Alban Nikolai Herbst
Rede
aus Anlaß der Verleihung des

Phantastik-Preises der Stadt Wetzlar zum 16. September 1999
gehalten von einem Feinde
  Sehr verehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

Alban Nikolai Herbst hat mich gebeten, den ihm verliehenen Preis an seiner Stelle entgegenzunehmen. Darüber hinaus erwartet er, daß ich einige Sätze zu Ihnen spreche, die nicht nur seinen Dank erstatten, sondern Ihnen auch einige seiner grundlegenden Positionen nahebringen.
Ich erstatte hiermit seinen Dank.
Was die grundlegenden Positionen anlangt, allerdings, bin ich in einer bizarren Lage. Denn ich möchte die Situation ganz im Gegenteil dafür nutzen, warnend auf die geneigte Leser-schaft einzusprechen. Auch wenn mir so etwas mittlerweile sinnlos vorkommen will. Viel-leicht aber lohnt sich dieses Mal meine obendrein lange und mühsame Reise; Sie werden wissen, daß sich der Dichter derzeit in Indien aufhält. Unser, ich möchte es Binnenverhältnis nennen, ist von Beginn an problematisch gewesen. Ich mußte ihn nur sehen, schon stand ich seinem Charakter und Werk skeptisch gegenüber. Aber um so lieber hat er mich für seinen Darsteller mißbraucht. Typischerweise hat uns eine Tageszeitung kürzlich verwechselt und ihn den Dichter-Darsteller genannt. Das hat ihn amüsiert. Dabei kennt er meine Position und stärkt sie auch noch. Es macht ihm Freude, mich mit seiner Verderbtheit zu foppen. Welcher Geist hielte so etwas klaglos aus? Neuerlich und neuerlich auf solcherart Aufträge gesendet zu werden, ist etwas, woran ich verzweifeln könnte. Dabei plant er lange voraus, plant überhaupt gerne. Wie anders wäre zu erklären, daß er mich bereits zu einer Zeit aus meiner Flasche rief und in meine spätere Aufgabe trainierte, zu der an die literarisch unverhältnismäßigen Ehren, welche ihm mittlerweile zuteil geworden sind, ebenso wenig zu denken war wie demzufolge an diesen unverhältnismäßig literarischen Flug Bombay-Wetzlar.
Aber auch, ist er persönlich zugegen, setzt er mich als seine Tarnkappe auf. Und ist rücksichtslos genug, sie auch für Tarnschuhe zu nehmen. Wie's sich mit ihm drin turnt, schert ihn nicht. Aber auch ohne ihn, meine Damen und Herren: Ich kann mich danebenbenehmen, wie ich will, letztlich ficht ihn nichts an. Dabei habe ich ihn bereits einige Male vor sehr kompetenten Leuten unmöglich gemacht. Doch immer wieder ruft er mich in die Maske des Interpreten seiner Texte, als welchen er mich sozusagen auf seiner Gehaltsliste hält. Gehalt ist natürlich das falsche Wort. Sondern er hat an meiner Flasche gerieben, die er, bis er sie seinerseits weiterverkaufen wird - und zur rechten Zeit, muß ich fürchten! -, immer in seiner Reichweite hält. "Dschinn, erscheine!" hat er auf seine unangenehme Weise gerufen, "Dschinn, erscheine, fliege nach Deutschland ins Hessische und nimm für mich diesen Preis entgegen. Hier ist dein Ticket." Daß er mich die Reise nicht auf meine Art tun ließ, die weder Zeitverlust noch Strecken kennt, zeugt besonders von seiner Mindergesinnung. Ich habe über die Jahrhunderte hinweg so viele Aufgaben übernehmen müssen, doch glauben Sie mir: keine ist so qualvoll gewesen wie diese. Ihn öffentlich bloßzustellen, hat keinen Zweck. Herr Herbst zieht in jedem Fall aus meinem Auftritt Gewinn. Freilich bloß deshalb, weil ja nicht er der Urheber seiner Werke ist, als welcher ich gelte, sondern eben jener Hans Erich Deters, den Sie, meine Damen und Herren, allezeit Grund gehabt haben, für Herbsts Figur zu halten. Darüber wurde bereits an anderen Stellen berichtet und ich erspare mir, den Sachverhalt abermals auszubreiten. Der Hinweis möge genügen, daß Herr Herbst die von Herrn De-ters angedrehte Schraube durch mich um ein weiteres gedreht hat. Ob an Daumen oder Geist, und an wessen, das zu entscheiden, steh ich nicht an.

Meine Damen und Herren, daß Sie einen Preis wie den Ihren einem solchen Autor zufallen lassen, überrascht mich und hat, muß ich sagen, auch ihn überrascht. Denn nicht zu Unrecht, meine ich, wird diese Literatur in den Feuilletons als schwierig und wirr gehandelt und als ein in den Köpfen ihrer Kritiker ganz unnötig herumknotendes Zeug, das schon wegen seines - ich zitiere den Kritiker Ueding - Bildungballasts jedermann unverdaulich im Magen liegt. Die Verdauungsapparaturen der fünfzehn Wetzlarer Bürger allerdings, die Ihre Jury stellen, scheinen von nicht so schwacher Konstitution zu sein. Was den irrtümlichen Gedanken nahe-legt, der sogenannte einfache Leser - so genannt, nicht weil er einfach wäre, sondern weil er einfach liest - habe einen weniger verstellten, einen durchaus vorurteilslosen Blick auf Literatur. Kein Zweifel, daß Herr Herbst das gerne so sehen möchte. Ich hingegen, weniger romantisch veranlagt als er, habe die Hoffnung, daß die Entscheidung der Jury auf einem Mißverständnis beruht. Herr Herbst selbst ist natürlich zu eitel, um eine solche Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Und ich werde den Teufel tun, sie ihm nahezubringen. Soll er nur feiern da drüben in seinem Maharashtra und, während ich fort bin, aus meinem Gefängnis sein süßes Lassi trinken! Die bittere Neige kommt hoffentlich nach.
Ich spreche, meine Damen und Herren, von dem Mißverständnis der Ähnlichkeit. Wenn etwas so aussieht wie das, was Sie kennen, ist es das weder, noch stellt es das dar. Das sehen Sie an mir, der ich und wie ich hier vor Ihnen stehe. Nicht einen Moment lang hätten Sie mich für das gehalten, was ich bin. Leider existiert zwischen Kunst und Leben dennoch ein Zusammenhang: Er beruht irgendwie auf jenem ominösen Dritten, das die formale Logik aus unseren Welterklärungsmodellen klugerweise ausgeschlossen hat. Nur eine bestimmte, meist elitäre Kunst bringt es mit krimineller Beharrlichkeit immer wieder ins Spiel und läßt nicht vergessen, daß in der Dichtung etwas sei, das sich weder auf die Sozialisation ihres Autors noch auf seine Gegenwart rückbinden lasse, ja es habe mit ihrem Urheber schlechterdings nichts zu tun. Dieses Dritte meint Herbst, als Das Fantastische zu fassen. Ich selbst bin, allein meiner Natur wegen, ein Gegner solcher Mythologie und der Kunst überhaupt. Lieber möchte ich von Texten reden: - nämlich weil dieses Fantastische weiterhin umtreibt, alles daran setzen, es endlich abzuschaffen. Nur wenn das gelingt, komme ich für immer aus mei-ner Flasche heraus. Die Begründung Ihrer Jury geht auch einige Schritte auf mich zu. Sind die fünfzehn Bürger nämlich bloß dem Mißverständnis der Ähnlichkeit erlegen, besagt das ja nichts anderes, als daß man sich einmal mehr von Herrn Herbst hat verführen lassen. Er tut so, als wäre das Fantastische notwendigerweise der im Kunstwerk schlagende Puls. Es ist aber auch ein anderes, ein nur-gemachtes Kunstwerk zu denken. Das hätten wir dann zur Gänze im Griff. So haben Absichten und Ansichten seines Urhebers nichts in ihm zu suchen. Kehren sie sich dennoch vor, spielen sie qualitativ keine Rolle. Ich lehne so etwas ab. Zumal nun das Mißverständnis der Ähnlichkeit ehrbare Menschen verleitet, ein solches Kunstwerk auszuzeichnen, weil es scheinbar Zustände abbildet, um sie zu kritisieren. Komme ein Roman aus solchen, sagen wir: politischen Gründen in den Genuß einer Belobung, dann sei das, so polemisiert Herr Herbst, zwar verständlich; indessen würde man dann auch den ethisch korrekten Filialleiter einer Sparkasse auszeichnen können. Es hat nun für mich etwas gehässig Feines, Herrn Herbst indirekt als einen solchen betrachtet zu finden. Vielleicht ahnte er das und wollte seinen Preis deswegen nicht persönlich entgegennehmen.
Selbstverständlich speist sich auch sein Roman aus der Realität. So unklug ist er nicht, das zu bestreiten. Läßt sich ja übergenug inspirieren, um nicht zu sagen: schlachtet die Wirk-lichkeit aus. Nur daß er die Kunst nach solcher Initialzündung eigengesetzlich neben ihrem Impulsgeber herlaufen lassen möchte. Und behauptet außerdem, ja insistiert auf dieser ganz verderblichen Ansicht: in gleichem Maß wie jene von dieser, werde Realität aus Kunst gespeist. Es liegt auf der Hand, daß Herr Herbst damit Unvermögen oder Desinteresse kaschieren will, der Dichtung eine menschlich wahre, das heißt: sozial verantwortbare Richtung zu geben. Er will, daß ich in der Flasche bleibe. Das Verhältnis eines Textes zur Realität ist nämlich bei Herrn Herbst in keiner Weise eines der Spiegelung, auch keines der Beschreibung, es ist weder eines der Sublimation noch des Protests gegen irgendwie schlechte Zustände. Bei manchem Autor, so meint er, möge derartiges zwar als Movens gedient haben; die Kunst selbst indessen bleibe davon im selben Maß unberührt, wie Sie nicht Ihre Eltern seien. Meine Damen und Herren, Herrn Herbsts Texte dienen keiner vernünftigen Absicht. Sie sind nicht einmal affirmativ. Indem er einer modernen Luxusvariante des L'art pour l'art frönt und dennoch von einer Verbindung zur Realität ausgeht, unterstellt er, seine Texte wirkten unabhängig von ihrem Schöpfer. Das ist antirationalistisch. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihre Preisvergabe einer solchen Haltung Vorschub leisten will.
Ich mag hier meinen Zeigefinger weder heben, noch ihn in dem Irrtum der Jury herumpulen lassen. Das wäre bei einer so problematischen Poetik wie der herbstschen, die den Dichter vom Polizisten oder Pädagogen trennt und rein gar nichts bewirken will, insgesamt verfehlt. Vielmehr mache ich uns eine partielle Blindheit bewußt, die einen ganz wesentlichen Teil der gegenwärtigen deutschsprachigen Literaturrezeption charakterisiert und charakterisieren muß, meine Damen und Herren. Die Blindheit wird als Augenklappe zur Uniform des mo-ralischen Anstands getragen. Tatsächlich garantiert einzig noch sie eine auf Vernunft und Sozietät fundierte Aufklärung. Als Flaschengeist weiß ich, und Sie als Menschen ahnen es, daß ihre Grundlagen illusorische sind. Aber Sie tragen zu sehr an den Wunden und müssen daran tragen wollen, die das selbsternannte Tausendjährige Reich Ihrem Gewissen schlug, als daß Sie auf eine solcherart definierte Identität verzichten dürften. Nur sollten wir, meine ich, uns dessen bewußt werden; nicht weil Ihre Haltung falsch ist, sondern weil solche wie Herr Herbst sonst eine fiktive Lanze in das Lindenblatt rammen, das Sie an dieser Stelle verletzbar hält. Sein Angriff auf Identität muß abgewehrt werden, und zwar um so mehr, als nicht bloß das sogenannte anything goes der Postmoderne (das in den aus ihr entstandenen Kunstwerken so nie gestimmt hat; das wissen Sie selbst, aber irgendwie muß man seinem Gegner Pari bieten), sondern der Weltlauf die Hoffnung, die Menschheit lasse sich auf Dauer zivilisieren, brutal zurückgeschlagen hat. Nicht nur das lawinenartige Vorrücken eines allumfassenden Cyberraumes gilt es abzuwehren, diesen Einbruch meiner Domäne in Ihre, sondern auf der genau anderen historischen Seite entzieht sich der jugoslawische Bürger-krieg, der den Schreibprozeß an Thetis. Anderswelt begleitet und manche Greuel des Romans auf das barbarischste inspiriert hat, jedem aufgeklärten Kalkül. Hier legt Herr Herbst nahe, es seien die Mänaden derer, die er Thetis nennt, in die Menschen gefahren. Fahren sie also jetzt, gleichsam um Ihre moralische Parteinahme gegen seine Indifferenz zu verhöhnen, in die siegreichen Kosovoraner? Bedeutet nicht dann, wenn Sie sein Buch als ein Sinnbild verstehen, auf seine Weise das Unheil noch zu rechtfertigen, da er sich doch implizit auf die Seite unbewußter, sozusagen natürlicher Triebkräfte schlägt? Merken Sie, wie brisant das ist? Helfen Sie lieber, die in die Schranken zu weisen!
Auch darin wirkt ein Mißverständnis der Ähnlichkeit, ja wird von Herrn Herbst noch gefüttert: Was der Wirklichkeit die Geschichte, sei der Fiktion die Erzählung. Diese Analogie, meine Damen und Herren, darf niemals mehr sein als eben das. In dem aus ebenso bedenklichen Gründen berühmten NationalEpos Geschichte und Eigensinn haben die Herren Kluge und Negt kommentarlos zwei Abbildungen untereinandergestellt: einmal die der Ausdehnung des Eises zur Eiszeit, zum zweiten die eines menschlichen Gehirns, das sich eben während dieser Epoche in seine heutige Gestalt ausgebildet hat. Beide Figuren sind nahezu identisch. Hier haben Sie einen Vorläufer des ständigen herbstschen Mitbrauchs. - Ich habe Ihnen einige Kopien machen lassen, die jetzt im Saal herumgehen dürften. - Was, meine Damen und Herren, kann eine so frappierende Ähnlichkeit besagen? Nichts! Gar nichts! Lassen Sie sich nicht täuschen! Das analoge Denken macht uns die 6 für die 9 vor. Und verlängert meine Gefangenschaft.

  Bild 1 Bild 2
 
Begehen wir also nicht den Fehler, die Geschichte der Erzählung gleichzusetzen. Zumal sich Herrn Herbsts Erzählung Geschichte ganz ungeschieden einverleibt. Man hat ja bereits darauf hingewiesen, daß er offenbar nicht auswählen kann. Ich fürchte, meine Damen und Herren, er will das nicht. Nimmt obendrein dieser Autor Partei, dann so, daß ihm ein Leser, der ethisch auf sich hält, unmöglich folgen kann. Ich erinnere an die sträflich unkorrekte Behandlung der gepiercten jungen Dame im Vorspiel des Romans. Mich peinigt so etwas. Dabei spreche ich noch gar nicht von den Säuglingsmorden. Die Schrecken Ihrer Wirklichkeit sind für ihn nichts anderes als Materialbatzen, die er sich zu meinem ständigen Unglück zu-rechtkneten kann.
Ich zitiere die Pressemitteilung der Jury:
Daß Alban Nikolai Herbst dabei die unglaubliche Vielschichtigkeit, die Schnelligkeit, Multikulturalität und Multimedialität unserer realen Welt unter Verwendung von Mythen-, Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Elementen in einem sprachlich gewaltigen Gesamtkunstwerk versinnbildlicht, macht dieses Werk zu einem bemerkenswerten Ereignis in der aktuellen Buchproduktion.
Meine Damen und Herren, das ist alles falsch. Herr Herbst versinnbildlicht nichts. Schon der Begriff Sinngebung ist ihm fremd. Er benutzt. Man kann das gar nicht böse genug betonen. Ihn interessiert das Opfer als Effekt. Die ganze Veranstaltung seiner Literatur ist aufs innigste unmoralisch, ja von einer kriminellen Energie durchzuckt, die rein für sich selbst fließt. Das entspricht völlig den Naturkräften, die sie feiert; dennoch ist sie sie nicht. So etwas möchte Herrn Herbst wohl passen! Doch will er sich nicht einmal, was vernünftig wäre, bereichern. Und legt also keinen Wert darauf, Leseerwartungen zu erfüllen. Niemand kann Lehren aus dem Buch ziehen. Es läßt Sie Ihren Alltag nicht leichter ertragen. Selbst die Figuren des Buches entschlüpfen der Wertung. Zwar handeln sie moralisch oder unmoralisch - doch immer nur je nach Standpunkt der übrigen Figuren -, und letztlich ist keine von ihnen verantwortlich für das, was sie tun: sie gehorchen tragischen Strukturen; es sind - auf schlecht heideggersch: - Geworfene. Daß die sich für freie Individuen halten, wirft sie nur auf besonders hinterfotzige Weise. Meine Damen und Herren, wer von Ihnen sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Person freien Willens bewußt ist, kann Herrn Herbsts Roman nicht für ein Sinnbild nehmen. Insofern haben seine Kritiker ein größeres Recht als die fünfzehn Bürger Ihrer Stadt. Schon das demokratische Gesetz der Mehrheit steht dagegen. Freilich gefällt er sich noch in der Pose des ästhetischen AntiDemokraten. Einmal stellte er zu meinem Entsetzen sogar die Behauptung auf, gute Literatur sei jugendverderbend; sei sie das nicht, sei sie schlecht. Ich kann die Frankfurter Allgemeine Zeitung insofern gut verstehen, die Thetis. Anderswelt in verschiedener Form dreimal verriß, selbst wenn die dadurch einem Buch entgegengebrachte Aufmerksamkeit seltsam ungewöhnlich ist. Freilich mag das in der, wie vormals ein Kritiker schrieb: notorischen Unbekanntheit seines Autors ihren Grund gehabt haben. Jedenfalls wirkt ein ganz zu Recht wachsamer Argwohn. Nicht nur vertritt Herr Herbst ein entschieden manieristisches Konzept, sondern er ästhetisiert in voller Absicht Gewalt. Daß er dieses Vorgehen durch seine oben skizzierte Auffassung entschuldigt, derzufolge Kunst selbstregulativ und eben nicht von den Intentionen des Autors gesteuert werde, macht es nicht besser. Wem nach Mord und Mythe ist, möge zu südamerikanischen Autoren greifen; Ihre Literatur sollte ohne Makel dastehn vor der Welt und Buße demonstrieren. Daß man sie außerhalb Deutschlands eben deshalb nicht liest, spricht weniger gegen uns, als daß es zeigt, was vom Ausland zu halten ist. Ein deutscher Dichter, der nicht leidet, macht sich verdächtig. Daran führt kein Weg vorbei. Herbst hingegen feiert. Er beruft sich auf Borges - immer interessieren ihn Reaktionäre - und behauptet infam, das Unglück bedürfe einer Umwandlung ins Schöne. Bekanntlich hatte sich der Argentinier auf die Odyssee berufen:
Die Götter wirken Ungemach, damit die künftigen Geschlechter etwas zu singen haben.
Ich kenne diese Stelle nicht, aber es käme Herrn Herbsts Auffassung von Literatur sehr entgegen, hätte Borges sie erfunden und Homer nur unterschoben, um sie seinen Lesern aufzuwerten. Herbst tut so etwas dauernd. Sei es, indem er sich auf angeblich objektive Sachverhalte bezieht, die tatsächlich nie stattfanden, sei's daß er Bücher realexistierender Autoren bespricht, von denen diese gar nichts wissen. Ständig sägt er an den in die Fenster eingelassenen Gitterstäben herum, die Ihre Realitäten vor dem Einbruch der Fiktionen sichern. Seine Behauptung, man habe sich damit selbst ein- und die Wirklichkeit ausgesperrt, ist lächerlich. Reicht es denn nicht, daß es bereits Leute gibt, die an Avatare wie Lara Croft Liebesbriefe schreiben? Da werden Sie nicht mehr lange warten müssen, um die ersten Suzizide aufgrund notgedrungenermaßen unerwiderter Sehnsüchte mitzuerleben. Aber anstelle so etwas zu beklagen, anstelle den von den neuen Medien verantworteten Wirklichkeitsverlust anzuprangern, geht Herrn Herbsts Roman damit konform und benutzt sogar mich. Ja er hebt den Unterschied zwischen künstlichen und wirklichen Menschen kurzerhand auf. Er läßt uns aufeinander los. Was aber habe ich, ein Dschinn, mit Ihnen zu schaffen? Freiwillig pflegte ich nicht eines solchen Verkehrs! Meine Damen und Herren, Herrn Herbsts Literatur ist nicht dem Guten verpflichtet. Lara Croft ist fiktiv, der Selbstmord real. Darauf gilt es zu beharren. Thetis. Anderswelt auf die Wirklichkeit zu beziehen, wie es, wenn auch in guter Absicht, der Richtspruch Ihrer Jury tut, kann nur Unheil zeitigen. Mögen Sie das Buch als Fantasterei zu Ihrem leichten Gaudi lesen, - über Geschmack läßt sich streiten. Es aber als Sinnbild der Gegenwart aufzuwerten, macht aus dem Modell eine Gleichung und wird auf Erziehung und Gemüth des Staatsbürgers durchaus verderblich wirken. Denn indem Herbst in einem fort die Erzählebenen, ja Konturen der erzählten Personen aneinander verwischt, ganze verschiedene Städte ineinander kopiert und vor allem wirkliche Menschen darin auftreten läßt, die er aber als erfundene behandelt, provoziert er das Mißverständnis der Ähnlichkeit. Nicht einmal vor Geistern wie mir schreckt er zurück. Und zerstört das Klare, die Grenze, das Gesetz und alles sonstige, das einem zivilisierten Leben beruhigend zur Seite steht. So etwas kann man nur verantwortungslos nennen. Dieses zum Ausdruck zu bringen, habe ich mich, als Herr Herbst mich herbefohl, unbedingt verpflichtet gesehen. Daß meine Rede mehr, als Ihnen Dankbarkeit auszudrücken, vor Ihrem Preisträger warnt, ist dabei in Kauf zu nehmen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(c) by ANH, August 1999