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Zur Mode wurde zu behaupten, der Unterschied zwischen sogenannter
ernster und unterhaltender Literatur sei überholt; imgrunde habe
es ihn nie gegeben. Ja es nenne sich ernste Literatur eigentlich nur deshalb
"ernst", weil die Dichter von ihren öko-nomischen Misere
abzulenken versuchten. Sie strickten sich aus dem Mißerfolg die
romantische Attitude. Und erlaubten sich nur deshalb, auf die Frage: "Warum
schrei-ben Sie?" keine Antwort zu geben.
Der gegenwärtige LiteraturBetrieb hält die Antwortnot des Dichters
also für ge-schickt. Was mehr über jenen als diesen aussagt.
Allerdings mag wohl wirklich nie-mand zugeben wollen, ein kalkulatorisch
unzurechnungsfähig Verrückter zu sein, ge-schweige sich mit
der von Ulrich Horstmann aphoristisch notierten RenaissanceFürs-tenAntwort
("aus Ruhmsucht") bloßstellen? "Aus Geldsucht"
wiederum kann ein Dichter ja nun wirklich schlecht sagen...
Der ihn mit solchen Einlassungen vermeintlich in die Enge treibende Unterhaltungs-schriftsteller
kann das aber ebenso wenig: Die wenigsten auch unter denen werden von
ihren Erzeugnissen ernährt, obwohl sie doch über einen definierten
Markt so pragmatisch verfügen könnten wie jeder andere Unternehmer:
Nicht ganz zu Unrecht wird ein Autor vom Finanzamt als solcher behandelt.
Nicht ganz zu Recht aber auch: Das Berufsbild des Schriftstellers läßt
sich aufgrund der Vielzahl seiner Beschäfti-gungen schlecht eingrenzen.
Eigentlich spricht schon dies gegen die modisch egalitä-re These.
Jedenfalls zählen selbst Unterhaltungsschriftsteller in den allerseltensten
Fällen zu Großverdienern. Die meisten reichen kaum ans mittlere
Jahresgehalt eines Filiallei-ters kleindeutscher Sparkassen. Sie hätten
sich also, käme es ihrer Dichtung tatsäch-lich auf den Kontostand
an, besser einen anderen Job gesucht. Haben sie indessen ei-ne Botschaft
im Auge, so dürften sie auf der Rutsche schwindender Leserschaften
und zu Füßen der neuen Kommunikationstechnologien ihren Beruf
nicht minder ver-fehlt haben. Bleibt imgrunde nur, daß sie erzählen
möchten, damit nicht auch noch die letzte Handvoll wackerer Kinofeinde
vom ausgestreckten Arm fällt. Dennoch ist der Unterhaltungsschriftsteller
im ausgehenden 20. Jahrhundert wahrscheinlich der am ehesten normale Kleinunternehmer
im Betrieb Literatur. Als Arbeitnehmer ist er sowieso gesund: Weitflächig
strukturieren sich derzeit die Verlage auf ihn um. Vor zwanzig Jahren
schrieben flexible Autoren auf Abruf Anti-AKW-Gedichte. Wen wundert es,
daß sich derart politisierte Charaktere auch den Erfordernissen
eines zu-nehmend liberalistischen Zerstreuungsmarktes anzupassen wissen
? Als Holzofen-bauer unter den Wärmelieferanten bedienen sie nun
das zur Gesetztheit entwickelte Grüne Wählerpotential. Sollten
sich die Bücher allerdings in großem Stil verkaufen, scheuen
sie auch davor nicht zurück, die Privilegien eines KleinUnternehmers
bis zur Neige auszuschöpfen.
Wogegen nichts zu sagen ist. Allerdings illuminiert es die Grenze, die
zwischen erns-ter und unterhaltender Literatur nach wie vor besteht, ja
zeigt, daß man sie auf das emphatischste verteidigen muß.
Denn der sogenannte "ernste" Schriftsteller, den ich mit altem
Recht den Dichter nenne, verfügt über die definierte Leserschaft
keines-wegs. Die seine läßt sich gar nicht definieren. Daran
ist Dichtung auch nicht interes-siert. Poesie ist luxuriös noch da,
wo sich ihr Autor zu humanistischen Idealen be-kennt: Im ästhetischen
Zweifel wird er sich immer für den Text und gegen die Moral entscheiden.
Eine Frage, ob Happy End ob nicht, stellt sich gar nicht erst. Mit der-gleichen
wird nur jener konfrontiert, der zerstreuend wirken will und/oder sein
Werk auf eine im vorhinein festgelegte gesellschaftspädagogische
Wirkung hin entfaltet. Wer effektiv sein will, kommt um Verbraucherforschung
nicht herum. Der Dichter indessen erforscht nicht den Verbraucher, sondern
die Sujets seiner Prosa. Sowie ihre Bedingungen. Um das nicht zu verfälschen,
muß ihm der Verbraucher egal sein. (Wie, übrigens, "verbraucht"
ein Leser Bücher?) Angenommen, Einfälle seien Pro-jektionen,
dann erforscht der Dichter in erster Linie sich selbst. Das ist weniger
e-goistisch als meistens selbstschädigend: Dichtung hebt über
Verdrängungen den Schleier und bearbeitet vergrabenes Fantasiepotential.
Indem sie psychische Innen-verhältnisse abbildet, sind freilich die
objektiven (gesellschaftlichen) Verfaßtheiten immer schon enthalten,
da sie ja jene verursacht oder doch mitverursacht haben. In-sofern weiß
der Dichter meist gar nicht, worauf es ihm ankommt; deshalb schweigen
Poeten so oft auf die Frage nach ihrer Motivation. Sind sie sich über
diese im klaren oder ahnen sie, so sind sie peinlich berührt; denn
es wäre eine Auskunft so intim, wie bereits das Auskunftsverlangen
übergriffig ist. Meist aber kann es der Dichter nicht beantworten,
weder anderen noch sich selbst. Denn um sich vor dem Einbruch des Ungeheuren
zu schützen, muß er sein Unternehmen vor sich selber tarnen.
Religiö-sen Ritualen gleich wird das Unheil in den Masken der Literatur
szenisch dargestellt und zu poetischer Gestalt gefroren: Dichtung ist
heidnisch. Unterhaltungsliteratur dagegen arbeitet christlichen, meist
sogar protestantischen Gesellschaftsnormen zu. Monotheismen indessen sind
grundsätzlich verdeckend und führen letzten Endes zu unkontrollierten
Ausbrüchen, - und zwar in der Realität. Das Verdrängte
kehrt nicht nur wieder, sondern immer barbarisch. Hiergegen schreibt der
scheinbare Ego-zentrismus des Dichters an. Auch dies ist ein Grund für
das, was kommode Leser an der Neuen Literatur so oft als negativ beklagen.
Dichtung ist Magie und die Darstel-lung von Grauen stets Beschwörung.
Der Held geht unter an des Lesers Statt; christ-lich gesprochen: nimmt
dessen Schuld auf sich und erlöst ihn. Übrigens gilt das auch
für den Spielfilm.
Um verborgene aggressive Triebkräfte zu sehen, bedarf es einer Schürfarbeit
im Un-bewußten, die der Unterhaltungsschriftsteller nicht leisten
kann: Er muß ja die Er-wartungen befriedigen, die sich aus dem verdrängten
Bewußtsein speisen: "unterhal-ten" heißt "stützen".
So sind imgrunde die Begriffe falsch gewählt; richtig müßte
man den Unterhaltungsschriftsteller einen stützenden Autor nennen,
den sogenannten ernsten aber einen demontierenden. Das macht selbst die
subjektivsten, ja verklemm-testen Dichter zum Sand im Getriebe. Nun ist
auch die ernste Literatur ziemlich hei-ter, jedenfalls bisweilen, und
sogar rührend unterhalten kann man sich mit ihr. Doch sie geht darin
nicht auf. Immer bleibt ein Rest böse: etwas Nichtgeheures Unwägba-res.
Die Heiterkeit in Dichtung ist ungemütlich. Und enthält sie
Kitsch, so ist er nicht sentimental.
Deshalb wird die aller Literatur inliegende manipulative Gewalt für
den Dichter häu-fig autoaggressiv. Sie schwächt ihre und damit
seine Abwehrmechanismen. Letztlich Schadlos halten das auf Dauer nur solche
Charaktere aus, die keine feste Ich-Struktur durchzieht, die sich also
in permanentem Verwandlungszustand befinden oder gar in der Gefahr sind,
sich aufzulösen: Charismatische Scharlatane oft an der Grenze zur
Manie. Schwindler wissen meist sehr genau um ihre Motivation: Der alte,
nicht mehr realistische Louis Aragon hat in einem ganz ähnlichen
Zusammenhang vom "Wahr-lügen" gesprochen. Zeit seines Lebens
war er bigott und wußte also, was er meinte. Bertolt Brecht wußte
es auch auch und warnte: Auf mich ist kein Verlaß. Dichtung entzieht
sich klärendem Kalkül.
Eben das darf dem Werk eines unterhaltenden Schriftstellers nicht passieren.
Auf ihn müssen sich Leser und Verlag verlassen können. Wer einen
Tisch bestellt, will einen Tisch bekommen. Auch die Dichter wollen das;
sie sollten sich deshalb über den kunstgewerbenden Kollegen nicht
erheben. Die erwähnten Scharlatane unter den Dichtern verdanken ihren
profaneren Kollegen sogar kleine ironische Tricks, mit de-nen sie ihre
frustrierte Leserschaft immer mal wieder versöhnen. Der geht es schließ-lich
bei Einrichtung ihrer Wohnung nicht um Selbsterkenntnis, noch will, wer
sich auf eine Couch setzt, in kollektivem Unbewußten versinken.
Bei Dichtern riskiert man sowas ständig. Nur Unterhaltungsschriftsteller
versichern uns: der Kessel steht auf dem Herd. Tatsächlich erwartet
der ZerstreuungsLeser von einem Buch nicht Abenteuer, sondern das Versicherungsgeschäft,
daß ihn (s)eine Fantasie nur schein-bar bedroht. Jede Zwischenzeile
soll ihm sagen: "Es ist doch nur ein Buch". Ein Dichter darf
das nicht, der erfolgs- und wirkungsorientierte Autor hingegen muß
es beherzigen. Nur dann hat er seinen Erfolg. Weil sich dieser also produzieren
läßt, macht ein glückloser Unterhaltungsschriftsteller
ein so enorm trauriges Bild, daß es nicht mal zur Gestalt reicht.
Den Wirkungsorientierten muß sich selbstverständlich der sogenannte
engagierte Schriftsteller zurechnen lassen. Ein politischer Dichter ist
je nach Standpunkt Tauto-logie oder contradictio in adjecto; in jedem
Fall gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Gegen eben diesen haben
die Poeten sei je ihre ästhetischen Schützengräben ausgehoben.
("Ernste" Literatur hat es immer mit dem Graben zu tun. Entlang
dieser Front zieht sich der zweite und endgültig unüberwindbare
Grenzzaun, der E- und U- Literaturen trennt.)
Ein Unterhaltungsschriftsteller ist Funktion und hat Funktion. Insofern
kann er gar nicht widerständig sein, auch nicht in Form politischer
Mission. Der politische Schriftsteller wird sein subjektives Ziel - die
Aufklärung unaufgeklärter Leser - niemals erreichen, wohl aber
sein objektives: nämlich Leser. Doch eben nur die, de-nen an dieser
Aufklärung bereits vor der Lektüre gelegen ist. Der politische
Leser bringt seine Haltung immer schon mit. Weil politische Dichtung grundsätzlich
pro domo gelesen wird, kann sie nur Unterhaltungsliteratur sein; sie muß
so tun, als gäbe es keine Distanz, und ist Agitation noch da, wo
sie klagt. Der politische Schriftsteller wendet sich an eine seinen Meinungen
längst ergebene Gemeinde. Dies aber charak-terisiert, wie wir sahen,
den Unterhaltungsschriftsteller, und zwar gleich, ob er Wes-tern, proletarische
Romane oder Schmachtschmonzetten schreibt. Immer werden sei-ne Bücher
von Menschen erstanden, die, was drinsteht, bereits vorher wissen. Unter-haltung
basiert auf Wiedererkennen. Dies ist sowohl der Grund für den Siegeszug
der Sitcoms wie der postmodernen Renaissance einer realistischen, abbildenden
Litera-tur. Die gegenwärtige ästhetische Regression geht nicht
umsonst mit dem Siegeszug des Wirtschaftsliberalismus einher, in dessen
Fahrwasser sich scheinbare Renegaten mittreideln lassen. Tatsächlich
sind sie nicht übergelaufen, sondern schwammen äs-thetisch immer
schon da. Ihre Leserschaft gehorcht Konventionen, und will der poli-tische
Schriftsteller sie nicht verlieren, wird er deren Verschiebungen mitmachen
müssen.
Der Dichter tut das nicht. Den Dichter ficht alledies nicht an. Denn es
hat ihn immer angefochten.
(c) by ANH, Berlin, Oktober 1999
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