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Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,
daß ich ein Gegner militärischer Aktionen zur
Konfliktlösung bin, wird einigen von Ihnen aus meinen publizierten
Einlassungen zu dem, was ich den Komplex des 11. Septembers nenne, möglicherweise
nicht unbekannt sein. Ich halte konventionelle Kriege weder für ein
zivilisatorisch opportunes Mittel, noch überhaupt für geeignet,
welche Gewaltdrohung auch immer von unseren Gesellschaften fernzuhalten.
Das heißt nicht, daß ich nicht die Notwendigkeit von Gewaltmaßnahmen
bisweilen begriffe, aber sie müssen nach rechtsstaatlichen Normen
geregelt und von allgemein ak-zeptierten Instanzen, nämlich einer
Exekutive, die nicht selber Partei ist, in Gang ge-setzt und von einer
ebensolchen Jurisprudenz, bzw. Legislative kontrolliert werden. Im Falle
der Völkergemeinschaft kann dies nur über einen internationalen
Gerichts-hof, eine internationale Staatenanwaltschaft und eine internationale
Polizei gesche-hen, die sicherlich armeeähnlich wäre - etwa
wie die sogenannten NATO-Schutztruppen es sind -, aber eben nicht der
Befehlshoheit einer einzigen Nation oder eines Waffenbündnisses untersteht.
Jeder gegenwärtig anders begründete Militärein-satz ist
und bleibt illegitim und hat als Selbstjustiz zu gelten. Die einzige Ausnahme
hiervon wäre ein Notwehr-Tatbestand, der aber von vornherein präventive
Maßnah-men ausschließt: Notwehr kann nicht geplant werden,
sondern vollzieht sich, darin dem Totschlag ähnlich, spontan.
Es ist mir wichtig, daß Sie diese meine realpolitische Haltung kennen,
damit Sie die Differenz verstehen können, die mich den Krieg literarisch
sehr wohl für opportun, ja sogar für notwendig halten läßt.
Ein Dichter, der sich real auf die Seite des Pazi-fismus schlägt,
ästhetisch aber auf die der Gewalt, befindet sich durchaus nicht
in einem Widerspruch. Wobei Pazifismus von Antimilitarismus, der mich
geprägt hat, unterschieden werden sollte. Der Militarismus hebt die
Eigenverantwortlichkeit des kämpfenden Subjekts auf. Da er deshalb
den Erkenntnis- und Grenzerfahrungsbewe-gungen, die mich interessieren,
wenig dienlich ist, kann er mich literarisch erst dort beschäftigen,
wo ein Einzelner oder wo eine Gruppe von sagen wir Soldaten auf sich selbst
zurückgeworfen und wo der militärische Apparat ignoriert wird
- meist mit den tragischen Folgen standrechtlicher Erschießung oder
sonstigen Untergangs. Vom Prinzen von Homburg bis zu Wickis Brücke
reichen hier die Belege. Das heißt, lite-rarisch wird der militaristische
Text (oder Film; ich scheide nicht gern zwischen den Künsten) erst
dort zur Dichtung, wo seine eigenen Prämissen in Konflikt miteinander
geraten und wo das Geschehen intensiv wird, - um Mathieu Carrière
zu zitieren, auf dessen vor 21 Jahren erschienenen großartigen Essay
"für eine Literatur des krieges, kleist" ich damit unbedingt
hinweisen will. Carrière spricht von dem "Übergang von
rationaler zu intensiver", nämlich, so ich, literarischer oder
wenn Sie so wollen: ver-dichteter Zeit. Und wenn das Verdikt "natura
non fecit saltus" denn falsch ist - wie Carrière meint und
was sowohl jedermanns Erfahrung als auch die ganze Neue Phy-sik seit Heisenberg
und Planck belegen -, dann ist die intensive literarische Zeit nicht etwa
bloß ästhetisches Modell, sondern Abbildung oder sogar eine
Ausprägung der Realität selbst; d.h. die sogenannte realistische
- ich nenne sie hier der Klarheit hal-ber "stetige" - Literatur
ist unrealistisch und in allerhöchstem Maß aus jeweilig herr-schenden
Konventionen gespeist. In meinem Aufsatz "Das Flirren im Sprachraum",
der letztes Jahr im Schreibheft Nr. 56 erschien, habe ich dieses Faktum
bereits be-leuchtet, wenn ich dort auch von ganz anderer Seite herkam.
Mein literarisches Verständnis ist insofern kein aufklärerisches,
schon gar nicht pragmatisches, sondern eines von Intensitäten. Es
eignet sich nicht für Tagespolitik, und seine Ergebnisse dürfen
insgesamt nicht politisch normiert werden, denn letzt-lich sind sie in
ihrem Kern katastrophal. Eine Katastrophe ist alles, was zur Erhaltung
des Lebens notwendige Strukturen auflöst, was sie ihres Illusions-,
also Konventi-onscharakters überführt und damit untauglich macht.
Jede Liebe ist eine solche Ka-tastrophe. Sexuallust ist eine Katastrophe.
Der Orgasmus gar bedeutet ein kurzfristi-ges Zusammenbrechen derjenigen
Grenzen, die es einem ansonsten erlauben, seine Miete zu zahlen und definierten
Tätigkeiten nachzugehen. Insofern aufklärerische Literaturen
aus moralischen Gründen versuchen, solche Intensitäten kommunikabel
zu machen, also sie zu konventionalisieren - sagen wir: ihre Energien
auf Moralmaß zu moderieren -, sind sie coupiert und coupieren. Letztlich
verdecken sie Konflikte. Ihre vorgebliche Moral schützt Handlungsanweisungen
oder doch -empfehlungen vor, die wie Platten über Massengräber
aus Fragezeichen gewuchtet werden. Intensi-ve Literatur hingegen - ich
habe eine Neigung, sie die "fantastische" zu nennen, aber Carrières
Vorschlag, von einer "kriegerischen" zu sprechen, ist mindestens
ebenso stichhaltig - legt auf Fixierungen, Normgrenzen, Individuation
überhaupt keinen Wert; eher im Gegenteil. Die tiefsten literarischen
Momente sind allenthalben dieje-nigen gewesen, in denen sich auf Küsse
Bisse reimten. Daraus saugten die großen Texte ihren Lesern Lust.
Der intensive Erlebnis, dem solche Dichtung hinterherjagt, ohne es selbstverständlich
je packen zu können oder das auch nur zu dürfen - denn Sprache
unterliegt ja einem funktionalen Weisungssystem, und zwar in den letzten
Jahren zunehmend, da man doch immer mehr die eineindeutige Bedeutung eines
Wortes im Auge hat und nicht so sehr den semantischen Hof; Bedeutung von
etwas hat feste Grundstücksmauern bekommen, und auf diese Mauern
wurden zur Abschreckung die Scherben der Öko-nomie gesteckt - , also
dieser intensive Moment stellt sich eher in außergewöhnlichen
Situationen, wie sie eben auch den Krieg kennzeichnen, als im popbürgerlichen
All-tag her. Intensive Situationen im Kaufhaus sind ausgesprochen selten,
wenn sie denn überhaupt vorkommen. Selbstverständlich kann jemand
bei Aldi seiner großen Liebe begegnen, aber an die Grenzen seines
physischen und moralischen Fassungsvermö-gens werden er und die Geliebte
dort sicher nicht gelangen: Höchst unwahrschein-lich, daß die
beiden, die einander so plötzlich "erkannten", vorm Warenband
über-einander herfallen, geschweige sich gegenseitig auffressen werden.
Das allzu banale Setting erlaubte ihnen so etwas nicht einmal dann, wenn
beide dieselbe Sehnsucht nach solcher Entgrenzung hätten. Rein "realistisch"
betrachtet, würde das Paar an-dernfalls ziemlich schnell polizistisch
behandelt werden. Es liegt auf der Hand, daß das in Kriegssituationen
anders ist; man ist auf den Ausnahmefall sozusagen einge-stellt, wird
ihn schon deshalb nicht wegdrängen können. Grenzsituationen
haben immer etwas mit Lust zu tun und mit Schmerz, sie binden beide Empfindungen
eng aneinander und entziehen sich der moralischen Kontrolle, übrigens
und gerade auch der Kontrolle des eigenen Über-Ichs. Insofern sind
sie sowohl höchst unsozial als auch entindividuierend. Und sind schon
gar nicht demokratisch. Eine Literatur, der es darauf ankommt, die momenthaften
Singularitäten intensiven Lebens zu gestalten, kann deshalb ebenfalls
nicht sozial sein, - sie muß "schlecht" sein oder, wie
man das zu Zeiten romantizistischer Expressionen nannte, "dunkel".
Sie muß, mit einem an-deren Wort, grausam sein. Genau so grausam
und unbedingt wie die Liebe und wie der Verlust, wie Haß und Begehren.
Im Umkehrschluß ist die "gute", bzw. morali-sche Literatur
nichts anderes als intentiös. Das nimmt ihr alle Wahrhaftigkeit;
sie bleibt der InteressenKoheränz verhaftet und ist allein aus ihrem
gesellschaftlichen Kontext begründet. Insofern sie keine Transzendenz
kennt, wird sie nie existentiell werden können, sondern konventionell
bleiben, d.h. Partei. Moralische, also unkrie-gerische Literatur ist insofern
ausgesprochen relativ, ihre Werte entstammen Kultur-Kontexten, nicht etwa
lust- oder schmerzbesetzter Erfahrung und schon gar nicht Überwältigungen.
Dichtung hingegen legt den Finger auf die Differenz, die immer etwas von
einem Schmerz hat, der in Lust pervertiert wird. Da diese Bewegung eine
einzigartige menschliche Fähigkeit beschreibt, ist die grausame Literatur
letztendlich enorm humanistisch. Deshalb kommt es ihr auch gar nicht so
darauf an, auf wessen Seite sie kämpft, ob sie islamistisch oder
libertär, ob demokratisch oder feudalistisch gesonnen ist; ihre Gesinntheit
spielt keine Rolle, weil sich Tragödien und hedonisti-sche Erhebungen
ganz jenseits von Gut und Böse abspielen; regulative Prinzipien (und
Ästhetiken) sind ihr spinnefeind. Diejenigen Momente, denen es der
intensiven Literatur ankommt, können sowohl in Lager und an Front
Osama bin Ladens als auch George Bushs, ja sogar Gerhard Schröders
geschehen. Und der Leser, der das erlebt, wird gleichermaßen ge-
und betroffen sein und gleiches Leid empfinden, glei-che Lust. Ganz sicher
haben die Selbstmordattentäter der Al Quaida erhebende, ka-thartische
Momente der Entgrenzung erlebt, ganz sicher einige New Yorker Feuer-wehrleute
aber auch und Überlebende aus den Twin Towers und manche Kämpfer
in Afghanistan, egal auf wessen Seiten sie stritten und streiten. Das
ist es, was den Krieg für Literatur so bedeutsam macht.
Es gibt drei Thesen, die ich hier aufstellen und - allerdings nicht chronologisch
- be-legen will:
1) Kriegerische Literatur ist antimoralisch, sie unter ethischen Gesichtspunkten
zu betrachten, verfehlt ihren Kern. Moralisch zu sein, bedeutet immer,
Partei zu neh-men. Es gibt aber in der kriegerischen Literatur keine Partei
mit Rechten, sondern es gibt sie nur als Phänomene, leidend, wollüstig,
zergrübelt, glücklich; nämlich egal ob CIA, ob Al Quaida.
2) Durch kriegerische Literaturen stellen sich Intensitäten her,
nicht etwa versuchen sie, über mehr oder minder pragmatische Fragestellungen
Aussagen zu finden, ge-schweige Handlungsmodelle nahezulegen. Nicht wie
gelebt werden soll sondern wie Leben ist bewegt sie. Kriegerische Literaturen
müssen deshalb per definitionem un-kritisch sein. Sie sind emphatisch,
mitunter auflösend. Entsprechend kennen sie kei-nen stetigen Zeitfluß;
im Gegenteil, sie "springen", sind darin Science-Fiction-Vorstellungen
nah, heben also auch Kausalitäten aus den Angeln des Alltagslebens.
3) Kriegerische Literaturen lösen in ihren besten Momenten ein, was
als Spontanei-tät, die einmal Unmittelbarkeit, ja direkte Verbundenheit
mit Welt und Schicksal ge-wesen ist, bereits begrifflich zugrundeging
und was sich in der Verhämung des Beg-riffs zum "Sponti"
auch noch feierte. Indem die Trennung zwischen Ich und Objekt fällt,
bezieht das Ich viele Objektanteile gleichsam ontologisch, also eben unmittel-bar,
die es sich sonst würde - wenn überhaupt - nur mühsam im
Konkurrenzkampf erstreiten können.
Es ist vielleicht unter anderem dieses, was Leser und Betrachter
dazu bringt, Bücher und Filme kriegerischen Inhalts zu rezipieren,
- egal, ob pro Krieg oder anti Krieg, und völlig wurscht, wer in
einer bewaffneten Auseinandersetzung recht hat oder nicht. Es ist die
Grenzsituation selbst - der Anteil, den sie an Weltbefindlichkeiten und
vor allem an dem Anderen in uns hat, nach der Menschen sich sehnen: In
Grenz-situationen, die immer intensive Momente beschreiben, werden urplötzlich
Potentiale aktiviert, von denen der Rezipient nichts wußte, sehr
wohl aber einiges ahnte und vor denen er sich sicher auch fürchtete.
Nun gibt er sich ihnen hin. Jede Tragödie funkti-oniert so. Kunst
erlaubt es, sich Entgrenzungen auszusetzen, ohne doch tatsächlich
Familie, Freunde oder die eigene Gesundheit zu riskieren. Mehr noch: Indem
zum Beispiel Literatur Grausamkeiten inszeniert, werden Fantasien, die
möglicherweise sonst zum Ausbruch kämen, in pervertierender
Lust gebunden. Es ist aber auch die Gefahr groß, daß ganz
zu Recht verdrängte Aggressionsimpulse nun erst freigesetzt werden,
weshalb an Maßnahmen der Zensur immer auch etwas gewesen ist. Kein
wirklich guter Text kommt um die Ambivalenz jeder Dichtung herum, was
bedeutet, um die Ambivalenz intensiven Lebens. Das genau meint ja, einen
nicht-moralischen Text zu schreiben: Genauso wenig, wie es außerhalb
von Gesellschaftsverträgen Recht gibt, gibt es eine natürliche
Moral. Die intensiven Momente widerstreben demzufolge der Ethik. In ihnen
herrscht eine existentielle Unbedingtheit, der eine Gesellschaft sich
lediglich dadurch erwehren kann, daß "die Bürger"
in möglichst früh internalisierte Normen und Gesetze gesperrt
werden - wozu Trivialliteraturen und Pop gute Instrumente sind. Am Beispiel
des im Kitsch säkularisierten Wiederer-kennens werde ich weiter unten
zeigen, wie einfach das funktioniert, aber auch wie ambivalent selbst
das noch ist. Denn das Bedürfnis nach Entgrenzung schwelt immer weiter.
In kriegerischen Situationen verschafft es sich explodierend Luft, im
Alltag kehrt es in Neurosenform wieder und nährt sadomasochistisches
Sozialverhalten. In Extremfällen finden Erscheinungen wie Piercing,
Mutilations, schließlich sogar Auschwitz hier eine ihrer Erklärungen.
Oder aber die verdrängten Süchte nach Inten-sität werden
kathartisch befriedigt (also: ausgelebt), das heißt in und durch
Kunst.
Die Süchte sind stark. Kaum jemand, der sich nicht durch den Spielfilm
von Spiel-berg bis Godard solche Momenten herbeibeschwört. Aber kaum
ein Spielfilm, der den Rezipienten nicht zugleich um eben das Erlebnis
betröge: Jedes regulierende Happy End ist eine solche Mißachtung.
"Erlösend" - wenn ich den religiösen Termi-nus hier
einmal verwenden darf - wirkt nur der Sozial- und Konventionsbruch und
nicht etwa, daß sich Cher und Nicholas Cage am Ende verheiraten
werden. Sondern für Entgrenzung steht die hinwegschwemmende Kraft
des Tristans, steht das heißblü-tige kalte Mitleiden mit Leverkühn,
steht sogar Winnetous Tod. Dem dient der krie-gerische Text.
Es ist mir überaus wichtig, hier klarzustellen, daß die von
mir gemeinte Intensität, insofern sie unbedingt, unmoralisch und
letztlich für das Individuum zerstörerisch ist, etwas Faschistoides
hat, aber nur dann, wenn man sie für die Allgemeinheit in die Politik
holt. Politik und Kunst sind aus Gründen des Überlebens notwendig
vonein-ander zu trennen: In dieser gibt es keinen Kompromiß, - eine
für realpolitische Ver-handlungen grauenvolle Direktive. In den Künsten
jedoch geht es ohne Grauen nicht ab, eben das Grauen verschafft den Genuß.
Was wiederum nicht heißt, es ließen sich nicht tatsächlich
in Kriegssituationen solche intensiven Momente erleben. Das lassen sie
sich zweifelsfrei. Aber der Soldat setzt sich nicht solchen ihn existentiell
bedro-henden Situationen freiwillig aus; er wird einfach "geschickt"
und darf gar nicht au-tonom entscheiden, wie das etwa Hemingway tat, als
er in den spanischen Bürger-krieg zog. Sich freiwillig einem bewaffneten
Kampf anzuschließen, ist etwas mögli-cherweise anderes. Nur
daß man sich für den Kriegsfall auch hierüber nicht täuschen
sollte: Militärische Interventionen werden heutzutage ja kaum noch
als Kämpfe von Mensch zu Mensch, nicht einmal mehr von Front zu Front
ausgetragen. Und auch das war schon seit langem bloß noch unpersönlich,
nämlich Material. Diese Erfah-rung hat Ernst Jünger gemacht,
der voller Junkermentalität in den Ersten Weltkrieg zog und sehr
schnell lernen mußte, daß da von Edelmut und ritterlicher
Haltung nicht so viel war. Er hat genau davon ein lebenslanges Trauma
beibehalten, das noch und noch von ihm literarisch bearbeitet wurde. Ob
geglückt oder nicht, darüber kann man streiten. Doch ist eine
der wichtigsten Techniken literarischer Bearbeitung die ihm so oft zum
Vorwurf gemachte Ästhetisierung. Das gilt ganz besonders für
den intensi-ven Moment. Der entzieht sich ja realistischer Beschreibung,
schon weil er viel zu kurz ist (Benjamin: zu aufschießend - und
schon weg), weil vielleicht das Wechsel-spiel, aus dessen Schwingungen
er entsteht, nicht chronologisch sein kann (Wech-selwirkungen heben, strenggenommen,
die kausalen Abfolgen auf). Es ist insofern kompletter Blödsinn,
einem Autor Ästhetisierung von Grauen vorzuhalten: Kunst kennt gar
keinen anderen Verarbeitungsmodus. Rationalisierungen sind, insofern sie
die Phänomene niemals erfassen (schon weil sie trennen), Verdrängungsbewegun-gen.
Sie bleiben - als der Bearbeitungsmodus der "realistischen"
Literaturen - im-mer äußerlich. Rationalisierende sind verdeckende
Verfahren, also stützend illusio-när. Ästhetisierung hingegen
entblößt und verursacht so Schrecken oder kathartische Lust.
Nichts anderes wirkt auch nur ähnlich existentiell auf Hörer,
Leser oder Bet-rachter. Ästhetisierung ist die künstlerische
Entsprechung der perversen, einzigartig humanen Bewegung, Leid in Lust
uminterpretieren und es als solche dann fühlen zu lassen. Der Lustschmerz
ist ein Bearbeitungsmodus. "Es ist niemals ein Dokument der Kultur,
ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein", heißt es mehr
als hell-sichtig bei Benjamin. Die perversen Beziehungs- und Abhängigkeitskapitel
zwischen dem Faschisten Weißmann, genannt Blicero, und dem Knaben
Gottfried, der von ihm geopfert wird, sind in Thomas Pynchons "Die
Enden der Parabel" tatsächlich die allerinnigste Liebesgeschichte.
Kaum ein Text, der kriegerischer, ja mörderischer wäre; es ist
ein sehr nachkriegsdeutscher Irrtum, den Roman ironisch zu lesen oder
auch nur, wie der Titel es vorgibt, als "Parabel". Denn dieser
Liebe ist es genau so ernst wie Kleists Penthesilea oder mir das Säuglingsmorden
in "Thetis", meinem ers-ten Anderswelt-Buch.
Meine Damen und Herren, Literatur entscheidet sich
früh, auf wessen Seite sie steht; ihre vermeintlich gesellschaftliche
Aufgabe - ohnedies leicht degoutant bei den Um-satzzahlen, die gemeinhin
erreicht werden - steht in jedem Fall konfliktuös zu ihrem entgrenzenden
Kunst-Moment. Das spüren selbst einfache Autoren und sowieso alle,
die der Trivialliteratur zugerechnet werden müssen: Und binden drum
den Kunst-Moment in den Kitsch. Das Genre hat einen der stärksten
kathartischen Momente gleichsam säkularisiert: den des Wiederkennens.
Eine transzendierende Bewegung ist aber immer noch da; und indem die sogenannte
Ernste Literatur das Moment der Intensität aufgab und rationalisierte
Formen der Geschichts- und Konfliktbewälti-gung favorisierte, wie
das besonders im traumatisierten Nach-Hitler-Deutschland der Fall war,
verlor sie - wirkungsgeschichtlich ganz zu Recht - ihre Leser und rückte
an den Rand der Weltliteratur. Bis auf ganz wenige Ausnahmen spielt sie
heutzutage im Konzert der Nationaldichtungen allenfalls Triangel, und
zwar auf studienrätigste Weise ganz vorn auf dem ersten Achtel der
Stuhlfläche hockend. Insofern hat die Besinnung auf die "Erzählung",
die sich bei den ganz-jungen Autoren unter dem al-lerdings fehlerhaften
Stichwort "US-amerikanische Literatur" ergeben hat, ihre völli-ge
Berechtigung, nur daß nun oft Niveau und Bildung auf dem Feld bleiben.
Den-noch hat der sogenannte einfache Leser recht: Besser Intensität
ohne Niveau, als gar keine. Dies, so glaube ich, muß die deutsche
Literatur, wenn sie Kunst bleiben will, begreifen.
Das von den Jungen und den Trivialschriftstellern betriebene, von mir
so genannte säkularisierte Wiedererkennen bezieht sich auf eine der
Hauptwirkungsweisen des Kitsches: Man hat Strukturen bereits einmal vernommen
und will sie, wie ein Kind, das spielt oder sich vorlesen läßt,
immer wieder vernehmen. Es ist bloß öde, aber nicht schwierig,
diese Bedürfnisse zu erfüllen. Man wird gut bezahlt dafür,
der Reg-ression, bzw. dem psychischen status quo zuzuarbeiten. Jeder Roman,
der einiger-maßen süffig kleine Angestellte beschreibt, ohne
sie dabei zu desavouieren, wird des Erfolges sicher sein: Alle werden
sie, sich wiedererkennend, nicken und sagen: "Jaja, so ist es."
Die Lüsteleien und Leiden der Arbeiterklasse, des mittleren Bürgertums,
der Aufsteigerpersönlichkeitchen und die Liebe zu den Zimmerspringbrunnen
spie-geln tatsächlich einen Reflex der alten Intensität, nur
verschoben auf die pragmati-schen, rationalisierten und für den Markt
nach Häppchen zubereiteten Alltagserfah-rungen. Deren Wiedererkennen
entspricht Platos Schatten an der Höhlenwand; Wie-dererkennen bleibt
es aber letztlich doch, wenn auch affirmativ verbogen und kom-promißlerisch.
Adorno sprach vom Bodensatz der schlechten Musik in jeder guten. Und er
hatte recht. Ohne Trivialität keine hohe Literatur.
Es wäre aber zu einfach, bei diesem Satz stehenzubleiben, denn trivial
meint immer nur die Darstellungsform, niemals das Phänomen an sich.
Ein Glas Wasser kann so wenig trivial sein wie ein Sonnenaufgang, schon
gar nicht in der Konkretion. Und das intensive Moment des Kriegstextes
behauptet nun, es gebe ein konkretes überin-dividuelles Wiedererkennen,
Anagnorisis, - typisch dramatisches, karthatisches Ele-ment der griechischen,
ich will einmal sagen: fatalen Tragödie. Die Situation ist kon-kret
und zugleich Urform, "trivial", aber zu schrecklich, zu kriegerisch,
als daß sie ohne Verdrängung oder Pervertierung (Verarbeitung)
ausgehalten werden könnte. Ich erkenne in der plötzlich Geliebten
so sehr die reale Person wie zugleich jede Be-wegung von Liebe und Begehren
durch sie hindurch; gleichsam ist sie mit allen auf-gefüllt, dem
muß man verfallen - zu einer solchen Erscheinung, einem solchen
Pro-zeß kann sich niemand mehr wie eine autonome Persönlichkeit
verhalten. Liebe auf den ersten Blick. Ich ist verloren. Die bürgerlich-ratonalisierende
Verdrängungsbe-wegung bricht in der Intensität in die Knie.
Was daraufhin geschieht, entzieht sich der moralischen Wertung und katapultiert
Liebende und Leser aus jedem Zivilisati-onszusammenhang hinaus: Wir können
uns genauso auffressen wie ablecken, wir können uns schlagen, können
einander psychisch verwunden, uns hassen, aber wir sind, sozusagen durch
die Zeiten - durch Zeit- und Raumlappen - hindurch und jen-seits unserer
psychisch-physischen Chronologien, ekstatisch aneinander gebunden. Genau
das meint Intensität. Solche Bindungen - Verhältnisse, die oft
Verhängnissen gleichen, weil sie der Weiterführung eines "normalen"
Lebens widerstreben - können sich zu anderen Menschen, aber auch
zu Ideen herstellen, zu Schrekers "Fernem Klang" etwa oder zu
einem bestimmten Geruch. Monate, ja Jahre können sich in die-sem
intensiven Impuls zusammenziehen, können implodieren oder auseinanderflie-gen,
fast immer ist Blut dabei im Spiel, - schon weil sich das "normale"
Leben wehrt und weil die übrigen Sozial- und Liebespartner sich nicht
so ohne weiteres zu Neben-rollen, die sie aber geworden sind, degradieren
lassen wollen. Der intensive Augen-blick fällt über die beruhigten
Beziehungen herein wie eine Harpyie. Er will das Eoe! der orphischen Mysterien,
will den Liebstod, weil nach der Intensität das notwendige Abflauen
wie ein jahrelanges entseeltes, entseelendes Sterben wäre. Intensität
ver-neint den Alltag. Schon deshalb ist sie jedem moralischen System spinnefeind
und dieses ihm: Die Häufung intensiver Momente kann Gesellschaften
ebenso zerschla-gen wie Einzelfamilien. Die kulturindustrielle Säkularisierung
des intensiven Mo-ments in den Kitsch ist insofern ein Gebot emanzipativer,
demokratischer Gesell-schaften: Deren Funktionieren bedarf grundsätzlich
des Mittelmaßes. Die demokrati-sche Gesellschaft muß, wenn
sie leben will, die am wenigsten künstlerische aller denkbaren Zivilisationsformen
sein. Erst der Krieg infiltriert sie wieder mit Kunst. Deshalb ist das
mythisch-dramatische Wiedererkennen eine Ausnahme, das säkulari-sierte
Wiedererkennen hingegen die kulturbetrieblich zugerichtete, sozusagen
gegen-pervers funktionabel gemachte Regel. Dem guten Gefühl, "richtig
gelegen zu ha-ben", entspricht in der Intensität das überwältigende
Bewußtsein, Träger eines unper-sönlichen Prinzips geworden
zu sein, das sich, wie ein Symbiont, unseren Körper ausgesucht hat,
- ein mächtiges Es, dessen ich mir aber sehr wohl bewußt bin;
des-halb das Gefühl der Überwältigung, die in Literatur
zur Form finden will und muß, es sei denn, es würde wiederum
verdrängt. Genau darum kann es der intensiven Lite-ratur aber nicht
gehen. Sie stellt sich höchst bewußt der Unausweichlichkeit,
die je-dem intensiven Moment eigen ist.
Das poetologisch Interessante an alledem ist, daß solchen intensiven
Momenten nicht nur die Protagonisten eines Textes ausgesetzt sind, sondern
von allem Anfang an ha-ben sie sich im Produktionsprozeß verborgen.
Zumindest im ersten Entwurf ist der Autor nicht - und darf es gar nicht
sein - "Herr" der literarischen Dynamiken, wes-halb sich auch
grundsätzlich eine ironische Haltung, die Autonomie voraussetzen
würde, verbietet. Wie in der psychoanalytischen Arbeit wird versucht,
Weggedräng-tes wieder hervorzuhebeln, es freizulegen, und so etwas
ist durchaus schmerzhaft, jedenfalls die Gewaltsamkeit der Motive - sagen
wir, der affektiven Fantasien - oft bedrückend. Um sie deshalb nicht
wieder wegzuglätten, muß eine Lustform gefun-den werden, durch
welche erst Kunst wird, sei es vermittels sprachlicher Gestaltung, sei
es vermittels der "Geschichte", sei es durch Bildmetaphoriken:
Elektra wird E-lektra bleiben und ihre Mutter morden wollen, Punkt. Jenseits
aller strafrechtlichen oder zivilmoralischen Bedenken wird ihr Leid, das
zu dem brutalen Racheakt treibt, übertragbar gemacht und ein tiefes
Verständnis von Protagonistin und Leser herge-stellt, das nur deshalb
so funktionieren kann, weil in jedem Leser selbst Elektra schlummert:
Die Erweckungsarbeit hat die dichterische Form geleistet. So etwas hat
bislang noch jeden Staat gegenüber der Kunst mit Mißtrauen
erfüllt. Zumal die "Ver-führung" nicht eigentlich
schwierig ist, schließlich warten die Elektras in uns. Die Klytemnästras
warten allerdings auch, man kann jede Elektra mit verdrehten Vorzei-chen
schreiben, so daß die Tragik der Mutter, vom eigenen Sohn ermordet
zu wer-den, aufs verwundbarste zu Tage tritt. Wer zur Projektionsfläche
seines Leides wird, ist dem Leser egal, also auch, mit wem er sympathisiert.
Es wäre politisch derzeit äußerst unkorreckt und wohl
auch nicht realisierbar, das Attentat des 11. Septembers emphatisch aus
Tätersicht zu verfilmen; aber es würde genau so gut funktionieren,
wie den Rachefeldzug eines durch Terroristen um die Familie gebrachten
Vaters in Szene zu setzen. Es wäre ganz ebenso "künstlerisch
wertvoll". Der Rezipient, den wir für Literatur den Leser nennen,
will das große, ihn selbst überhöhende Gefühl; mehr
noch: er fordert es ein. Damit Sie mich richtig verstehen: Er fordert
zu Recht. Er will sein Existenzrecht, in einen tragödischen, überindividuellen
Kontext einge-bunden zu sein, befriedigt wissen. Wenn die Dichtung das
nicht leistet, wird es die Trivialliteratur tun, aber anders als jene
den Kontext auf ökonomische Interessen zu-richten. Ganz so, wie aus
der Katastrophe des 11. Septembers mit "Collateral Dama-ge"
dem sogenannten Krieg gegen den Terror ein hier sogar privates, tragödisches
Recht zugespielt wird.
In der deutschen Nachkriegsliteratur ist die Ironie zum heiliggesprochenen
Popanz geworden, aber nicht die schellingsche, gebrochene, die den Ausgleich
von Differen-zen, oder die benjaminsche gar, die Nähe meinte, sondern
eine Ironie der Trennun-gen, die ihren Gegenstand gerade nicht umfaßt,
sondern ihn von sich wegrückt und dadurch habhaftbar zu machen glaubt.
Ironie entwickelte sich als Ausdrucksform der Gegenwartsliteratur mit
dem sich autonomisierenden Bürgertum; unterdessen hat sie germanistischen
Fetischstatus erlangt. Sie setzte und setzt ein Subjekt voraus, daß
sich listig einer anderen Meinung über einen Gegenstand hingeben
kann, als sie äu-ßert; ja die Erniedrigung des Gegenstandes
findet gerade in seiner scheinbaren Af-firmation statt. Damit ein ironisches
Vorgehen funktioniert, muß sein Gegenstand kleiner als das Subjekt
sein, im Zweifelsfall wird der Gegenstand kleiner gemacht, etwa indem
man ihn - oder eines seiner Teile - der Lächerlichkeit preisgibt.
Politisch gesehen ist dieses Verfahren emanzipativ; kaum ein Diktator
wird mit ironischer Kri-tik umzugehen wissen, oftmals erkennt er sie ja
nicht einmal; poetisch aber kann es zur Uneigentlichkeit von allem und
jedem führen und eben dazu, daß direkte Luster-füllung
unmöglich wird, denn das Ironische hat die Neigung, wesenhaft zu
werden; es gibt für den Ironiker (und die Ironikerin) keine tabuisierten
Zonen mehr, weil die Idee des Tabus an sich derjenigen der Ironie zuwidersteht.
Eigentlich ist immer etwas anderes gemeint, alles uneigentlich, das Verhältnis
von Subjekt und Objekt ein un-klares, doch in jedem Falle hierarchisches,
funktionales, in welchem des Objekt vom Subjekt andauernd interpretativ
zurechtgestutzt, also coupiert, und innerhalb kom-munikativer Intersubjektivitätskontexte
möglichst restlos entmachtet wird. Da nun der intensive Moment seinerseits
das Subjekt dekonstruiert, liegt auf der Hand, daß sich weder der
kriegerische Text noch Intensität an sich ironisch betrachten lassen.
Schon deshalb liegt der kriegerische Text dem "aufgeklärten"
Kritiker, der seinem Brotberuf nachschreiben möchte, so furchtbar
schwer im Magen: Ekstase ist dem Ironiker fremd. Er kann spotten, so viel
er will - zu Recht spotten übrigens -, an das, was der Ekstatiker
fühlt sieht schmeckt, reicht er nicht. Genau deshalb können
übri-gens Antiwagnerianer noch so viele gute Gründe aufbieten,
Wagnerianern werden sie nicht vernehmen. Die politische Diskussion hat,
so sehr wichtig sie immer auch ist, bei der Betrachtung intensiver Momente
nichts verloren, bereits ihr ganzes Vokabu-lar setzt sich aus Fremdwörtern
zusammen, aber aus solchen einer Sprache, die, sa-gen wir, kein Wort für
ERSCHÜTTERUNG kennt. Noch weiter spekuliert, können die objektiven
(ironischen) Einwände vollkommen gesichert und logisch sein, ohne
doch das intensive Moment, das zugegebenermaßen bisweilen auf Illusionen
beruht, auch nur im entferntesten auseinanderzublasen. Es kann etwas sein,
selbst wenn seine Gründe nichts sind. Dieser Satz ist möglicherweise
eine der Grundlagen für litera-risch-künstlerische Bewegungen:
Wer bei den Wunderhorn-Liedern nicht weinen kann, weil er sich ihrem Pathos
nicht überantworten will, dem ist nicht zu helfen. Auch dann nicht,
wenn er eine Berührung aus berechtigtem (politischem) Mißtrauen
nicht zuläßt und weil er an Literatur kritische Ansprüche
stellt, sie also für analytisch hält. In ihren Höhen hat
Dichtung die Kraft, ihre eigene Semantik zu durchdringen und Musik zu
werden, und sämtliche Trennungen fallen zusammen. Der kriegerische
Text ist sogar immer anarchistisch, weshalb er sich trotz oder wegen seiner
Grau-samkeit fürs Militär nicht eignet. Das spricht ganz besonders
für ihn - und gegen den pazifistischen, der wie der Realismus auf
Übereinkunft zielt. Von der zum Stech-schritt ist es nicht weit.
Um noch einmal Carrière zu zitieren: "Jede neue Kriegsma-schine
ist ein neuer Versuch, das heilige anarchische Milieu zu schaffen, wo
der Stoff der Geschichte nicht mehr aus Worten und Manövern besteht,
sondern aus ei-ner Folge von grausamen, anmutigen Ereignissen, wo der
Staatskrieger zur Marionette des Krieges wird, geschüttelt von einem
Begehren reiner Exteriorität; ein Milieu, wo jede Geste einzigartig
und triumphierend ist, wie der Blitz."
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