Alban Nikolai Herbst
Schreiben heute? Dichten heute!
Kein Abgesang, sondern Plädoyer
 

Zur Mode wurde zu behaupten, der Unterschied zwischen sogenannter ernster und unterhaltender Literatur sei überholt; imgrunde habe es ihn nie gegeben. Ja es nenne sich ernste Literatur eigentlich nur deshalb "ernst", weil die Dichter von ihren öko-nomischen Misere abzulenken versuchten. Sie strickten sich aus dem Mißerfolg die romantische Attitude. Und erlaubten sich nur deshalb, auf die Frage: "Warum schrei-ben Sie?" keine Antwort zu geben.
Der gegenwärtige LiteraturBetrieb hält die Antwortnot des Dichters also für ge-schickt. Was mehr über jenen als diesen aussagt. Allerdings mag wohl wirklich nie-mand zugeben wollen, ein kalkulatorisch unzurechnungsfähig Verrückter zu sein, ge-schweige sich mit der von Ulrich Horstmann aphoristisch notierten RenaissanceFürs-tenAntwort ("aus Ruhmsucht") bloßstellen? "Aus Geldsucht" wiederum kann ein Dichter ja nun wirklich schlecht sagen...
Der ihn mit solchen Einlassungen vermeintlich in die Enge treibende Unterhaltungs-schriftsteller kann das aber ebenso wenig: Die wenigsten auch unter denen werden von ihren Erzeugnissen ernährt, obwohl sie doch über einen definierten Markt so pragmatisch verfügen könnten wie jeder andere Unternehmer: Nicht ganz zu Unrecht wird ein Autor vom Finanzamt als solcher behandelt. Nicht ganz zu Recht aber auch: Das Berufsbild des Schriftstellers läßt sich aufgrund der Vielzahl seiner Beschäfti-gungen schlecht eingrenzen. Eigentlich spricht schon dies gegen die modisch egalitä-re These.
Jedenfalls zählen selbst Unterhaltungsschriftsteller in den allerseltensten Fällen zu Großverdienern. Die meisten reichen kaum ans mittlere Jahresgehalt eines Filiallei-ters kleindeutscher Sparkassen. Sie hätten sich also, käme es ihrer Dichtung tatsäch-lich auf den Kontostand an, besser einen anderen Job gesucht. Haben sie indessen ei-ne Botschaft im Auge, so dürften sie auf der Rutsche schwindender Leserschaften und zu Füßen der neuen Kommunikationstechnologien ihren Beruf nicht minder ver-fehlt haben. Bleibt imgrunde nur, daß sie erzählen möchten, damit nicht auch noch die letzte Handvoll wackerer Kinofeinde vom ausgestreckten Arm fällt. Dennoch ist der Unterhaltungsschriftsteller im ausgehenden 20. Jahrhundert wahrscheinlich der am ehesten normale Kleinunternehmer im Betrieb Literatur. Als Arbeitnehmer ist er sowieso gesund: Weitflächig strukturieren sich derzeit die Verlage auf ihn um. Vor zwanzig Jahren schrieben flexible Autoren auf Abruf Anti-AKW-Gedichte. Wen wundert es, daß sich derart politisierte Charaktere auch den Erfordernissen eines zu-nehmend liberalistischen Zerstreuungsmarktes anzupassen wissen ? Als Holzofen-bauer unter den Wärmelieferanten bedienen sie nun das zur Gesetztheit entwickelte Grüne Wählerpotential. Sollten sich die Bücher allerdings in großem Stil verkaufen, scheuen sie auch davor nicht zurück, die Privilegien eines KleinUnternehmers bis zur Neige auszuschöpfen.
Wogegen nichts zu sagen ist. Allerdings illuminiert es die Grenze, die zwischen erns-ter und unterhaltender Literatur nach wie vor besteht, ja zeigt, daß man sie auf das emphatischste verteidigen muß. Denn der sogenannte "ernste" Schriftsteller, den ich mit altem Recht den Dichter nenne, verfügt über die definierte Leserschaft keines-wegs. Die seine läßt sich gar nicht definieren. Daran ist Dichtung auch nicht interes-siert. Poesie ist luxuriös noch da, wo sich ihr Autor zu humanistischen Idealen be-kennt: Im ästhetischen Zweifel wird er sich immer für den Text und gegen die Moral entscheiden. Eine Frage, ob Happy End ob nicht, stellt sich gar nicht erst. Mit der-gleichen wird nur jener konfrontiert, der zerstreuend wirken will und/oder sein Werk auf eine im vorhinein festgelegte gesellschaftspädagogische Wirkung hin entfaltet. Wer effektiv sein will, kommt um Verbraucherforschung nicht herum. Der Dichter indessen erforscht nicht den Verbraucher, sondern die Sujets seiner Prosa. Sowie ihre Bedingungen. Um das nicht zu verfälschen, muß ihm der Verbraucher egal sein. (Wie, übrigens, "verbraucht" ein Leser Bücher?) Angenommen, Einfälle seien Pro-jektionen, dann erforscht der Dichter in erster Linie sich selbst. Das ist weniger e-goistisch als meistens selbstschädigend: Dichtung hebt über Verdrängungen den Schleier und bearbeitet vergrabenes Fantasiepotential. Indem sie psychische Innen-verhältnisse abbildet, sind freilich die objektiven (gesellschaftlichen) Verfaßtheiten immer schon enthalten, da sie ja jene verursacht oder doch mitverursacht haben. In-sofern weiß der Dichter meist gar nicht, worauf es ihm ankommt; deshalb schweigen Poeten so oft auf die Frage nach ihrer Motivation. Sind sie sich über diese im klaren oder ahnen sie, so sind sie peinlich berührt; denn es wäre eine Auskunft so intim, wie bereits das Auskunftsverlangen übergriffig ist. Meist aber kann es der Dichter nicht beantworten, weder anderen noch sich selbst. Denn um sich vor dem Einbruch des Ungeheuren zu schützen, muß er sein Unternehmen vor sich selber tarnen. Religiö-sen Ritualen gleich wird das Unheil in den Masken der Literatur szenisch dargestellt und zu poetischer Gestalt gefroren: Dichtung ist heidnisch. Unterhaltungsliteratur dagegen arbeitet christlichen, meist sogar protestantischen Gesellschaftsnormen zu. Monotheismen indessen sind grundsätzlich verdeckend und führen letzten Endes zu unkontrollierten Ausbrüchen, - und zwar in der Realität. Das Verdrängte kehrt nicht nur wieder, sondern immer barbarisch. Hiergegen schreibt der scheinbare Ego-zentrismus des Dichters an. Auch dies ist ein Grund für das, was kommode Leser an der Neuen Literatur so oft als negativ beklagen. Dichtung ist Magie und die Darstel-lung von Grauen stets Beschwörung. Der Held geht unter an des Lesers Statt; christ-lich gesprochen: nimmt dessen Schuld auf sich und erlöst ihn. Übrigens gilt das auch für den Spielfilm.
Um verborgene aggressive Triebkräfte zu sehen, bedarf es einer Schürfarbeit im Un-bewußten, die der Unterhaltungsschriftsteller nicht leisten kann: Er muß ja die Er-wartungen befriedigen, die sich aus dem verdrängten Bewußtsein speisen: "unterhal-ten" heißt "stützen". So sind imgrunde die Begriffe falsch gewählt; richtig müßte man den Unterhaltungsschriftsteller einen stützenden Autor nennen, den sogenannten ernsten aber einen demontierenden. Das macht selbst die subjektivsten, ja verklemm-testen Dichter zum Sand im Getriebe. Nun ist auch die ernste Literatur ziemlich hei-ter, jedenfalls bisweilen, und sogar rührend unterhalten kann man sich mit ihr. Doch sie geht darin nicht auf. Immer bleibt ein Rest böse: etwas Nichtgeheures Unwägba-res. Die Heiterkeit in Dichtung ist ungemütlich. Und enthält sie Kitsch, so ist er nicht sentimental.
Deshalb wird die aller Literatur inliegende manipulative Gewalt für den Dichter häu-fig autoaggressiv. Sie schwächt ihre und damit seine Abwehrmechanismen. Letztlich Schadlos halten das auf Dauer nur solche Charaktere aus, die keine feste Ich-Struktur durchzieht, die sich also in permanentem Verwandlungszustand befinden oder gar in der Gefahr sind, sich aufzulösen: Charismatische Scharlatane oft an der Grenze zur Manie. Schwindler wissen meist sehr genau um ihre Motivation: Der alte, nicht mehr realistische Louis Aragon hat in einem ganz ähnlichen Zusammenhang vom "Wahr-lügen" gesprochen. Zeit seines Lebens war er bigott und wußte also, was er meinte. Bertolt Brecht wußte es auch auch und warnte: Auf mich ist kein Verlaß. Dichtung entzieht sich klärendem Kalkül.
Eben das darf dem Werk eines unterhaltenden Schriftstellers nicht passieren. Auf ihn müssen sich Leser und Verlag verlassen können. Wer einen Tisch bestellt, will einen Tisch bekommen. Auch die Dichter wollen das; sie sollten sich deshalb über den kunstgewerbenden Kollegen nicht erheben. Die erwähnten Scharlatane unter den Dichtern verdanken ihren profaneren Kollegen sogar kleine ironische Tricks, mit de-nen sie ihre frustrierte Leserschaft immer mal wieder versöhnen. Der geht es schließ-lich bei Einrichtung ihrer Wohnung nicht um Selbsterkenntnis, noch will, wer sich auf eine Couch setzt, in kollektivem Unbewußten versinken. Bei Dichtern riskiert man sowas ständig. Nur Unterhaltungsschriftsteller versichern uns: der Kessel steht auf dem Herd. Tatsächlich erwartet der ZerstreuungsLeser von einem Buch nicht Abenteuer, sondern das Versicherungsgeschäft, daß ihn (s)eine Fantasie nur schein-bar bedroht. Jede Zwischenzeile soll ihm sagen: "Es ist doch nur ein Buch". Ein Dichter darf das nicht, der erfolgs- und wirkungsorientierte Autor hingegen muß es beherzigen. Nur dann hat er seinen Erfolg. Weil sich dieser also produzieren läßt, macht ein glückloser Unterhaltungsschriftsteller ein so enorm trauriges Bild, daß es nicht mal zur Gestalt reicht.
Den Wirkungsorientierten muß sich selbstverständlich der sogenannte engagierte Schriftsteller zurechnen lassen. Ein politischer Dichter ist je nach Standpunkt Tauto-logie oder contradictio in adjecto; in jedem Fall gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Gegen eben diesen haben die Poeten sei je ihre ästhetischen Schützengräben ausgehoben. ("Ernste" Literatur hat es immer mit dem Graben zu tun. Entlang dieser Front zieht sich der zweite und endgültig unüberwindbare Grenzzaun, der E- und U- Literaturen trennt.)
Ein Unterhaltungsschriftsteller ist Funktion und hat Funktion. Insofern kann er gar nicht widerständig sein, auch nicht in Form politischer Mission. Der politische Schriftsteller wird sein subjektives Ziel - die Aufklärung unaufgeklärter Leser - niemals erreichen, wohl aber sein objektives: nämlich Leser. Doch eben nur die, de-nen an dieser Aufklärung bereits vor der Lektüre gelegen ist. Der politische Leser bringt seine Haltung immer schon mit. Weil politische Dichtung grundsätzlich pro domo gelesen wird, kann sie nur Unterhaltungsliteratur sein; sie muß so tun, als gäbe es keine Distanz, und ist Agitation noch da, wo sie klagt. Der politische Schriftsteller wendet sich an eine seinen Meinungen längst ergebene Gemeinde. Dies aber charak-terisiert, wie wir sahen, den Unterhaltungsschriftsteller, und zwar gleich, ob er Wes-tern, proletarische Romane oder Schmachtschmonzetten schreibt. Immer werden sei-ne Bücher von Menschen erstanden, die, was drinsteht, bereits vorher wissen. Unter-haltung basiert auf Wiedererkennen. Dies ist sowohl der Grund für den Siegeszug der Sitcoms wie der postmodernen Renaissance einer realistischen, abbildenden Litera-tur. Die gegenwärtige ästhetische Regression geht nicht umsonst mit dem Siegeszug des Wirtschaftsliberalismus einher, in dessen Fahrwasser sich scheinbare Renegaten mittreideln lassen. Tatsächlich sind sie nicht übergelaufen, sondern schwammen äs-thetisch immer schon da. Ihre Leserschaft gehorcht Konventionen, und will der poli-tische Schriftsteller sie nicht verlieren, wird er deren Verschiebungen mitmachen müssen.
Der Dichter tut das nicht. Den Dichter ficht alledies nicht an. Denn es hat ihn immer angefochten.

(c) by ANH, Berlin, Oktober 1999