriffs ist sinnlos geworden, weil das Proletariat nicht oder
nicht mehr Subjekt der Geschichte ist. Und längst sind die Herren
ihre eigenen Diener. Sie sind - wie wir alle - von sich getrennt. Und
selbst das ist eine Idealisie-rung, weil die Sprache ein Subjekt verlangt,
das in ihr Substantiv heißt.
Im selben Maß, in dem wir alle nicht mehr identisch
sind, sondern verfließen, bzw. randunscharf flirren, verfließt
auch der Text des Lesers mit dem des Buches, in den der Text seiner
verschiedenen Autorensubjekte eingeflossen ist. Das ist banal. Indessen
wird dieses Verfließen immer dort momentlang kanalisiert, wo ein
sich für distinkt haltender Autor einen distinkten Leser imaginiert,
den er als solchen auch ansprechen und manipulieren ("aufklären")
will. Tatsächlich gehört der Autor selbst in den Fließprozeß,
schon weil er sich gerade über längerfristige Projekte verändert;
er kann deshalb gar nicht wissen, wohin ihn die Interaktion mit "seinen"
Figuren und Handlungsketten bringt. Er darf das auch nicht, will er
nicht von vornherein sein Produkt in industriellem Sinn festlegen und
funktionalisieren. Tut er das, so manipu-liert er als scheinbar Autarker
seine LeserInnen und wirkt matrisch. Das mir hierge-gen vorschwebende,
sozusagen frei oszillierende Modell ist, was ich "Flirren im Sprachraum"
nenne: ein sich selbst ins Unbewußte absteigen, ja: hinabwehen
Lassen - besser ist hier der falsche Begriff vom "Unterbewußten"
am Platz, weil sich darin zugleich etwas Metaphorisches wie räumlich
Konkretes verbinden und aufeinander wechselseitig wirken.
Es gibt eine unaufhaltsame Eigenbewegung der Forschung.
Sofern nicht Inte-ressencluster die Entwicklung - und auch dann nur
kurzfristig - aufhalten, gilt der Grundsatz: Was gedacht werden kann,
wird auch getan. Das betrifft in selbem Maß die Gentechnologie
wie die Einschränkung der Grundrechte aufgrund objektiver=selbsthergestellter
Gefahren. Wenn es möglich ist, grün leuchtende Kinder zu erzeugen,
so werden sie erzeugt. Wenn es möglich ist, Frauen mit auswechselbaren
Brüsten zu klonen, so werden sie geklont.
Grundlagenforschung ist im wesentlichen militärisch
und wird in Termini des Krieges ausgedrückt. Das Körpereigene
"schießt" auf Eindringlinge und Wirtschaftsasylanten.
"Der Körper wird als ein strategisches System konzipiert,
das in zentralen Arenen mit hoch militarisierten Bildern und Praktiken
in Verbindung steht. (...) Der Körper entsteht (...) als ein hochmobiles
Feld strategischer Differenzen."
Flirren läßt sich nicht funktionalisieren;
flirrend kann niemand gegen sei's Ausbeutung, sei's einen Nationalfeind,
sei es Fremdenhaß oder den "Fremden" mar-schieren. Die
flirrende ungefähre Bewegung ist Auflösung des Stechschritts.
Gerich-tetes Gehen ist flirrend unmöglich, gerichtetes Denken auch.
Dennoch formt sich aus Geflirre Erkenntnis. Ich möchte diesen Prozeß
"schweifendes Denken" nennen. In der Aufgabe der Identität
zugunsten einer polymorphen Seins- und Schreibweise liegt weniger Verlust
als ein Gewinn: Es wird sehr sensibel wahrgenommen, gehan-delt reagiert
geschaffen. Zu flirren ist die angemessene Abwehr der Informationsüberflutung.
Dem Körper kommt in den "realen" Arbeitsprozessen
notwendigerweise eine immer geringere Bedeutung zu. Das betrifft besonders
die traditionelle, am Hand-werk orientierte Arbeit. Der Körper
ist imgrunde nicht nur nicht so sehr nötig, son-dern auch hinderlich.
Viele Computerabeiter verbringen Stunden um Stunden wie unter Kokain
hinterm Bildschirm und spüren ihre Arbeit körperlich nicht.
Erst wenn ihre mit den Cyberräumen verschalteten Gehirne abgestellt
werden, machen sich Müdigkeit und bisweilen sogar Hunger bemerkbar.
Hingegen wird der Körper nicht vorwiegend mit dem Gehirn Arbeitender
in immer kleinere Arbeitseinheiten redu-ziert. Der Körper wird
Maschinenteil, der wie diese programmiert auf JA oder NEIN, auf 1 oder
0, reagieren soll. Die Logik der Arbeitsteilung hat zu fortwährend
miniatu-risierten Abläufen geführt, an deren Ende die Digitalisierung
steht. Das Wort kommt von digitus=Finger. Digitale Arbeitsprozesse
sind solche, für die man kaum mehr den Daumen braucht. Die größte
evolutionäre Errungenschaft des homo faber, der Griff mit
einem den sich krümmenden Fingern entgegengestellten Daumen, verliert
seine Bedeutung. Vergleichen Sie das mit der Arbeit eines Maurers. Für
den Einsatz der intelligenten Waffenmaschinen im Golfkrieg haben die
Soldaten touchpad und Finger benötigt. Bereits die Verwendung
eines joysticks ist sentimental. Man muß die Spielhalle
zur transkontinentalen Erzeugung kilometerlanger Feuerschneisen kaum
mehr verlassen. Der Soldat wird von seinem "Produkt" genau
so getrennt wie der Arbeiter.
Es gibt auch eine biologische Notwendigkeit, sich von
seinem Körper zu trennen. Diese Notwendigkeit ist hergestellt -
produziert - worden. Die Befriedigung normaler Körperbedürfnisse
wird riskant oder sogar lebensbedrohlich. Wie dürfen seit der Katastrophe
von Tschernobyl kein Wild, keine frei wachsenden Heidelbeeren, keine
Pilze mehr essen, und auf dem wildernden Geschlechtsakt steht mit AIDS
die Todesstrafe. Wenn aber einer das für sich voller Zivilcourage
riskiert, wird er doch misfits, weil er andere gefährdet.
In der Logik der Matrix ist HIV ein wünschenswertes Phänomen.
Also selbst, wäre die Mutmaßung, es handele sich bei den
permanent mutierenden AIDS-Viren um eine computergenerierte Molekularwaffe
zur Disziplinierung des Sexus, paranoid, ist doch die Mutmaßung
als solche eine fantastische Einschätzung, die von Realismus zeugt.
Sie ist in allerbestem Sinn fantastische Literatur.
Der Miniaturisierung der Arbeitsvorgänge entspricht
die Vereinzelung zur Single genannten global entity oder Singularität.
Wirtschaftlich nicht notwendige soziale Konstruktionen wie die Familie
zerbrechen. Erziehungsaufgaben werden eben-falls arbeitsteilig und zunehmend
miniaturisiert wahrgenommen: Krabbelstube Kindergarten Vorschule Volksschule
und so fort. Die Übersicht über das "ganze" Kind
geht ebenso verloren wie dessen über "ganze" Eltern.
Wir werden Freizeitbehüter. Die Miniaturisierung der Erziehungsvorgänge
führt dazu, daß das Kind seine Umwelt collagiert wahrnimmt:
wie aus kombinierbaren Zellen zusammengesetzt und auch in kombinierbare
Zellen auseinandernehmbar. Bricolage. Die Vorstellung einer Ganzheit,
nämlich des kritisch betrachtbaren Zusammenhangs, erzieht sich
weg.
Der Trichonomie von Körper/Geist/Technik entspricht
die literarische von Autor/Leser/Text zumindest graduell. Im bürgerlichen
Roman - dessen Ästhetik die Kiepenheuer&Witsch-Literaturen
nach wie vor bedienen - war die Funktion Au-tor/Leser zumindest oberflächlich
intakt; in der Tiefe übrigens auch nicht, was alle die Autoren
und Werke belegen, die seinerzeit wirkungslos waren und "plötzlich",
im 20. Jahrhundert, Bedeutung erlangten.
· Es ist keine Allgemeinbildung mehr möglich,
weil die Bildungsinhalte zu ge-staltenreich und auch der Menge nach
zu massiv sind. Nicht-spezialisierte Bildung ist obendrein nicht erwünscht,
weil sie den Produktionsablauf verzögern könnte. Was tut ein
Arbeiter bei Philip Holzmann, wenn er die LED-Anzeigen auf dem Armatu-renbrett
seines Kranes nicht versteht? Er denkt nach. Während er nachdenkt,
arbeitet er. Aber er arbeitet nicht im Sinne des Unternehmens und verzögert
das fertige Pro-dukt. Nicht-matrische Arbeit ist also eine Arbeit ohne
definites Ergebnis. Ich nenne das Kunst. Schon deshalb ist Dichtung
denn doch nicht beliebig. Das deutet an, was mit "Widerstand"
gemeint sein könnte.
Die Zukunft von Literatur - wenn es denn eine gibt und
ihr nicht der Rang endgültig von Hollywood abgelaufen wird - ist
dort zu finden, wo ein Autor weder mehr seinen Text noch eigentlich
das Wissen "hat", das er konstruiert und mit dem er arbeitet,
also dort, wo aus den miteinander netzwerkartig Beziehungen eingehenden
Motiven Strängen Bildungsinhalten etwas Drittes Viertes Fünftes
wird, das sich einer letztendlichen Verfügung sei es seines Autors,
sei es seines Lesers entzieht. Ich lehne die endliche Terminologie eines
Dritten ab, weil sie sich auf Dreieinigkeit und damit wiederum eine
Funktionalität bezieht, die im Eineindeutigen, also dem Monotheismus,
wurzelt, den ich für die Funktionalisierung von Welt verantwortlich
mache.
In meinem Modell des Fließens wird der Leser in den Text aufgenommen
(der Text "macht" etwas mit ihm, das der Autor aber nicht
intendierte), und der Autor begibt sich seiner Auktorialität. Dennoch
kann sein "Handwerk" für den Roman konstitutiv bleiben;
das muß es aber nicht, wie etwa die Dichtungen Wölfflis zeigen.
Jedenfalls bildet der Text nicht mehr eine vom Autor als so und so richtig
oder falsch empfun-dene/gewußte Wirklichkeit ab. Die tatsächlich
realistische Dichtung, die ich die fan-tastische nenne, will Realität
schon deshalb nicht mehr mimetisch darstellen, weil so etwas immer auf
die Wahrnehmungsweisen ihres Autors zurückgeführt und dadurch
entschärft werden kann. Das bestreitet nicht die künstlerische
Bedeutung von Mimesis. Denn eben der Verzicht auf Intention könnte
ihrer ästhetischen Kraft zu neuer Blüte verhelfen.
Hiergegen arbeitet die Simplifizierung, ja Piktogrammisierung
der Sprache. Es sollen sich Vorgänge außerhalb der Matrix
(= außerhalb der Matrix imaginierte Vorgänge = Transzendenz)
nicht denken lassen. Geschichte wird semantisch der Prozeß gemacht:
sie wird festgesetzt und verdinglicht wie der Körper. Aus "gerändert"
ist in der neuen Rechtschreibung "gerendert" geworden; d.h.
man hat den historischen Bedeutungshof des Wortes eliminiert. Es soll
nur noch auf das verweisen, was es meint. Die Wörter werden zu
Replikatoren, Leser und Autor gleichermaßen zu Replikanten. Das
ist die Matrix. Ein Drittes Viertes Fünftes, nennen wir es Trans-zendentes,
ist ausgegrenzt und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten erfüllt.
Jede Tätigkeit erfüllt genau den industriellen Zweck. Selbstreferentialität
findet zu sich. Wie Vilém Flussers und Louis Becs Vampyroteutis
infernalis biegen wir unseren Mund über den Rücken zum After
zurück.
Unser Körper wird durch zunehmenden Blick in ihn
hinein entfremdet. Zahl-lose Abbildungen und filmische Computersimulationen
zeigen Zellen Neuronenver-bände Blutkörperchen wie fremde,
der Science Fiction zugehörige Sternensysteme. Dies objektiviert
ihn auf höchst literarische Weise. Die jules vernesche "Reise
in den Mittelpunkt des Körpers" ist eine Projektion makrokosmischer
Vorstellungen in die Neurobiologie. Wir schauen in uns hinein wie in
Computerspiele, deren Entwicklung nicht bloß direkt mit militärischer
Forschung kooperiert, sondern von ihr program-miert ist.
Wer ahnen will, was in uns vorgeht, muß es zulassen.
Es kann der Literatur insofern weder um Guten Geschmack noch um moralische
Direktiven gehen. Die Demokratie ist das Ideal einer politischen Gesellschaft,
die aus definierten und definiten/distinkten Subjekten mit ebensolchen
Interessen besteht. Wenn das distinkte Individuum tatsächlich zerfallen,
wenn es in global entities partikularisiert ist, ist weder Demokratie
noch demokratischen Idealen verpflichtete Literatur möglich. In
der Realität muß Pragmatismus herrschen, damit die politischen
Strukturen nicht in gewalttätiges Chaos übergehen; das ist
von mir unbestritten. Literatur allerdings, sofern sie aus der Matrix
hinausweisen will, muß sich dem Chaos aussetzen, das Chaos wenigstens
riskieren wollen. Die Ideale einer demokratischen Gesellschaft haben
in der Literatur, insoweit sie sich noch als widerständig und aufklärerisch
versteht, nichts zu suchen, weil sie ja sonst funktionieren, also berechenbar,
digitalisierbar sein müßte. Dem moralisch Distinkten entspricht
aber das realistisch Distinkte. Inso-fern die Realität informatisch
ist, also nichtmateriell, also nichtdistinkt, kann sie nicht mit distinkt-realistischen
Mitteln gedichtet werden. Ihre Strukturen verfließen auch deshalb.
(Ich lasse einmal dahingestellt, ob nicht Materie als solche ebenfalls
informatisch ist.)
Die Befriedigung unserer Bedürfnisse ist selbst
Produkt geworden, nämlich einer Dienstleistungsindustrie, die sich
an die Stelle materieller Industrien gesetzt hat. Production
wird im Unternehmensjargon Geld zu machen genannt. Ein Bedürfnis
ist mittlerweile dann und nur dann legitimiert, wenn es der production
zugänglich ist. Dem entspricht eine Abnahme "natürlicher"
Bedürfnisse zugunsten ihrerseits produzierter.
Je technischer eine Gesellschaft, desto stärker
beansprucht werden einzelne - individualisierte - Sinne, und zwar bis
zu ihrer in der Logik der Produktion gewollten Überlastung. Die
Reizschwelle muß ständig erhöht werden. Und nochmals
er-höht. Jeweils neue Produkte befriedigen das. Was unterhalb der
je neuen Schwellen liegt, wird nicht mehr wahrgenommen. Bei eskalierender
Beanspruchung eines bestimmten Sinnes wird die Aufmerksamkeit von den
anderen abgezogen. Sie verkümmern. Auf diese Weise wird auch die
Arbeitsteilung biologisch; d. h. sie verändert unseren Körper.
Die nicht gebrauchten Sinne - nochmals: das kantsche Gemüth - verkümmern
oder sterben ab. Der Mensch wird zur spezialisierten Hör- und/oder
Sehmaschine.
Der Mensch wird schnell. Von den ersten Eisenbahnfahrern
wird berichtet, ihnen sei von den 40 Stundenkilometern schlecht geworden;
einige seien sogar kollabiert. Goethe stieß auf seiner Italienreise
mit dem Gehstock gegen die Kutschendecke und rief: "Nicht so schnell!
Ich kann gar nichts sehen!" Die zumindest deutsch-sprachige Literatur
hat bis heute nicht einmal die phänomenologische Höhe eines
road movies erreicht. Bei schneller Bewegung verfließen
die Objekte. Bereits aus einem Auto sind sie randunscharf. So etwas
bestimmt unsere Wahrnehmung von Welt.
Zu konsumieren ist in der Informationsgesellschaft
eine gesellschaftliche Arbeit, zu der der Konsumismus der Industriegesellschaft
erzogen hat. "Freizeitgesellschaft" bedeutet, daß das
Füllen der freien Zeit ein Teil des Arbeitsprozesses ist, der die
Matrix speist. Allerdings ist der Arbeitende in der Informationsgesellschaft
insofern nicht mehr Ausgebeuteter, als er Teil der Matrix selbst und
von der Matrix auch gemeint ist. Das ist etwas speziell Neues.
Die spätindustrielle Tauschgesellschaft ist selbstreferentiell;
ein notwendiges Ergebnis der an ihr Ziel getriebenen Äquivalenzform.
Schon deshalb gibt es kein autonomes Ich. Deshalb hat es seine Randschärfe
verloren. Zudem können wir längst nicht mehr sagen, wo unser
Gehirn endet: möglicherweise sind nicht nur die Werkzeuge Verlängerungen
unserer Arme, sondern die Neurochips werden zu entäußerten
Gehirnteilen. Es gibt eine Musik, die sich mit körperlichen Instrumenten
nicht mehr aufführen läßt. Das Subjekt wird Teil des
Objekts und verdinglicht, das Objekt Teil des Subjekts und wird beseelt.
In der Geologie nennt man die "Matrix" das Material, das ein
anderes, fremdes, in sich einschließt, so der Fels den Kristall.
Die Lust an der gelebten Beziehung wird eine Lust am Ding ("Beziehungskiste"),
übrigens auch eine an der Selbstverdinglichung. Die Dinge ihrerseits
beleben sich. Maschinen werden zu Trägern erotischer Fantasien.
Ballards von Cronenbergs verfilmter Roman "Crash" stellt das
eindringlich dar.
Es gibt kein Entkommen, nur die Internalisierung (= Affirmation)
des Prozesses. Wem das nicht gelingt, wird unbarmherzig ausgeschieden.
Die Ausgeschiedenen füllen nicht nur die Slums der Dritten Welt,
sondern wir können täglich beobachten, wie sie zunehmend unsere
Einkaufszentren flankieren. Psychologisch entspricht das der Identifizierung
mit dem Gegner. Soziokulturell gehört das Phänomen der Schmerzlust
hier hinein. Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper
noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein
der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen
versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte
der Selbstvergewisserung von Körpern. Doch der Globalisierung der
Produktion entspricht die Totalisierung gesellschaftlicher Momente.
Es hat kein halbes Jahr gebraucht, bis der Punk in die Produktionsstrate-gien
integriert war. Piercing ist längst chic. Möglicherweise gibt
die Matrix neue Widerstandskulturen sogar in Auftrag und läßt
sie von J. Walter Thompson designen.
Der Kampf gegen die Fremdbestimmung durch die Natur ist
in der Fremdbe-stimmung durch die Technik angekommen. Insoweit unser
Körper technisch erlebt wird, d. h. von uns getrennt, entspricht
dem Kampf gegen die Fremdbestimmung durch die Natur der Kampf gegen
die Fremdbestimmung durch den zwar eigenen, doch entfremdeten Körper.
Die Matrix, in welcher Körper Technik Geist aufeinander
bezogen und von-einander abhängig sind, ist umfassend. Autarke
Bereiche sind nicht einmal denkbar, auch keine seelisch-autarken. Jede
Äußerung ist sozial, d.h. automatisch auf das Netzwerk aller
anderen Äußerungen bezogen. Nichts mehr existiert "für
sich ge-nommen", insofern m u ß Moral relativ sein. Darum
fällt es heutzutage so leicht, das Grundgesetz zu ändern.
Jeder funktionale, also gerichtete Protest gegen den Allge-meinvollzug
wird zum Teil des Allgemeinvollzuges selbst und hat nur insofern ge-sellsschaftliche,
also matrische Bedeutung, als er sich produktiv vereinnahmen läßt.
Je einfacher er lesbar ist, desto schneller gelingt der Inhalationsprozeß.
Deshalb das Bestehen auf Kommensurabilität.
Wenn sich Spieler der Matrix im Internet FremdProgramme
besorgen, spre-chen sie davon, diese "abzusaugen". Abgesaugt
werden sollen den Künsten und ganz besonders der Literatur das
utopische Potential. Indem die Sprache simplifiziert wird, nimmt man
der Dichtung ihr beunruhigend Ausfälliges. Man saugt das Inkommensu-rable
ab und spuckt den gereinigten Text als Träger definiter Funktionen
in die ästhe-tischen Zellverbände zurück. Besonders definiert
ist die sogenannte Unterhaltung. Unter die Körper, die den Boden
verlieren, muß etwas gehalten werden. Indem Lite-ratur ihres metaphysischen
afunktionalen Momentes verlustig geht, stirbt sie als Kunst und wird
dienstbar wie zu feudalen Zeiten. Wer sich hiergegen wehren will, muß
auf dem Unterschied zwischen Unterhaltungsliteratur und Literatur bestehen.
Eine simplifizierte Literatur - und das ist ökonomisch erfolgreiche
immer -, kann nicht Trägerin von Wahrheitsfunktionen (oder
sagen wir: Wahrheitsentwürfen) sein.
Unser Selbst fließt in Gegenstände, die Ereignisse
sind. Wir untersuchen in den Ereignissen uns selbst, aber wir wissen
nie, welchen Teil. Die Ereignisse wissen es auch nicht.
Eine nicht-simplifizierte Literatur indessen geht ihrer
aufklärerischen und damit jeder anderen Wirkung verlustig, weil
sie nicht (mehr) verstanden wird. Nicht von ungefähr ist die Blütezeit
des Romans die Blütezeit eines Bürgertums gewesen, für
welches Bildung der Garant dafür war, daß die Wirtschaftsentwicklungen
nicht gebremst wurden. Die zahlreichen ArbeiterbildungsVereine brachten
den Arbeitenden auf die Höhe der Produktion. Man mußte begreifen
können, was man tat. Heute kann man das weder begreifen, noch soll
man es. Die eigene Tätigkeit zu begreifen, ist nicht nur unnütz,
sondern kontraproduktiv. Deshalb werden Bildungs- und Ausbildungsniveaus
nivelliert und der bis dato gut funktionierende Mittelstand abgeschafft.
Die Produktion wird mythisch, d.h. sie wird ebenso begriffen,
wie unsere Vorfahren die Naturgewalten begreifen und sich zurechtdeuten
mußten. Entspre-chend haben die Massenkulturen des 20. Jahrhunderts
Künstlermythen produziert, auf ComicGestalten reduzierte Piktogramme,
die sich, konsequent aus dem heroi-schen Geniekult des 19. Jahrhunderts
entwickelt, zunehmend schneller synthetisieren lassen: aus Marilyn Monroe
wurde Madonna. Am vorläufigen Ende dieses regredie-renden Prozesses
stehen Avatare wie Lara Croft. Die erhalten unterdessen von durchaus
realen Personen Liebeserklärungen und sogar Hochzeitsanträge.
Auch für die Emotionen geht der Unterschied von Realität und
Fiktion verloren.
Das ist zu bedauern.
Das ist nicht zu bedauern.
Die Individuen werden ihrerseits - und zwar funktionale,
nicht etwa transzendierende - Texte. Sie müssen binär gelesen
werden können wie Lara Croft. Sonst könnten sie mit ihr nicht
kommunizieren; es gäbe Mißverständnisse. Ein Miß-verständis
aber führt in den kybernetischen Archiven der Meldeämter,
Versiche-rungsunternehmen und Banken, in denen unsere datischen Doppelgänger
ihr nach Bedarf abrufbares, nach Bedarf ruhendes multiples Leben führen,
zu unabsehbaren Katastrophen. Denn Singles sind Singularitäten,
die den chaotischen Übergang eines definierten Systems in ein neues,
vorerst unbestimmbares markieren. Das kann zum Zusammenbruch der Matrix
führen. Deshalb wird in allen Netzwerken auf ka-tastrophische Einzelereignisse
mit höchster Alarmbereitschaft reagiert. Wo Chaos ist, wächst
das Rettende auch.
· Literatur als funktionale, aufklärerische,
"realistische" Kunst ist obsolet, weil die Realität selber
zur LiteraturKunst geworden ist. Die andere, von mir avisierte Literatur
wird, findet sie tatsächlich Aufmerksamkeit, wird durch "Übersetzung"
und Erklärungen zurechtgestutzt. Man saugt ihr die Transzendenz
ab. Dazu dient die Kri-tik. Iris Radisch sagte einmal zu einem meiner
Texte: Sie finde ja den Hebel gar nicht, mit dem sie ihn aufstemmen
könne. Sie meinte das Ansaugrohr. Literatur wird von der Kritik
als einer produzierenden Funktion eines Betriebs, den die Matrix syn-thetisiert
hat, ihres Widerstandspotentials beraubt und "menschlich"
gemacht. Der Ruf nach einer "menschlichen Kunst" erschallt
immer dort, wo von der unmenschlichen Welt abgelenkt werden soll. Das
Menschliche ist in etwa das, was nötig ist, um den unmenschlichen
Produktionszusammenhang - der verschleiert oder sogar gefeiert werden
soll - mit den Gemüthern seiner Zellen zu koppeln, um sie an sich
anzudocken. Das sogenannte Menschliche ist ein Enzym der Matrix und
als solches disponibel
Wir können die Matrix nicht verstehen, weil wir
ein Teil - eine Funktion - und zugleich das Ziel der Matrix sind, nicht
aber die Matrix insgesamt sein können. Diese Differenz macht sich
in uns als Schmerz bemerkbar. Als Angst. Als Verlust.
Wenn sich Schmerz nicht mehr bekämpfen läßt,
kann er als Lust empfunden werden.
Insofern wir selber das Ziel des Produktionsprozesses
sind, kann er sich nicht transzendieren. Es gibt keines mehr, das außerhalb
seiner selbst wäre. Um so etwas dennoch zu erreichen, müssen
wir uns widersprechen. Dichter müssen lügen.
Doch die Kunst, die ich meine, ist von dem Regreß
nicht frei. Genau so, wie sich der sogenannte Primitive die Welt durch
bricolage erklärt, interpretiert Dichtung unsere Geschichte
vermittels Collagen: Sie formt aus dem scheinbar Unverbundenen anschauliche
Sternbilder. Der Freie Wille steht im Haus des Wassermanns und hat seinen
Aszendenten in der Demokratie. Wir sind in einem beliebigen Raum angekommen,
in welchem Beliebigkeit sich aus der Massierung der Bestimmungen herleitet
. Sie ist entstanden aus einer notwendigen Ordnung von Determinanten,
die alles mit allem, die das natürliche Ökosystem mit einem
gleichermaßen künstlichen wie künstlerischen Wirtschaftssystem
zur Matrix verbunden haben. Wo etwas sich befindet, ob es künstlerisches
oder natürliches Produkt sei, läßt sich nur noch in
Bezug auf Hinsichten sagen, und wo wir selbst uns dabei befinden - und
als was - ist Element des Ortes - oder der Zeit - dieses Gegenstandes
selbst. Ich ziehe es vor, statt "Gegenstand" "Entität"
oder "Ereignis" zu sagen.
Wir sind Teile der von uns beobachteten Ereignisse. Die
Ereignisse blicken zurück: sie reflektieren. Und sind also selbst
Subjekte.
Dieser Vortrag ist ein mythischer Roman. Alle Erklärungen,
die über die Matrix hinauswollen und nicht lediglich Funktionen
der Matrix beschreiben, versuchen das Unmögliche. Man kann sie
deshalb gut bestreiten. Man kann sie für pathologisch erklären.
Aber nur sie halten den Widerstand am Leben.
Dieser Vortrag ist einer unter vielen Romanen der Gegenwart.
Indem Sie sei-nen Text verstehen, bediene ich die Matrix. Indem Sie
ihn nicht verstehen, verkapselt mich die Matrix wie einen Fremdkörper
und läßt mich von seinen Lymphozyten verzehren. Oder ich
werde aus der Matrix ausgeschieden und kann meine Miete nicht mehr bezahlen.
Je einfacher einer strukturiert ist, desto primitiver
wird notwendigerweise der mythische Regreß ausfallen. Das in sagen
wir: IchKerne zerfallene Subjekt befindet sich abermals in der Situation
eines Säuglings, allerdings auf höherem Niveau. Mit Arthur
C. Clark zu sprechen, ist er ein "Sternenkind". Das erklärt
das postmoderne Auftreten von religiösen, rassistischen, vandalistischen,
abergläubischen -insgesamt unbegriffenen - Widerstandsformen. In
komplizierteren Charakteren führt die Situa-tion zur vollkommenen
Affirmation, zum gewollten Selbstverlust, zur gewollten Selbstdestruktion
(Piercing/Branding), zur Renaissance volksreligiöser Rituale, zur
Sprachmagie (was Freud Allmacht des Gedankens nannte) wie in Teilen
des Feminismus und des New Age oder zu zunehmend pragmatischen, sogenannten
erwachsenen Formen einer politischen Opposition, die, wenn sie nicht
aus der Matrix herausgefeuert werden will - wie einst die Mitgliedern
der BaaderMeinhof aus dem "System" -, wenigstens insoweit
den Gegner internalisieren muß, als kein Handlungsverpflichteter
umhin kann, Spielregeln und historisch gewachsene Notwendigkeiten der
Produktionsgesellschaft zu akzeptieren. Ein solcher politischer Widerstand
ist deshalb von vornherein in der Immanenz gefangen, er kann die Matrix
nicht ver-lassen. Das darf allein die Kunst; zumindest kann sie es versuchen.
Genau aus die-sem Grund muß sie sich der Desinformation, also
den Geheimdiensten, und dem In-formationsterrorismus verschreiben.
So wird der eigentliche Widerstand in der Ambivalenz
ausgetragen. Eben die-jenigen, die sich auf der Höhe der Matrix
befinden - Hackers, Programmierer etc. -, attackieren sie - und damit
ihr eigenes System - vermittels Informationsterrorismus. Hierher gehört
die Fälschung, hierher gehört der Dateneinbruch, hierher gehören
die kleinen kybernetischen kettenreaktiven Bomben, die eine Synthese
aus Virus und Dämon sind. Nicht von ungefähr werden die Monstren
der Cyberwelt nach Figuren der heidnischen Welten benamst. Hacker und
Dichter sind Komplizen.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich diesen Roman mit einem Forderungskata-log
beschließen, der in etwa umreißt, was ich von einer Dichtung
verlange, die sich weiterhin als eine kritische versteht:
1. Sie sollte fantastisch sein.
2. Sie sollte sinnlich sein, um dem Abstrahieren vom Körper entgegenzuwirken.
3. Sie sollte die unbezweifelbaren Leistungen der Science Fiction, die
zu weiten Teilen - unwillentlich oder nicht - einem realistischen Erzählmodell
verpflichtet ist, radikal poetisieren, - etwa so wie Ishiguro das in
"The Unconsoled" (Die Ungetrösteten) geschafft hat oder
ich selbst das mit "Wolpertinger oder Das Blau" und der Anderswelt-Trilogie
versucht habe und weiterversuche. Das heißt, was "der Welt"
in den meist dem Unterhaltungsgenre zuzurechnenden Texten eben nicht
nur dort geschehen ist, sollte zu literarischer, klingender Sprache
und konstruktiven Strukturen finden. Ein wenn auch eher dem historischen
Roman zuzuzählendes Beispiel hierfür ist in meinen Augen Marianne
Fritzens EpochenEpos "Dessen Sprache du nicht verstehst",
aber auch schon die GustavAniasHornSerie Hans Henny Jahnns. Zu dem,
was ich unter fantastischer Literatur nicht verstehe, vielmehr ist es
verkleidete realis-tische Literatur, gehören viele Arbeiten Asimovs
und Clarks, also solcher, die sich unter dem Schlagwort positivistische
Utopisten befassen lassen.
4. Literatur sollte strukturell einem Prozeß ständiger Bildung
und Auflösung nicht verpflichtet sein (verpflichtet ist sie nicht),
doch ihn zugleich nach- wie vorausformen.
5. Literatur sollte nicht einheitlich sein; weder in der Wahl ihrer
Inhalte noch ih-rer Formen. Sie darf nicht "rein", sondern
muß Mischling sein. Sie sollte keine Be-rührungsangst kennen,
Kitsch Action Spekulation sollten ihr gleich nah liegen und als Spielformen
verwendet werden. Wohlgemerkt: Es gibt einen Kitsch, der "rein"
ist (reinen Herzens etwa); um den gerade geht es nicht. Er will die
Matrix erfüllen. Packt man ihn aber in andere Zusammenhänge,
kann seine emphatische Kraft das Kunstwerk beseelen. Hier interessant
ist der ästhetizistische Kitsch.
6. Literatur sollte auf eine Große Vereinheitlichende Theorie
- für Kunst wäre das eine normierte Ästhetik - verzichten;
es kann nicht darum gehen, genau wie die Matrix alle Elemente notwendig
bzw. zwanghaft ineinander zu verschränken und da-durch Gegensätze
zu befrieden. Die Gegensätze sollen gerade losgelassen werden.
Es geht um Störung.
7. Dichtung sollte nicht stetig sein, sondern die Ambivalenzen klingen
lassen. Es ist wichtig, denke ich, sie zu ertragen, ob sich sich nun
als Welle und Teilchen, ob als Freiheit und Notwendigkeit manifestieren.
Diese Dichtung wird also zugleich auktorial wie nicht-auktorial erzählen
und keine Position methodisch rein halten.
8. Literatur sollte lügen und das Unmögliche an Belsazaars
Wand schmieren. So sprüht Borkenbrod in "Buenos Aires. Anderswelt"
poetischen Graffiti auf die Hochglanzfassaden.
9. Literatur sollte auch in andere Kunstformen hinüberfließen;
ihre Grenzen müssen durchlässig sein; eine solche Dichtung
wird ihre Kriterien weniger aus sich selbst beziehen, als von "außerhalb",
egal ob von Architektur Musik Medizin. Da der Dichter diese Disziplinen
nicht sämtlichst beherrschen kann, muß er basteln. Das Verfließen
ergreift dann nicht nur die Charaktere oder Figuren eines Romanes, sondern
seine Strukturen. Narration kann nicht mehr chronologisch sein. Ein
schönes Beispiel hierfür ist Kjaerstads Behandlung von Abfolgen
in seinem Roman "Der Verführer".
10. Dichtung sollte nicht konzentriert sein, weil Konzentration Vereinzelung
voraussetzt; neue Dichtung sollte vielmehr flirren, um in den informatischen
Reizströmen kurzfristig "Orte" einzunehmen, sie aber
immer wieder zu verlassen. Es darf nicht zu einer end- also letztgültigen
Bestimmung kommen. Orte müssen aber "eingenommen" werden,
um dem Leser Türen zu öffnen und sich nicht hermetisch zu
verschließen
11. Dichtung sollte theoretisch sein, aber Theorie erzählen und
zugleich konterkarieren. Die Grenze zwischen Belletristik und Theorie
muß geöffnet werden, will Literatur nicht das Ghetto für
sensible Verlorene, sondern in die Gegenwart wirkend eingeflochten sein.
12. Literatur sollte prozeßhaft und prinzipiell unabgeschlossen
sein. Die Texte sollten sich fortschreiben und immer weiter fortschreiben
lassen, etwa wie Paulus Böhmers poem in progress "Kaddish"
das verlangt.
13. Literatur sollte sich den technischen Entwicklungen nicht verschließen
und nicht um jeden Preis gegen sie opponieren; sie hat ohnedies im deutschsprachigen
Raum den Kontakt zu den eigentlich wirkmächtigen Prozessoren dieses
Jahrhunderts, etwa der Physik, fast verloren. Im Gegenteil sollte Technologie
mit poetischen Höfen aufgeladen werden.
14. Es gab eine historische Situation, welche es erforderte, die Dichtung
"Text" zu nennen, um sie aus unguten Bedeutungshöfen
zu lösen, um sie freizumachen. Mittlerweile, da überall der
Nutzen eingeklagt wird (auch "Unterhaltung" ist Nutzen, und
zwar ein ganz besonders industrieller), tut die Literatur gut daran,
sich auf Nutzlosigkeit und darauf zu besinnen, wie Dichtung mit Tragödien,
die sie erst schuf, umgegangen ist: Es waren Gesänge, die Lust
bereiteten. Solche Lust ist pervers. Der Perversität von Literatur
entspricht ihr Manierismus.
15. Literatur sollte nicht klagen, sonst bezieht sie wieder eine fixierte
Position. Vielmehr sollte sie sich auf eulenspiegelnde Weise affirmativ
gerieren, also sich scheinbar aus der Matrix speisen. Lustvolle List
ist das poetische Gebot der belletris-tischen Stunde.