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Sehr verehrte Damen,
sehr geehrte Herren,
Alban Nikolai Herbst hat mich gebeten, den ihm verliehenen
Preis an seiner Stelle entgegenzunehmen. Darüber hinaus erwartet
er, daß ich einige Sätze zu Ihnen spreche, die nicht nur seinen
Dank erstatten, sondern Ihnen auch einige seiner grundlegenden Positionen
nahebringen.
Ich erstatte hiermit seinen Dank.
Was die grundlegenden Positionen anlangt, allerdings, bin ich in einer
bizarren Lage. Denn ich möchte die Situation ganz im Gegenteil dafür
nutzen, warnend auf die geneigte Leser-schaft einzusprechen. Auch wenn
mir so etwas mittlerweile sinnlos vorkommen will. Viel-leicht aber lohnt
sich dieses Mal meine obendrein lange und mühsame Reise; Sie werden
wissen, daß sich der Dichter derzeit in Indien aufhält. Unser,
ich möchte es Binnenverhältnis nennen, ist von Beginn an problematisch
gewesen. Ich mußte ihn nur sehen, schon stand ich seinem Charakter
und Werk skeptisch gegenüber. Aber um so lieber hat er mich für
seinen Darsteller mißbraucht. Typischerweise hat uns eine Tageszeitung
kürzlich verwechselt und ihn den Dichter-Darsteller genannt. Das
hat ihn amüsiert. Dabei kennt er meine Position und stärkt sie
auch noch. Es macht ihm Freude, mich mit seiner Verderbtheit zu foppen.
Welcher Geist hielte so etwas klaglos aus? Neuerlich und neuerlich auf
solcherart Aufträge gesendet zu werden, ist etwas, woran ich verzweifeln
könnte. Dabei plant er lange voraus, plant überhaupt gerne.
Wie anders wäre zu erklären, daß er mich bereits zu einer
Zeit aus meiner Flasche rief und in meine spätere Aufgabe trainierte,
zu der an die literarisch unverhältnismäßigen Ehren, welche
ihm mittlerweile zuteil geworden sind, ebenso wenig zu denken war wie
demzufolge an diesen unverhältnismäßig literarischen Flug
Bombay-Wetzlar.
Aber auch, ist er persönlich zugegen, setzt er mich als seine Tarnkappe
auf. Und ist rücksichtslos genug, sie auch für Tarnschuhe zu
nehmen. Wie's sich mit ihm drin turnt, schert ihn nicht. Aber auch ohne
ihn, meine Damen und Herren: Ich kann mich danebenbenehmen, wie ich will,
letztlich ficht ihn nichts an. Dabei habe ich ihn bereits einige Male
vor sehr kompetenten Leuten unmöglich gemacht. Doch immer wieder
ruft er mich in die Maske des Interpreten seiner Texte, als welchen er
mich sozusagen auf seiner Gehaltsliste hält. Gehalt ist natürlich
das falsche Wort. Sondern er hat an meiner Flasche gerieben, die er, bis
er sie seinerseits weiterverkaufen wird - und zur rechten Zeit, muß
ich fürchten! -, immer in seiner Reichweite hält. "Dschinn,
erscheine!" hat er auf seine unangenehme Weise gerufen, "Dschinn,
erscheine, fliege nach Deutschland ins Hessische und nimm für mich
diesen Preis entgegen. Hier ist dein Ticket." Daß er mich die
Reise nicht auf meine Art tun ließ, die weder Zeitverlust noch Strecken
kennt, zeugt besonders von seiner Mindergesinnung. Ich habe über
die Jahrhunderte hinweg so viele Aufgaben übernehmen müssen,
doch glauben Sie mir: keine ist so qualvoll gewesen wie diese. Ihn öffentlich
bloßzustellen, hat keinen Zweck. Herr Herbst zieht in jedem Fall
aus meinem Auftritt Gewinn. Freilich bloß deshalb, weil ja nicht
er der Urheber seiner Werke ist, als welcher ich gelte, sondern eben jener
Hans Erich Deters, den Sie, meine Damen und Herren, allezeit Grund gehabt
haben, für Herbsts Figur zu halten. Darüber wurde bereits an
anderen Stellen berichtet und ich erspare mir, den Sachverhalt abermals
auszubreiten. Der Hinweis möge genügen, daß Herr Herbst
die von Herrn De-ters angedrehte Schraube durch mich um ein weiteres gedreht
hat. Ob an Daumen oder Geist, und an wessen, das zu entscheiden, steh
ich nicht an.
Meine Damen und Herren, daß Sie einen Preis
wie den Ihren einem solchen Autor zufallen lassen, überrascht mich
und hat, muß ich sagen, auch ihn überrascht. Denn nicht zu
Unrecht, meine ich, wird diese Literatur in den Feuilletons als schwierig
und wirr gehandelt und als ein in den Köpfen ihrer Kritiker ganz
unnötig herumknotendes Zeug, das schon wegen seines - ich zitiere
den Kritiker Ueding - Bildungballasts jedermann unverdaulich im Magen
liegt. Die Verdauungsapparaturen der fünfzehn Wetzlarer Bürger
allerdings, die Ihre Jury stellen, scheinen von nicht so schwacher Konstitution
zu sein. Was den irrtümlichen Gedanken nahe-legt, der sogenannte
einfache Leser - so genannt, nicht weil er einfach wäre, sondern
weil er einfach liest - habe einen weniger verstellten, einen durchaus
vorurteilslosen Blick auf Literatur. Kein Zweifel, daß Herr Herbst
das gerne so sehen möchte. Ich hingegen, weniger romantisch veranlagt
als er, habe die Hoffnung, daß die Entscheidung der Jury auf einem
Mißverständnis beruht. Herr Herbst selbst ist natürlich
zu eitel, um eine solche Möglichkeit in Erwägung zu ziehen.
Und ich werde den Teufel tun, sie ihm nahezubringen. Soll er nur feiern
da drüben in seinem Maharashtra und, während ich fort bin, aus
meinem Gefängnis sein süßes Lassi trinken! Die bittere
Neige kommt hoffentlich nach.
Ich spreche, meine Damen und Herren, von dem Mißverständnis
der Ähnlichkeit. Wenn etwas so aussieht wie das, was Sie kennen,
ist es das weder, noch stellt es das dar. Das sehen Sie an mir, der ich
und wie ich hier vor Ihnen stehe. Nicht einen Moment lang hätten
Sie mich für das gehalten, was ich bin. Leider existiert zwischen
Kunst und Leben dennoch ein Zusammenhang: Er beruht irgendwie auf jenem
ominösen Dritten, das die formale Logik aus unseren Welterklärungsmodellen
klugerweise ausgeschlossen hat. Nur eine bestimmte, meist elitäre
Kunst bringt es mit krimineller Beharrlichkeit immer wieder ins Spiel
und läßt nicht vergessen, daß in der Dichtung etwas sei,
das sich weder auf die Sozialisation ihres Autors noch auf seine Gegenwart
rückbinden lasse, ja es habe mit ihrem Urheber schlechterdings nichts
zu tun. Dieses Dritte meint Herbst, als Das Fantastische zu fassen. Ich
selbst bin, allein meiner Natur wegen, ein Gegner solcher Mythologie und
der Kunst überhaupt. Lieber möchte ich von Texten reden: - nämlich
weil dieses Fantastische weiterhin umtreibt, alles daran setzen, es endlich
abzuschaffen. Nur wenn das gelingt, komme ich für immer aus mei-ner
Flasche heraus. Die Begründung Ihrer Jury geht auch einige Schritte
auf mich zu. Sind die fünfzehn Bürger nämlich bloß
dem Mißverständnis der Ähnlichkeit erlegen, besagt das
ja nichts anderes, als daß man sich einmal mehr von Herrn Herbst
hat verführen lassen. Er tut so, als wäre das Fantastische notwendigerweise
der im Kunstwerk schlagende Puls. Es ist aber auch ein anderes, ein nur-gemachtes
Kunstwerk zu denken. Das hätten wir dann zur Gänze im Griff.
So haben Absichten und Ansichten seines Urhebers nichts in ihm zu suchen.
Kehren sie sich dennoch vor, spielen sie qualitativ keine Rolle. Ich lehne
so etwas ab. Zumal nun das Mißverständnis der Ähnlichkeit
ehrbare Menschen verleitet, ein solches Kunstwerk auszuzeichnen, weil
es scheinbar Zustände abbildet, um sie zu kritisieren. Komme ein
Roman aus solchen, sagen wir: politischen Gründen in den Genuß
einer Belobung, dann sei das, so polemisiert Herr Herbst, zwar verständlich;
indessen würde man dann auch den ethisch korrekten Filialleiter einer
Sparkasse auszeichnen können. Es hat nun für mich etwas gehässig
Feines, Herrn Herbst indirekt als einen solchen betrachtet zu finden.
Vielleicht ahnte er das und wollte seinen Preis deswegen nicht persönlich
entgegennehmen.
Selbstverständlich speist sich auch sein Roman aus der Realität.
So unklug ist er nicht, das zu bestreiten. Läßt sich ja übergenug
inspirieren, um nicht zu sagen: schlachtet die Wirk-lichkeit aus. Nur
daß er die Kunst nach solcher Initialzündung eigengesetzlich
neben ihrem Impulsgeber herlaufen lassen möchte. Und behauptet außerdem,
ja insistiert auf dieser ganz verderblichen Ansicht: in gleichem Maß
wie jene von dieser, werde Realität aus Kunst gespeist. Es liegt
auf der Hand, daß Herr Herbst damit Unvermögen oder Desinteresse
kaschieren will, der Dichtung eine menschlich wahre, das heißt:
sozial verantwortbare Richtung zu geben. Er will, daß ich in der
Flasche bleibe. Das Verhältnis eines Textes zur Realität ist
nämlich bei Herrn Herbst in keiner Weise eines der Spiegelung, auch
keines der Beschreibung, es ist weder eines der Sublimation noch des Protests
gegen irgendwie schlechte Zustände. Bei manchem Autor, so meint er,
möge derartiges zwar als Movens gedient haben; die Kunst selbst indessen
bleibe davon im selben Maß unberührt, wie Sie nicht Ihre Eltern
seien. Meine Damen und Herren, Herrn Herbsts Texte dienen keiner vernünftigen
Absicht. Sie sind nicht einmal affirmativ. Indem er einer modernen Luxusvariante
des L'art pour l'art frönt und dennoch von einer Verbindung zur Realität
ausgeht, unterstellt er, seine Texte wirkten unabhängig von ihrem
Schöpfer. Das ist antirationalistisch. Ich kann mir nicht vorstellen,
daß Ihre Preisvergabe einer solchen Haltung Vorschub leisten will.
Ich mag hier meinen Zeigefinger weder heben, noch ihn in dem Irrtum der
Jury herumpulen lassen. Das wäre bei einer so problematischen Poetik
wie der herbstschen, die den Dichter vom Polizisten oder Pädagogen
trennt und rein gar nichts bewirken will, insgesamt verfehlt. Vielmehr
mache ich uns eine partielle Blindheit bewußt, die einen ganz wesentlichen
Teil der gegenwärtigen deutschsprachigen Literaturrezeption charakterisiert
und charakterisieren muß, meine Damen und Herren. Die Blindheit
wird als Augenklappe zur Uniform des mo-ralischen Anstands getragen. Tatsächlich
garantiert einzig noch sie eine auf Vernunft und Sozietät fundierte
Aufklärung. Als Flaschengeist weiß ich, und Sie als Menschen
ahnen es, daß ihre Grundlagen illusorische sind. Aber Sie tragen
zu sehr an den Wunden und müssen daran tragen wollen, die das selbsternannte
Tausendjährige Reich Ihrem Gewissen schlug, als daß Sie auf
eine solcherart definierte Identität verzichten dürften. Nur
sollten wir, meine ich, uns dessen bewußt werden; nicht weil Ihre
Haltung falsch ist, sondern weil solche wie Herr Herbst sonst eine fiktive
Lanze in das Lindenblatt rammen, das Sie an dieser Stelle verletzbar hält.
Sein Angriff auf Identität muß abgewehrt werden, und zwar um
so mehr, als nicht bloß das sogenannte anything goes der Postmoderne
(das in den aus ihr entstandenen Kunstwerken so nie gestimmt hat; das
wissen Sie selbst, aber irgendwie muß man seinem Gegner Pari bieten),
sondern der Weltlauf die Hoffnung, die Menschheit lasse sich auf Dauer
zivilisieren, brutal zurückgeschlagen hat. Nicht nur das lawinenartige
Vorrücken eines allumfassenden Cyberraumes gilt es abzuwehren, diesen
Einbruch meiner Domäne in Ihre, sondern auf der genau anderen historischen
Seite entzieht sich der jugoslawische Bürger-krieg, der den Schreibprozeß
an Thetis. Anderswelt begleitet und manche Greuel des Romans auf das barbarischste
inspiriert hat, jedem aufgeklärten Kalkül. Hier legt Herr Herbst
nahe, es seien die Mänaden derer, die er Thetis nennt, in die Menschen
gefahren. Fahren sie also jetzt, gleichsam um Ihre moralische Parteinahme
gegen seine Indifferenz zu verhöhnen, in die siegreichen Kosovoraner?
Bedeutet nicht dann, wenn Sie sein Buch als ein Sinnbild verstehen, auf
seine Weise das Unheil noch zu rechtfertigen, da er sich doch implizit
auf die Seite unbewußter, sozusagen natürlicher Triebkräfte
schlägt? Merken Sie, wie brisant das ist? Helfen Sie lieber, die
in die Schranken zu weisen!
Auch darin wirkt ein Mißverständnis der Ähnlichkeit, ja
wird von Herrn Herbst noch gefüttert: Was der Wirklichkeit die Geschichte,
sei der Fiktion die Erzählung. Diese Analogie, meine Damen und Herren,
darf niemals mehr sein als eben das. In dem aus ebenso bedenklichen Gründen
berühmten NationalEpos Geschichte und Eigensinn haben die Herren
Kluge und Negt kommentarlos zwei Abbildungen untereinandergestellt: einmal
die der Ausdehnung des Eises zur Eiszeit, zum zweiten die eines menschlichen
Gehirns, das sich eben während dieser Epoche in seine heutige Gestalt
ausgebildet hat. Beide Figuren sind nahezu identisch. Hier haben Sie einen
Vorläufer des ständigen herbstschen Mitbrauchs. - Ich habe Ihnen
einige Kopien machen lassen, die jetzt im Saal herumgehen dürften.
- Was, meine Damen und Herren, kann eine so frappierende Ähnlichkeit
besagen? Nichts! Gar nichts! Lassen Sie sich nicht täuschen! Das
analoge Denken macht uns die 6 für die 9 vor. Und verlängert
meine Gefangenschaft.
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Begehen wir also nicht den Fehler, die Geschichte der
Erzählung gleichzusetzen. Zumal sich Herrn Herbsts Erzählung Geschichte
ganz ungeschieden einverleibt. Man hat ja bereits darauf hingewiesen, daß
er offenbar nicht auswählen kann. Ich fürchte, meine Damen und
Herren, er will das nicht. Nimmt obendrein dieser Autor Partei, dann so,
daß ihm ein Leser, der ethisch auf sich hält, unmöglich
folgen kann. Ich erinnere an die sträflich unkorrekte Behandlung der
gepiercten jungen Dame im Vorspiel des Romans. Mich peinigt so etwas. Dabei
spreche ich noch gar nicht von den Säuglingsmorden. Die Schrecken Ihrer
Wirklichkeit sind für ihn nichts anderes als Materialbatzen, die er
sich zu meinem ständigen Unglück zu-rechtkneten kann.
Ich zitiere die Pressemitteilung der Jury:
Daß Alban Nikolai Herbst dabei die unglaubliche Vielschichtigkeit,
die Schnelligkeit, Multikulturalität und Multimedialität unserer
realen Welt unter Verwendung von Mythen-, Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Elementen
in einem sprachlich gewaltigen Gesamtkunstwerk versinnbildlicht, macht dieses
Werk zu einem bemerkenswerten Ereignis in der aktuellen Buchproduktion.
Meine Damen und Herren, das ist alles falsch. Herr Herbst versinnbildlicht
nichts. Schon der Begriff Sinngebung ist ihm fremd. Er benutzt. Man kann
das gar nicht böse genug betonen. Ihn interessiert das Opfer als Effekt.
Die ganze Veranstaltung seiner Literatur ist aufs innigste unmoralisch,
ja von einer kriminellen Energie durchzuckt, die rein für sich selbst
fließt. Das entspricht völlig den Naturkräften, die sie
feiert; dennoch ist sie sie nicht. So etwas möchte Herrn Herbst wohl
passen! Doch will er sich nicht einmal, was vernünftig wäre, bereichern.
Und legt also keinen Wert darauf, Leseerwartungen zu erfüllen. Niemand
kann Lehren aus dem Buch ziehen. Es läßt Sie Ihren Alltag nicht
leichter ertragen. Selbst die Figuren des Buches entschlüpfen der Wertung.
Zwar handeln sie moralisch oder unmoralisch - doch immer nur je nach Standpunkt
der übrigen Figuren -, und letztlich ist keine von ihnen verantwortlich
für das, was sie tun: sie gehorchen tragischen Strukturen; es sind
- auf schlecht heideggersch: - Geworfene. Daß die sich für freie
Individuen halten, wirft sie nur auf besonders hinterfotzige Weise. Meine
Damen und Herren, wer von Ihnen sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung
als Person freien Willens bewußt ist, kann Herrn Herbsts Roman nicht
für ein Sinnbild nehmen. Insofern haben seine Kritiker ein größeres
Recht als die fünfzehn Bürger Ihrer Stadt. Schon das demokratische
Gesetz der Mehrheit steht dagegen. Freilich gefällt er sich noch in
der Pose des ästhetischen AntiDemokraten. Einmal stellte er zu meinem
Entsetzen sogar die Behauptung auf, gute Literatur sei jugendverderbend;
sei sie das nicht, sei sie schlecht. Ich kann die Frankfurter Allgemeine
Zeitung insofern gut verstehen, die Thetis. Anderswelt in verschiedener
Form dreimal verriß, selbst wenn die dadurch einem Buch entgegengebrachte
Aufmerksamkeit seltsam ungewöhnlich ist. Freilich mag das in der, wie
vormals ein Kritiker schrieb: notorischen Unbekanntheit seines Autors ihren
Grund gehabt haben. Jedenfalls wirkt ein ganz zu Recht wachsamer Argwohn.
Nicht nur vertritt Herr Herbst ein entschieden manieristisches Konzept,
sondern er ästhetisiert in voller Absicht Gewalt. Daß er dieses
Vorgehen durch seine oben skizzierte Auffassung entschuldigt, derzufolge
Kunst selbstregulativ und eben nicht von den Intentionen des Autors gesteuert
werde, macht es nicht besser. Wem nach Mord und Mythe ist, möge zu
südamerikanischen Autoren greifen; Ihre Literatur sollte ohne Makel
dastehn vor der Welt und Buße demonstrieren. Daß man sie außerhalb
Deutschlands eben deshalb nicht liest, spricht weniger gegen uns, als daß
es zeigt, was vom Ausland zu halten ist. Ein deutscher Dichter, der nicht
leidet, macht sich verdächtig. Daran führt kein Weg vorbei. Herbst
hingegen feiert. Er beruft sich auf Borges - immer interessieren ihn Reaktionäre
- und behauptet infam, das Unglück bedürfe einer Umwandlung ins
Schöne. Bekanntlich hatte sich der Argentinier auf die Odyssee berufen:
Die Götter wirken Ungemach, damit die künftigen Geschlechter etwas
zu singen haben.
Ich kenne diese Stelle nicht, aber es käme Herrn Herbsts Auffassung
von Literatur sehr entgegen, hätte Borges sie erfunden und Homer nur
unterschoben, um sie seinen Lesern aufzuwerten. Herbst tut so etwas dauernd.
Sei es, indem er sich auf angeblich objektive Sachverhalte bezieht, die
tatsächlich nie stattfanden, sei's daß er Bücher realexistierender
Autoren bespricht, von denen diese gar nichts wissen. Ständig sägt
er an den in die Fenster eingelassenen Gitterstäben herum, die Ihre
Realitäten vor dem Einbruch der Fiktionen sichern. Seine Behauptung,
man habe sich damit selbst ein- und die Wirklichkeit ausgesperrt, ist lächerlich.
Reicht es denn nicht, daß es bereits Leute gibt, die an Avatare wie
Lara Croft Liebesbriefe schreiben? Da werden Sie nicht mehr lange warten
müssen, um die ersten Suzizide aufgrund notgedrungenermaßen unerwiderter
Sehnsüchte mitzuerleben. Aber anstelle so etwas zu beklagen, anstelle
den von den neuen Medien verantworteten Wirklichkeitsverlust anzuprangern,
geht Herrn Herbsts Roman damit konform und benutzt sogar mich. Ja er hebt
den Unterschied zwischen künstlichen und wirklichen Menschen kurzerhand
auf. Er läßt uns aufeinander los. Was aber habe ich, ein Dschinn,
mit Ihnen zu schaffen? Freiwillig pflegte ich nicht eines solchen Verkehrs!
Meine Damen und Herren, Herrn Herbsts Literatur ist nicht dem Guten verpflichtet.
Lara Croft ist fiktiv, der Selbstmord real. Darauf gilt es zu beharren.
Thetis. Anderswelt auf die Wirklichkeit zu beziehen, wie es, wenn auch in
guter Absicht, der Richtspruch Ihrer Jury tut, kann nur Unheil zeitigen.
Mögen Sie das Buch als Fantasterei zu Ihrem leichten Gaudi lesen, -
über Geschmack läßt sich streiten. Es aber als Sinnbild
der Gegenwart aufzuwerten, macht aus dem Modell eine Gleichung und wird
auf Erziehung und Gemüth des Staatsbürgers durchaus verderblich
wirken. Denn indem Herbst in einem fort die Erzählebenen, ja Konturen
der erzählten Personen aneinander verwischt, ganze verschiedene Städte
ineinander kopiert und vor allem wirkliche Menschen darin auftreten läßt,
die er aber als erfundene behandelt, provoziert er das Mißverständnis
der Ähnlichkeit. Nicht einmal vor Geistern wie mir schreckt er zurück.
Und zerstört das Klare, die Grenze, das Gesetz und alles sonstige,
das einem zivilisierten Leben beruhigend zur Seite steht. So etwas kann
man nur verantwortungslos nennen. Dieses zum Ausdruck zu bringen, habe ich
mich, als Herr Herbst mich herbefohl, unbedingt verpflichtet gesehen. Daß
meine Rede mehr, als Ihnen Dankbarkeit auszudrücken, vor Ihrem Preisträger
warnt, ist dabei in Kauf zu nehmen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(c) by ANH, August 1999 |